Nach und nach lichtet sich das breite Feld an Kandidatinnen und Kandidaten, die im November für die Demokraten gegen Donald Trump in die Wahl ziehen wollen. DER STANDARD hat die aussichtsreichen davon noch einmal kurz porträtiert – und auch jene, deren Kampf um die Kandidatur beinahe schon vorbei ist.

  • Bernie Sanders: Der Altlinke
Bernie Sanders ist der linke Favorit.
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Das Charisma des Mannes, der drauf und dran ist, Anführer einer Jugendbewegung zu werden, erschließt sich nicht auf den ersten Blick: 78 Jahre ist er alt, mit schlohweißem Haarkranz, hölzern im Duktus. Doch wenn Bernie Sanders – Selbstverortung: "demokratischer Sozialist" – so wie dieser Tage in Nevada eine Bühne betritt, kennen seine meist jungen Anhänger kein Halten mehr. Ihm – und nur ihm – trauen sie zu, Donald Trump aus dem Weißen Haus zu jagen. Nichts Geringeres als eine Revolution versprechen sie sich von dem Senator aus Vermont, der seit 1991 im Kongress sitzt. 2016 ist er noch knapp Hillary Clinton unterlegen.

Eine kleine Revolution ist ihm dieses Mal aber auf jeden Fall schon gelungen. Im Gegensatz zum Rest des Bewerberfelds – wo drei Viertel der Spendendollar von Großspendern stammen, meist Konzernen also – weiß Sanders eine Graswurzelbewegung hinter sich. Der New Yorker ist der Champion der Kleinspender, 56 Prozent seiner mit knapp 109 Millionen US-Dollar gefüllten Kriegskasse stammen aus Spenden unter 200 Dollar, also aus den Geldbeuteln von "Average Joe" und "Ordinary Jane", wie Sanders nicht müde wird zu betonen. Seit dem Caucus in Iowa, wo Pete Buttigieg den Altlinken auszubremsen vermochte, greift Sanders den jungen Ex-Bürgermeister frontal an: Dessen Mäzene seien Millionäre, nur er selbst verstehe die Sorgen der Menschen.

Die Parole "Bernie or Bust", also Sanders oder niemand, stellt freilich das große Fragezeichen hinter dem Phänomen Sanders dar: Immerhin 16 Prozent seiner Anhänger täten sich einer Umfrage zufolge schwer, stünde nicht Sanders im November Trump gegenüber, sondern ein anderer Demokrat.

  • Pete Buttigieg: Der Millennial
Pete Buttigieg gilt als Pragmatiker.
Foto: AP Photo/John Locher

Geld stinkt nicht: Über zu wenig Zuspruch von Amerikas Superreichen kann sich Pete Buttigieg (38), Ex-Bürgermeister der Kleinstadt South Bend, nicht beklagen: Ganze 13 US-Milliardäre öffneten einem Bericht von Forbes zufolge exklusiv für ihn ihr Börsel – mehr als für alle anderen Demokraten, die Donald Trump herausfordern wollen.

Buttigieg, Sohn eines Maltesers, mit einem Mann verheiratet, Afghanistan-Veteran, Rhodes-Stipendiat, sieht sich freilich weniger als Sprachrohr der Reichen und Schönen. Er will die Stimme der Millennials sein: jener Generation also, für die der amerikanische Traum von Fortschritt und Wohlstand mit der Wirtschaftskrise von 2008 geplatzt ist. Nach den ersten Vorwahlen in Iowa und New Hampshire liegt er mit insgesamt 23 Delegiertenstimmen knapp vor Sanders – eine veritable Sensation. Ob "Mayor Pete", wie er ob seines schwierig auszusprechenden Nachnamens ("Buh-deh-dschedsch") landauf, landab genannt wird, seine Hausse in die ethnisch und sozial heterogeneren Bundesstaaten Nevada und South Carolina retten kann, ist allerdings fraglich. Glaubt man den Auguren, steht der ehemalige Unternehmensberater aus Indiana gerade bei den strategisch wichtigen Afroamerikanern nicht allzu hoch im Kurs. Sein pragmatisches Image, das er sich in der abgehalfterten Autostadt South Bend erarbeitet hat, verfängt bei den weniger privilegierten Minderheiten bisher jedenfalls kaum.

Sein Sieg bei der Chaosvorwahl in Iowa hat Buttigieg gehöriges Selbstbewusstsein verliehen. Er allein, glaubt er, könne das Land einen – gegen Trump, versteht sich. Als unverhofftes Zugpferd der Zentristen muss er es freilich zuvor mit dem Linken Sanders aufnehmen.

  • Amy Klobuchar: Die Vermittlerin
Foto: REUTERS/Eric Thayer

Dass sich ihr – vom slowenischen Urgroßvater geerbter – Nachname für Wortspiele geradezu anbietet, dürfte Amy Klobuchar längst gewohnt sein. Geschenkt, dass Neologismen wie "Klomentum" oder "Klobucharge" auf Englisch weit weniger Grund zum Kichern bieten denn im Deutschen. Allein schon, dass die bis vor kurzem weithin unbekannte Senatorin aus Minnesota solcherart die Fantasie ihrer stetig wachsenden Fangemeinde zu beflügeln weiß, spricht in den Augen so mancher eher zentristischer Demokraten für die "Midwestern Nice", die Nette also aus dem Mittleren Westen.

Genau dort, bei den enttäuschten Weißen im weiten Land zwischen den Küsten, soll die 59-Jährige in den Jagdgründen Donald Trumps wildern. Als Oberstaatsanwältin in Minnesota erwarb sich die in Yale ausgebildete Juristin zu Beginn des Jahrtausends den Ruf, mit harter Hand gegen Kriminelle vorzugehen. Seit ihrem starken Abschneiden in New Hampshire wittert Klobuchar Morgenluft. Ihr Motto: Ab durch die Mitte! Wählern, die Sanders für einen orthodoxen Kommunisten halten und Buttigieg für einen technokratischen Kapitalisten, will Klobuchar ihren goldenen Mittelweg weisen. Selbst Abtreibungsgegner, so ließ sie nach ihrem Achtungserfolg in New Hampshire verlauten, fänden im "breiten Zelt" der Demokraten Platz. Bei Schwarzen und Latinos verfängt ihr rustikaler Charme Umfragen zufolge bisher weniger.

Knapp die Hälfte ihres – im Vergleich zu Sanders, Buttigieg und Biden – mit etwa 30 Millionen Dollar bisher eher schmalen Wahlkampfbudgets stammt von Großspendern, darunter Milliardäre aus der Finanz- und Immobilienbranche. Je früher Biden aufgibt, desto besser für Klobuchar, lautet die Formel.

  • Joe Biden: Der Bewahrer
Joe Biden setzt ganz auf Obama.
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Kein Tag zieht ins Land, kein Wahlkampfauftritt wird abgespult und kein Interview gegeben, ohne dass Joe Biden mit dem Namen seines früheren Chefs hausieren geht: Barack Obama hier, Barack Obama da; der 44. Präsident der USA, sagt Biden, habe den Menschen schließlich Segen und das Land weitergebracht. Und einzig er, der 77-Jährige, der ehemalige Vizepräsident und "Bro" des ersten schwarzen Präsidenten, könne fortführen, was Obama begonnen hat.

Zurück in die Zukunft: Vor allem in afroamerikanischen Gemeinden, so hofft Biden, hat der Name Obama noch Klang. Etwa in South Carolina, wo die Demokraten am 29. Februar über den Trump-Herausforderer abstimmen und Obamas Ex-Vize in Umfragen die Nase meilenweit vorn hat – auch wenn die beiden Schlappen in den überwiegend von Weißen bewohnten Staaten Iowa und New Hampshire Bidens Optimismus etwas gedämpft haben dürften.

So wirkt es heute beinahe grotesk, dass Trump ausgerechnet Joe Biden so sehr gefürchtet haben dürfte, dass er sich in der Ukraine um Wahlkampfmunition umsah. Das präsidiale "Anpatzen" verfehlte seine Wirkung freilich nicht: Dass Sohn Hunter im Osten Europas auf Vermittlung des Herrn Papa abcasht, stößt bei so manchem Demokraten auf wenig Verständnis. Zudem wirkt der Politveteran, der vor allem von Großspendern und Parteimitgliedern unterstützt wird, bei Auftritten erstaunlich fahrig, bisweilen auch aggressiv.

In Nevada und South Carolina muss sich Joe Bidens Wahlkampfzug jedenfalls schon gegen das Entgleisen stemmen. Will er tatsächlich Obamas Erbe bewahren, sollte er wohl schleunigst Bill Clinton zurate ziehen. Dessen Spitzname lautete nicht umsonst: Comeback Kid.

  • Elizabeth Warren: Die Planlose
Foto: EPA/ERIK S. LESSER

Die Geschichte der Elizabeth Warren ist eine Geschichte der Missverständnisse. Und – Achtung, Spoiler – ein Happy End ist nicht in Sicht. Lange hat es so ausgesehen, als sei es just der 70-Jährigen gegeben, erst ihre zerrissene Partei zu kitten und dann das noch viel gespaltenere Land.

Und doch steht die Senatorin aus Massachusetts nun, nach gerade einmal zwei Vorwahlen, vor dem Scherbenhaufen ihrer Kandidatur. In Iowa wurde sie Dritte, in New Hampshire gar nur Vierte. Das Lamento, ihr als Frau würden Schwächen schlicht weniger leicht nachgesehen als einem Mann, mag zu kurz greifen. Ganz falsch ist es aber nicht. Als "herrisch" wurde Warren gescholten, "lehrerinnenhaft" lautete ein anderes, ebenso süffisantes, Adjektiv.

Die Chronik ihres angekündigten Scheiterns kommt aber nicht ohne ein Kapitel über Warrens allzu wankelmütiges Verhältnis zur Causa prima der US-Linken aus: Anstatt gleich einen eigenen Plan aus dem Hut zu zaubern, wie das reichste Land der Welt endlich allen seinen Kindern leistbare Arztbesuche ermöglichen kann, legte sich Warren für "Medicare for All" ihres Konkurrenten Sanders ins Zeug. Während der jedoch freimütig einräumte, dass es dies ohne höhere Steuern für die Mittelklasse nicht spiele, verrannte sich Warren in sumpfigem Geschwurbel – so lange bis sie im November schließlich zurückrudern musste. Warum sich die mit allen Wassern gewaschene Linke ausgerechnet am Leib- und Magenthema ihrer Zunft aufrieb, zählt zu den großen Rätseln um Elizabeth Warren.

Die meisten ihrer Geldgeber, ähnlich wie bei Sanders vor allem Kleinspender, werden sich wohl spätestens nach dem Super Tuesday im März verabschieden. Wohin, ist kein Geheimnis: zu "Bernie".

  • Tom Steyer: Der Big Spender
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Geld mag die Welt regieren – Tom Steyer, klimabewegter Trump-Gegner aus Kalifornien, dürfte jedoch seinen Millionen zum Trotz das Oval Office nicht von innen sehen. Denn obwohl der 62-Jährige mit aktuell 206 Millionen Dollar von allen demokratischen Bewerbern das am prallsten gefüllte Wahlkampfbörsel sein Eigen nennt, blieb der ehemalige Goldman-Sachs-Manager bisher hinter seinen Ambitionen zurück.

In New Hampshire landete er nur auf dem sechsten Platz, Umfragen lassen den gebürtigen New Yorker aber zumindest in South Carolina auf einen Achtungserfolg hoffen. Im "Palmetto State" hat Steyer zuletzt viel mehr Geld in Werbung investiert als die Konkurrenz.

Weil der Milliardär seinen Wahlkampf – ähnlich wie Michael Bloomberg – fast zur Gänze selbst finanziert, attestieren ihm Beobachter einen womöglich längeren Atem als seinen Mitbewerbern, deren Sponsoren ungern auf das falsche Pferd setzen. In der Vergangenheit im Klimaschutz engagiert, würde ein Präsident Steyer als erste Amtshandlung den Klimanotstand ausrufen. Es bleibt wohl beim Konjunktiv. (Florian Niederndorfer, 15.2.2020)