"Neeeeeein, ich will nicht Schuhe anziehen!!!" Kommt das Kind in die gefürchtete Trotzphase, brauchen Eltern starke Nerven. Denn ab nun entwickelt das Kind den Wunsch nach mehr Selbstständigkeit. Es versteht, was es bedeutet, einen eigenen Willen zu haben und diesen auch durchzusetzen. Plötzlich wird ein einfacher Besuch im Supermarkt für die Eltern zur Zerreißprobe: "Schaffen wir es heute ohne Diskussion und Geschrei?" Einen emotionalen Machtkampf zwischen Eltern und Kindern direkt vor dem Süßigkeitenregal haben schon viele erlebt. Das Kind brüllt, weil es die Schokolade will, der Vater schwitzt, weil er genau weiß, dass ihn alle umstehenden Menschen anstarren.

"Keine Sorge, so geht es den meisten Eltern irgendwann einmal", sagt Vivien Kain. Sie ist Individualpsychologin und zertifizierte Expertin für Säuglings-, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. "Das Autonomiestreben bei Kleinkindern ist eine wichtige Entwicklungsphase und deren Abschluss ein Meilenstein in der Persönlichkeitsentwicklung."

Gerät ein Kleinkind in einen Wutanfall, ist es wichtig, beim Kind zu bleiben und es nicht zusätzlich zu schimpfen.
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Warum ist die Trotzphase wichtig?

Bei den meisten Kindern macht sich die Trotzphase erstmals im Alter von zwei Jahren bemerkbar. Die Möglichkeiten für und der Wunsch nach mehr Selbstständigkeit des Kindes nehmen zu, und es darf dadurch eigene Kompetenzen erlernen. Die Kinder entwickeln eine Selbstwahrnehmung und erleben ihren eigenen Willen.

"Ein angemessener Umgang mit Emotionen ist eine zentrale Kompetenz, die Kinder und Jugendliche im Laufe ihrer Entwicklung erwerben müssen", sagt Kain. "Auf diese Weise erlernen Menschen, ihre eigenen Ziele in Einklang mit sozialen Anforderungen zu bringen. Dies bezeichnet man als Emotionsregulation. Hierfür bietet die Autonomiephase einen wichtigen Entwicklungsrahmen."

Die Phase des Autonomiestrebens kann bis ins sechste Lebensjahr anhalten. Bei vielen Kindern beruhigt sich dieser deutliche Widerstand aber im Alter von etwa vier Jahren wieder. Im Grundschulalter ist der bewusste Umgang mit Wut und Frustration meistens so weit ausgeprägt, dass Trotzanfälle nicht mehr sehr häufig auftreten. Wie lange die Autonomiephase tatsächlich anhält, hängt laut der Expertin aber zu einem großen Teil von den emotionalen Antworten und vom Umgang der Erwachsenen / der Bezugspersonen mit dieser Phase ab.

Wie gehen Eltern mit dem trotzigen Kind um?

Streiten, ständiges Neinsagen, gefühlt wenig Kooperationsbereitschaft, Verweigerung, Rückzug, Schreien, Strampeln, Beschimpfen, Schluchzen, Schlagen, Beißen, sich bis zur Bewusstlosigkeit ärgern. Trotz sei bei jedem Kind individuell stark ausgeprägt bzw. sichtbar. "Die Intensität und Ausprägung vom Gefühl des Kindes hängt auch davon ab, wie laut oder deutlich es sein Gefühl kommunizieren muss, um in seiner subjektiven Wahrnehmung gesehen und gehört zu werden", sagt Kain. Die Rückmeldung der Bezugsperson sei also wesentlich: "Um die Situation zu entschärfen, muss das Kind klar und deutlich erkennen, dass es wahrgenommen wird." Außerdem sei es für Bezugspersonen wichtig, ruhig zu bleiben, sich nicht auf einen Machtkampf einzulassen und Grenzen zu setzen.

Ein Perspektivenwechsel: Kain fordert Eltern und Bezugspersonen in ihrer Praxis auch dazu auf, sich selbst in Konfliktsituationen zu beobachten und zu hinterfragen: "Unsere Kinder sind bekanntlich unser Spiegel. Die Vorbildwirkung ist nicht zu unterschätzen."

Nach außen trotzig, doch innen ängstlich

Die Trotzphase und einhergehende Wutanfälle sind aber nicht nur für die Eltern eine Zerreißprobe. Beginnen Kleinkinder sich von ihren Eltern langsam emotional abzulösen und autonomer zu werden, kann dies laut Kain ambivalente und oftmals überfordernde Gefühle auslösen: "Für die Kinder fühlt es sich auf der einen Seite toll an, nicht mehr für alles Mama und Papa zu brauchen, sie sind jetzt immer öfter ihr eigener Chef, werden selbstständig. Auf der anderen Seite sind sie aber noch immer sehr bedürftig und abhängig." Die Psychotherapeutin weiß aus Erfahrung, dass dieser Zwiespalt oft überfordernd sein kann – sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. "Kinder brauchen in dieser Phase unsere Zuwendung, unsere Zuneigung, unser Wohlwollen und Halt." Kain beschreibt dies in einer konkreten Situation:

Der dreijährige Max möchte das Haus nicht verlassen. Stur sitzt er auf dem Boden. Jedes Mal, wenn seine Mutter ihn bittet, seine Schuhe anzuziehen, schreit er laut: "Nein." Die Mutter sieht auf den ersten Blick nur das bockige Kleinkind, das seinen Willen durchsetzen will. In Wahrheit löst jedes Nein, das Max herausschreit, viel Unsicherheit in ihm aus. Auf dem Weg nach mehr gelebtem Willen hat das kleine Kind insgeheim Angst, bei zu viel Widerstand die Zuneigung der Eltern zu verlieren oder von den Eltern verlassen zu werden. Es begibt sich mit seinem Trotz in eine bedrohliche Situation, die laut Kain nur durch die Bezugsperson entschärft werden kann.

Für das Kind sei es deswegen wichtig, ernst genommen zu werden: "Je mehr es das Gefühl erhält, dass sein Wunsch übergangen wird oder es vielleicht sogar bestraft wird, desto stärker verliert es sich im Widerstand und in der Auflehnung dieser Grenzen."

Ein Wutanfall aus Sicht der zweijährigen Lisa:

"Heute gibt es Toast, ich liebe Toast. Mama sagt, dass ich meinen zuerst bekomme. Sie legt mir den Toast auf den Teller und reicht mir das Ketchup. "Möchtest du das Ketchup selbst auf den Teller geben?", fragt sie mich. Ich möchte! Ich kann das nämlich schon sehr gut. Doch was macht Mama jetzt? Sie nimmt das Messer … "Nein", schreie ich. Sie schneidet meinen Toast in zwei Hälften. "Nein!" Das wollte ich machen. Ich kann das ja schon. Warum lässt sie mich das nicht machen? Ich bin wütend. Sie hat den Toast falsch geschnitten. Ich bin kein kleines Baby mehr – ich wollte das machen. "Was ist denn Lisa?", fragt mich Mama. "Toast, Toast", schreie ich. "Da ist er ja", sagt Mama. Sie versteht mich nicht. Ich will den Toast jetzt nicht mehr. Ich habe mich so auf meinen Toast gefreut. Ich bin traurig, weil mein Toast nun kaputt ist. "Bitte Lisa, iss den Toast jetzt", sagt Mama mit ihrer bösen Stimme. Ich kenne diese Stimme. Ich will aber nicht! Ich will einen neuen Toast. Ich werfe den Toast auf den Boden und weine."

Vivien Kain schildert nachstehend zwei Möglichkeiten, wie man auf den Wutanfall reagieren kann:

Falsch: Mama ist wütend auf Lisa, die den Toast mitsamt dem Ketchup auf den Boden geworfen hat! Während sie sich auf das Aufwischen des Drecks am Boden konzentriert (nicht in Beziehung zu Lisa bleibt), schimpft sie vom Boden aus (kein Blickkontakt, kein Körperkontakt) zu Lisa hoch, die noch immer weinend an ihrem Platz sitzt. Mama erklärt Lisa, dass sie ihr nicht helfen könne und dass es jetzt nur diesen Toast gibt. "Wenn sie diesen nicht essen würde, gehe sie eben hungrig ins Bett (das wäre die Bestrafung), es gibt erst morgen wieder etwas. "Warum musst du dich immer so aufführen, Lisa?", fragt Mama noch. "Ich habe dich jetzt schon das Ketchup selber auf den Teller geben lassen, obwohl du eine Riesenpatzerei gemacht hast. Nie ist es genug für dich! Das nächste Mal darfst du das Ketchup nicht mehr auf den Teller geben, man sieht ja, was passiert." (Mama nimmt Lisa damit eine Kompetenz, die sie bereits hatte und konnte, wieder weg.) Lisa schreit nun noch mehr und noch lauter, da sie nicht versteht, warum Mama so unglaublich böse auf sie ist und sie so bestraft. Lisa ist traurig, grantig und entmutigt. Sie weigert sich, weiter den zerschnittenen Toast zu essen. "Mama versteht mich nicht", denkt sie.

Was ist passiert?

Vivien Kain: "Die Mutter ist überfordert und demonstriert ihre Macht über die Tochter, indem sie sie bestraft. Die Tochter geht dadurch in einen weiteren Widerstand, sie erfährt zudem Entmutigung."

Richtig: Mama setzt sich zu Lisa hin (bleibt in Beziehung), nimmt ihre Hand (Körperkontakt), schaut sie an (Blickkontakt) und formuliert in kurzen Sätzen immer wieder wiederholend das Gefühl, welches Lisa bei ihr hinterlässt: "Jetzt hat die Mama etwas falsch gemacht. Du wolltest es anders. Jetzt musst du dich über die Mama ärgern." Noch bietet die Mutter keine direkte Lösung an, da sie selber ja auch noch nicht verstanden hat, was ihre Tochter eigentlich wollte, sondern gibt ihr lediglich das Gefühl, dass sie deren Emotionen wie Ärger, Wut, Traurigkeit und Sich-klein-Fühlen aushält. Es dauert, bis Lisa sich beruhigen kann. Mama ärgert sich aber auch über Lisas Reaktion und teilt ihr in kurzen Sätzen ihr eigenes Gefühl mit: "Ich ärgere mich, dass du den Toast auf den Boden geworfen hast! Mit Essen werfen wir bitte nicht!" Sie bietet Lisa die Möglichkeit, ihr eigenes Gefühl in einem passenden Rahmen leben und spüren zu dürfen, hilft ihr somit dabei, eine gesunde Emotionsregulation erlernen zu dürfen. Auf diese Weise kann die Tochter ihre Mutter authentisch wahrnehmen und erlebt, dass die Mama sich nicht aus der Beziehung zurückzieht oder sie verlässt. Wenn Lisa sich beruhigt hat, hebt Mama den Toast vom Boden auf und bietet ihr den gleichen Toast nochmals an. Vielleicht gelingt es dann beiden zu verstehen, was Lisa ursprünglich wollte, und sie bekommt das Messer, um den Toast ein weiteres Mal durchzuschneiden. Dann kann sie das ursprüngliche Bedürfnis, ihrer Mama zu zeigen, was für ein großes Mädchen sie schon ist, ausleben. Sollte Lisa ihrer Mama nicht vermitteln können, worüber sie sich geärgert hat, wird sie sich dennoch von ihrer Mama in ihrem Ärger verstanden gefühlt haben, was ganz oft reicht und eine korrigierte Handlung gar nicht mehr notwendig macht. Lisa wird den bereits durchgeschnittenen Toast höchstwahrscheinlich noch essen.

Was ist passiert?

Vivien Kain: "Eine brauchbare, Halt gebende und Autonomie fördernde Antwort der Mutter auf Lisas Unmut, bei der die Mutter selber auch bei ihrer Grenze bleibt und ihre eigenen aufkommenden Gefühle spiegeln darf."

Wutanfälle verstehen lernen

Für Eltern und Bezugspersonen sei es oft einfacher, mit Wutanfällen umzugehen, wenn sie erst einmal verstehen, was dahintersteckt. Häufig wollen Kinder zum Beispiel etwas alleine machen, wie etwa im oben genannten Beispiel den Toast durchschneiden, aber dann werden sie gebremst. Kain dazu: "Selbst wenn das Kind die Fähigkeit hätte, es alleine zu schaffen, neigen wir als Eltern manchmal dazu, es dennoch zu verbieten, da es dadurch zu lange, zu anstrengend, zu dreckig werden würde. Dies führt zu Entmutigung, und die Antwort ist oft der Trotz."

Eine andere Situation: Das Kind spielt gerade vertieft in seinem Zimmer Lego. Plötzlich kommt der Vater herein und fordert es auf, sich anzuziehen, weil es nun in den Kindergarten müsse. Für das Kind eine unvorhersehbare Situation, auf die es sich nicht ausreichend im Vorfeld einstellen konnte. "Nur weil es für uns Erwachsene klar ist, dass wir jeden Tag in der Früh um die gleiche Uhrzeit das Haus angezogen verlassen, muss es das (noch) nicht für unser Kleinkind sein", sagt Kain.

"Du darfst dir nur eine Süßigkeit aussuchen", sagt die Mutter im Supermarkt. Das Kind nimmt das Überraschungsei. Dann dreht es um, legt es zurück und nimmt etwas anderes. Es kann sich nicht entscheiden und ist mit seinen Möglichkeiten völlig überfordert. Kain weiß, warum gerade in Supermärkten so oft geschimpft wird: "Zu der oben beschriebenen Überforderung mischen sich vielleicht noch Müdigkeit und Reizüberflutung. Ein wunderbarer Nährboden für Wutanfälle."

Klare Regeln, ja – schimpfen, nein

Für Kinder unter drei Jahren sind Regeln oft schwer verständlich, denn sie können sich noch nicht in andere hineinversetzen. Kain weiß aber, dass bereits sehr kleine Kinder die emotionale Haltung der Eltern spüren: "Sie merken, wenn man ihnen Halt, Orientierung und Sicherheit in liebevoll gesetzten Grenzen gibt." Dies sei vor allem darauf zurückzuführen, dass Kommunikation zu einem elementaren Teil nonverbal durch unsere Mimik, Gestik, Haltung und unseren Tonfall besteht.

Das Kind zu bestrafen, erachtet die Psychologin aber als kontraproduktiv. "Kinder sollen lernen dürfen, dass sie Aufgaben und Pflichten haben, weil es sie selber voranbringt, weil sie selber davon einen Nutzen haben. Wenn Kinder etwas nur aufgrund der gefürchteten Bestrafung oder in Hoffnung auf die Belohnung tun, verliert sich in ihnen das Gefühl der Handlungsfähigkeit, des eigenen Bestrebens nach Weiterentwicklung." So könne eine Drohung wie etwa "Wenn du das Gemüse nicht isst, gehen wir nicht in den Park" dazu führen, dass ein Kind nie spürt, dass Gemüse gut schmeckt. Laut Kain würden Kinder irgendwann nur noch aus Angst vor der Bestrafung etwas tun oder nicht tun – nicht aus ihrem Selbstwillen heraus. Mit Belohnungen sei es ähnlich: "Am Ende des Tages ist es eine Bestechung, um Gutes zu tun. Dabei wollen Kinder von Natur aus Gutes tun", sagt Kain. "Wir dürfen Demokratie nicht nur als politisches Ideal leben. Wir dürfen sie auch als Lebensweise im Umgang mit unseren Kindern spüren." Aus der Sicht von Vivien Kain sei dies die brauchbarste Erziehungshaltung." (Nadja Kupsa, 5.3.2020)