Knapp 100 Milliarden Euro wiegt der Weltmarkt für Bio, und sein Boom ist ungebrochen.

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Innen hui, außen pfui. Damit soll aus Sicht der Biobranche Schluss sein. Jahrelang zählten für Europas biologische Produzenten vor allem die inneren Werte ihrer Lebensmittel. Mittlerweile stößt es vielen Konsumenten jedoch bitter auf, wird pestizidfreies Obst von Folien umwickelt, Superfood in Plastik eingeschweißt, veganes Joghurt aus Kunststoffbechern gereicht und Biokosmetik in Aludosen gefüllt.

Knapp 4000 biologische Anbieter aus aller Welt tummelten sich dieser Tage auf der Messe Biofach in Nürnberg – und ein Gutteil unter ihnen bemüht sich, durch weniger Müll und umweltverträglichere Verpackungen zu glänzen.

In der Verarbeitung von Heuballen übt sich etwa Creapaper. 20.000 Tonnen Gras aus Naturschutzgebieten macht der junge deutsche Betrieb jährlich zu Verpackungsmaterial und ist damit im gesamten Lebensmittelhandel vertreten. Auch Rewe Österreich und Spar, die in einzelnen Sparten nicht zuletzt auch auf Druck der Konsumenten und der Politik emsig Plastik reduzieren, bedienen sich seines Sortiments.

"Gras wird in der Papierindustrie in 30 Jahren neben Holz und Altpapier die dritte große Säule an Rohstoffen sein", ist Michael Kroheck, Vertriebschef des Unternehmens, überzeugt. Es koste nur ein Drittel mehr als Altpapier, sei aber günstiger als Frischfasern. Wiese, die ab Juni gemäht werden darf, gebe es dafür reichlich, allein in Deutschland wachse gut eine Million Tonnen Gras im Jahr ungenutzt heran. "Was für andere Abfall, ist für uns ein Rohstoff."

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Gemüseschalen und Palmen

Jonatura fertigt jährlich knapp 150 Tonnen an kompostierbaren Folien und Kunststoffbeuteln, primär aus Erdäpfelschalen. Seit zwei Jahren explodiere die Nachfrage an Biokunststoffen, erzählt Oliver Mielke, Chef des deutschen Betriebs. Jonatura wachse jährlich um bis zu 20 Prozent, auch in der österreichischen Gastronomie.

Bei den schnellen Snacks außer Haus stoßen Konsumenten zusehends auf Newcomer wie Greenbox. 20 Millionen Euro setzen die Deutschen mittlerweile nach eigenen Angaben jährlich mit Besteck, Schalen und Bechern aus Palmblättern, Zuckerrohr, Zellulose oder recyceltem Kunststoff um.

Viele Kunden akzeptieren es nicht mehr, dass ihnen ihr Essen in Plastik oder meterlanger Alufolie serviert wird, sagt Vertriebsleiter Jörg Ziegler. Mit europaweit gut 18.000 Kunden sei sein Geschäft der Nische längst entwachsen.

Kampf gegen Abfallberge

Joma, Marktführer bei Gewürzmühlen, erzeugt in Österreich in Brunn am Gebirge ein Zehntel der kleinen Behälter aus pflanzlichen Rohstoffen, Tendenz steigend.

Rückenwind gibt der Kampf gegen Abfallberge auch Start-ups wie Jausnwrap. Wie Schwammerln schießen kleine Betriebe aus dem Boden, die Lebensmittel von Bienenwachs umwickelt wissen wollen. Jausnwrap verarbeitet dafür im Waldviertel Biowachs aus Österreich und Deutschland, betont Gründer Benedikt Wurth. Dass jeder Bauernhof auf den Zug aufspringen könne, spiele es heute freilich nicht mehr, ergänzt er. Die Auflagen der Lebensmittelbehörden seien hoch, die junge Branche habe sich professionalisiert.

Ungebremst ist der Vormarsch der neuen Verpacker nicht. Vor allem bei tiefgekühlten und heißen Lebensmitteln fehlen oft taugliche Lösungen. Kompromisse muss die Biobranche bei Druckfarben wie der oft kürzeren Haltbarkeit eingehen. Bei den Preisen schlagen sich ökologische Alternativen mit teils erheblich höheren Kosten nieder.

"Richtig zu verpacken ist eine Kunst", sagt Emina Mandzuka, die sich mit ihrer Schwester in Wien mit Biopopcorn in 150 Sorten, von Algen bis Zitronenpfeffer, selbstständig machte. Mogelpackungen mit mehr als fünf Prozent an Luft sind ihr zuwider. Sie setze kompostierbare Folien ein, verzichte auf Lacke und viele bunte Farben.

Burger aus Jackfruit

Robert Rosenstatter, Chef der Marke Bio-Art, zählt Verpackung zu jenen Themen, die Biobetriebe und Händler nun am meisten bewegen. Er selbst lasse Sichtfenster weg, verkaufe viel in Kartons, versuche, auch auf recycelten Kunststoff zu verzichten. Denn der Konsument werfe alles, was nach Plastik aussehe, in einen Topf.

Ideen, dieses zu ersetzen, gibt es in Nürnberg jedenfalls reichlich. An den Messeständen finden sich unter den jüngsten Innovationen wie Burger aus Jackfruit, Käse aus Cashewkernen und Bananenblüten als Fleischersatz auch imposante Trinkhalme aus Nudeln.

Knapp 100 Milliarden Euro wiegt der Weltmarkt für Bio, und sein Boom ist ungebrochen. Innerhalb eines Jahres wuchs er um 4,5 Milliarden Euro. Rasant legen vor allem Bioanbauflächen zu, in Europa zuletzt vor allem in Deutschland und Frankreich, was deren Bedarf an Importen reduziert.

115 Fußballfelder täglich

Österreich erweitert seine Biofelder täglich im Ausmaß von 115 Fußballfeldern. 26 Prozent macht ihr Anteil an der gesamten Ackerfläche bereits aus. 758 neue Biobetriebe kamen allein im Vorjahr hinzu, rechnet Gertraud Grabmann, Obfrau der Bio Austria, die Österreichs Biobauern vertritt, vor, deren durchschnittliche Betriebsgröße auf 26 Hektar wuchs.

Der Flächenboom drückt die Preise und zwingt auch die Österreicher dazu, sich weltweit abseits viel gepriesener Regionalität neue Märkte zu suchen. Im Visier sind etwa die Golfregion und Japan. Die Österreicher gaben im Vorjahr im Lebensmittelhandel 580 Millionen Euro für Bio aus, wertmäßig ein Zuwachs von sieben Prozent. Unterm Strich hält Bio bei Lebensmitteln hierzulande einen Marktanteil von neun Prozent. Sehr viel Luft nach oben sieht Grabmann freilich noch in der Gastronomie.

Hitzige Expansion

Die Kritik, dass die hitzige Expansion zur Konventionalisierung und Banalisierung der Branche führt, da sie Qualität verwässere, geht für Michael Blass, Chef der Ama Marketing, ins Leere: "Wem bestehende gesetzliche Anforderungen nicht reichen, findet viele Siegel, die über EU-Anforderungen hinausgehen." Bio sei jedenfalls fixe Größe in der Vermarktung und im Export geworden.

Dem Ruf von Bio nicht zuträglich war der großflächige Einstieg Chinas ins Geschäft. In Nürnberg kommt Asien heuer zusätzlich die Angst vor dem Coronavirus in die Quere. Die Stände der Chinesen sind verwaist, die wenigen einsamen Vertreter bewachen ein paar Plakate, bestenfalls ein Häufchen trockener Hülsenfrüchte. Zu verkosten gibt es nichts. (Verena Kainrath, 15.2.2020)