Der Amokläufer von Toronto, zu Papier gebracht von einem Gerichtszeichner.

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Immer mehr geraten sogenannte Incels in den Fokus der Öffentlichkeit. Die relativ junge Community der "involuntary celibates", der unfreiwillig Enthaltsamen, hat sich vor allem im Netz gebildet. Ihre radikalen Mitglieder verachten Frauen, weil sie denken, aufgrund ihres Aussehens keine sexuelle Beziehung zu ihnen aufbauen zu können. Schuld daran seien weibliche Personen selbst. In der Vergangenheit fiel die Gruppierung vor allem durch schwere Straftaten einzelner Personen, die sich selbst als "Incels" bezeichneten, auf: etwa bei einem Amoklauf in Toronto, bei der die Motivation des Täters war, so viele Frauen wie möglich umzubringen.

In einem aktuellen Papier illustrieren nun Informatiker und Forscher aus Deutschland, der Schweiz und den USA die bisher umfassendste Untersuchung der "Mannosphäre", also dem Phänomen der antifeministischen Bewegungen im Netz. Dafür wurden sieben Foren, mehrere spezialisierte Wikis und 57 Subreddits durchforstet. Insgesamt beinhalten die Datensätze die Konten von 138.000 Nutzern und insgesamt 7,5 Millionen Beiträge.

Mehrere Gruppierungen

Die "Mannosphäre" wird von den Forschern in vier große Gruppierungen eingeteilt: Die extremste Gruppierung stellen die besonders radikalen Incels, die einen tiefen Frauenhass hegen und die steigende soziale Stellung der Frau als "Plage" betrachten. Heirateten Frauen früher, um finanzielle Stabilität zu erlangen, würden sie nun nur attraktive Männer suchen, um mit ihnen zu schlafen, so die Ideologie dahinter. Frauen seien mittlerweile privilegiert – und dafür will sich die Gruppierung rächen. Sie gilt als die potenziell gewaltbereiteste Gruppe.

Men’s Right Activists (MRA) – Männerrechtsaktivisten – glauben, dass soziale Institutionen tendenziell Männer diskriminieren. Während ihnen in der Vergangenheit legitime Bedenken zugesprochen wurden, kritisiert beispielsweise die antirassistische NGO Southern Poverty Law Center den enorm misogynen Ton, in dem diese Argumentation häufig kommuniziert wird.

System "gebrochen"

Men Going Their Own Way (MGTOW) glauben, dass die Gesellschaft sich gegen Männer verschworen hat. Im Gegensatz zu der MRA fordern sie keinen gesellschaftlichen oder juristischen Wandel, sondern glauben, dass das System so gebrochen sei, dass es nicht gerichtet werden könne – und sehen die Lösung daher darin, den "eigenen Weg zu gehen". Das heißt für viele, seriöse Beziehungen zu Frauen zu meiden. Oft tritt das Phänomen mit extremem Antifeminismus und Misogynie gepaart in Erscheinung, so die Untersuchung.

Pick Up Artists (PUA) ist hingegen eine Community, die eine "Kunst" daraus gemacht hat, Frauen zu verführen. Influencer der Szene bezeichnen sich selbst als PUA und bringen anderen Männern, oft entgeltlich, bei, wie man eine Frau zum eigenen, häufig sexuellen Zweck manipulieren kann.

Große Migration – und Radikalisierung

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass ältere Gruppierungen immer mehr aussterben. Es herrsche eine große Migration innerhalb der Communitys, immer mehr würden sich die Nutzer aber radikalisieren und sich etwa den extremeren, hasserfüllteren Incels anschließen. So würden jährlich rund acht Prozent der beobachteten MRA- und MGTOW-Mitglieder zu der Incel-Community migrieren.

Für die Untersuchung wurde die Machine-Learning-gesteuerte Software Perspective von Google eingesetzt, die Beiträge wurden in Foren nach bestimmten Keywords durchforstet. Das Team verwendete diese, um eine Art Toxizitätswert zu bestimmen. Durch diese Methode kam man zu dem Schluss, dass die Wortwahl der Gruppierungen auf dem sozialen Medium Reddit weitaus hasserfüllter ist als die eines durchschnittlichen Nutzers – eher nähere die Rhetorik sich an rechtsextreme Communitys, beispielsweise auf der Plattform Gab.

Probleme

Eigens eingerichtete Foren seien hingegen noch toxischer als die Subreddits der Mannosphäre. In der Vergangenheit ist Reddit gegen die radikalen Gruppierungen vorgegangen – 2017 wurde etwa der Subreddit "Incels" gesperrt, vergangenes Jahr sein Nachfolger "Braincels".

Die Messung funktioniere den Forschern zufolge allerdings nicht ideal – so wurde Perspective in der Vergangenheit selbst für eine mögliche rassistische Voreingenommenheit kritisiert. Außerdem werden einige Codes, die von den Gruppierungen verwendet werden, übersehen – so sprechen die Nutzer teilweise in einer für Außenseiter kryptisch wirkende Sprache. (muz, 14.2.2020)