"Erbitterten Widerstand" kündigte die deutsche Journalistengewerkschaft dem Kandidaten für den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, an, wenn er meine, er brauche nur noch Youtube, nicht aber die herkömmlichen Medien für seine politische Arbeit. Youtube statt Fernsehen? Das passt ins größere Bild, das sich buchstäblich vor unseren Augen entfaltet. Die Deutungshoheit über die bewegten Bilder liegt nicht mehr beim Fernsehen, schon gar nicht beim öffentlichen.

Vielmehr schickt sich eine Armada privater Internetanbieter an, das digitale Fernsehen umzukrempeln. Leicht fällt ihnen das nicht in einer Zeit, in der die digitalen US-Plattformen wie Netflix, Youtube, Disney+ und bald auch Apple TV+ den nationalen Veranstaltern nur noch Brosamen der üppigen Werbeeinnahmen übrig lassen. Und um die balgen sich Anbieter mit schrillem Programm.

Auf steile Lernkurve hoffen

Da moderieren sich begabte wie unbegabte Fernsehgesichter fröhlich und unbedarft durch den Tag. Unbekümmert und oft bar jeglicher professioneller Standards oder gar Ethikregeln. Die dazugehörenden Brands heißen in Österreich Schau TV, Krone / Adabei TV und oe24.tv; in der Schweiz seit 17. Februar neu Blick TV. Redaktionelle Kostprobe gefällig?

Frage der Moderatorin an ihren Studiogast, den ehemaligen Schweizer Bundesrat (Minister) Adolf Ogi: "Warum sind Sie heute zu uns ins Studio gekommen?" Antwort: "Weil ich eine Einladung bekommen habe." Selbstgedrehte, zugekaufte oder aus den Tiefen des Internets gezerrte Kurzvideos laufen neben Talk-Elementen und User-Videos in Endlosschleife auf den Online-Plattformen. Wer sich von solchen Digitalsendern durch den Tag begleiten lässt, kann nur auf eine steile Lernkurve hoffen.

Wer hingegen das größere Ganze in den Blick nimmt, stellt fest: So harmlos, wie sie auf den ersten Blick erscheint, ist die schrille Bilderwelt nicht. Eingefleischte Möchtegern-Digital-Natives fortgeschrittenen Alters zucken an dieser Stelle vielleicht die Schulter: Endlich komme Bewegung in die verkrustete Fernsehlandschaft, die staatsnahe Anstalten (öffentlicher Rundfunk) und deutsche Konzerne in der Hand renditeorientierter Investoren (privater Rundfunk) wie Großgrundbesitzer unter sich verteilen. Jetzt brechen endlich tausend Blumen durch den Asphalt.

Bewegtbildflut: Wo ist der Nutzen?

Richtig ist, dass diese Internet-TV-Sender den Wettbewerb gehörig anheizen. Auch wenn Marktanteil und Reichweite niedrig sind, ziehen sie doch Aufmerksamkeit auf sich. Der aktuelle "Digital News Report" zeigt, dass 26 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher regelmäßig Nachrichtenvideos auf einer einschlägigen Plattform konsumieren. Je jünger, desto häufiger. Im Gegenzug bildet das klassische Fernsehen nur noch für zehn Prozent der 18- bis 24-Jährigen die Hauptnachrichtenquelle. Bei den über 55-Jährigen immerhin noch für 40 Prozent. Im Kampf um die Aufmerksamkeit haben bewegte Bilder auf kleinen Bildschirmen gute Karten. Und darauf setzen die neuen Internet-Fernsehkanäle.

Richtig ist auch, dass die Herstellungskosten für Fernsehen über das Internet massiv gesunken sind. Ein fernsehtaugliches Pult zum Verlesen von Meldungen lässt sich mit wenig Aufwand in jedem Winkel eines Newsrooms aufbauen. Als Kamera reicht ein gutes Smartphone, und schon ist ein Beitrag auf eine Videoplattform hochgeladen. Das erzeugt eine Bewegtbildflut, in der sich das herkömmliche Fernsehen erst einmal behaupten muss.

Kann das klassische Fernsehangebot noch mithalten?
Foto: AP Photo/Patrick Semansky

Aber gilt für diese bewegte Bilderwelt das Prinzip "Viel hilft viel"? Da stellt sich zum einen die Frage nach dem direkten Nutzen. Ja, die Vielfalt an Stimmen in der Öffentlichkeit nimmt zu. Ja, die Auswahl an Programmangeboten für die Zuschauerinnen und Zuschauer wird bunter. Nein, die Veranstalter dieser Programme investieren in der Regel nicht in Qualität – sie verdienen ja auch (noch) kein Geld damit. Und ja, übersteigerte journalistische Egos feiern fröhliche Urständ, wenn etwa Wolfgang Fellner in seinem Oe24-Talk die Anstandsregeln im öffentlichen Gespräch selbstgefällig und situationselastisch nach Belieben beugt. Dem redet offenbar keine Redaktion kritisch drein.

Zum anderen stellt sich die Frage nach den Opportunitätskosten: Welche Folgekosten verursachen solche Sender? Zunächst werden die ohnehin schon massiv geschrumpften Werbemittel auf noch mehr Veranstalter verteilt. Hier sorgt wohl die Marktdynamik allein für eine Flurbereinigung. Schwerer wiegen die gesellschaftlichen Kosten: Die Internet-Fernsehsender entsprießen gehäuft dem journalistischen Boulevard. Bewegte Bilder verlängern den populären und oft populistischen Journalismus aus der Printwelt auf den Smartphone-Bildschirm. Auch das wäre für eine gefestigte Demokratie gut auszuhalten, wäre da nicht die Verflechtung mit den digitalen Plattformen, den sogenannten "sozialen Medien".

Natürlicher Feind des Populismus

Neu multiplizieren, oder potenzieren, sich Skandalisierung, Halbwahrheiten, Falschnachrichten und Hassreden zu einem giftigen Gemisch – bei hoher Nutzungsakzeptanz durch vor allem jüngere Menschen. Die kurzen Videosequenzen werden auf den Plattformen geteilt und erhalten in kurzer Zeit viel mehr Aufmerksamkeit, als ihrem Nachrichtenwert eigentlich zukommt.

Was sich da zusammenbraut, ist unerfreulich: Je populistischer sich diese TV-Sender ihrer Werbezielgruppe andienen, desto weiter entfernen sie sich vom faktenbasierten, wahrheitssuchenden und investigativen Journalismus. Regeln für die Zulassung, so wie für den öffentlichen Rundfunk (ORF-Gesetz) und die privaten Fernsehanstalten (Mediendienstegesetz), gibt es im Internet nicht. Da warten medienpolitische Aufgaben auf die neue Bundesregierung.

Zu guter Letzt spüren auch noch jene Aufwind, die aus der scheinbar wachsenden Fernsehvielfalt strategisch und mit Absicht die falschen Schlüsse ziehen. Boris Johnson stellt in Großbritannien die BBC infrage und Norbert Hofer in Österreich die Gebührenfinanzierung des ORF. Anstatt die Gefährdung der demokratischen Öffentlichkeit entschlossen zu bekämpfen, rütteln sie an deren Grundlagen. Erstaunen kann das nicht: Journalismus auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem schönen Schein ist der natürliche Feind des Populismus. Die Wissenschaft übrigens auch.

Friedrich Merz hat unterdessen Kreide gefressen. In einem offenen Brief an den Journalistenverband beeilte er sich zu erklären, er halte "die Pressefreiheit für eine der Grundvoraussetzungen einer offenen und freien Gesellschaft". Also Youtube und Fernsehen. (Josef Trappel, 2.3.2020)