Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will die Banlieue-Zonen rechtzeitig vor den Kommunalwahlen im März "für die Republik zurückerobern".

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In Frankreich etabliert sich der neue Begriff des "islamistischen Separatismus". Er entstammt einem vielbeachteten Buch des Politologen Bernard Rougier namens "Die vom Islamismus eroberten Territorien". Die umfangreiche Feldstudie berichtet von der Abschottung ganzer Wohnquartiere unter dem Druck salafistischer Prediger. Sie führen eigene Regeln ein – strengere Kleidersitten für Frauen, bekleidetes Duschen für Männer in Sportvereinen; dazu nur noch Halal-Essen in den Kantinen oder Arbeitszeiten gemäß islamischen Gebetsregeln.

Rougier verhehlt nicht: Frankreich hat die urbanistischen Voraussetzungen selber geschaffen, indem es die Immigranten aus dem Maghreb in den Sechziger- und Siebzigerjahren in neu errichteten Zonen am Stadtrand einquartierte. Und bis heute verschlösse die Nation die Augen vor diesen "Enklaven", schreibt er.

"Islamistischer Separatismus"

Emmanuel Macron will diese Banlieue-Zonen nun "für die Republik zurückerobern". In der elsässischen Stadt Mulhouse, die mehrere Problemviertel kennt, sagte er dem "islamistischen Separatismus" Mitte Februar bei einem wohlinszenierten Auftritt den Kampf an. Unter anderem wolle sein Land ab 2024 keine ausländischen Imame mehr zulassen, führte er aus. Nur so ließen sich Hasspredigten verhindern, die den Nährboden für die Radikalisierung anfälliger Zuhörer und damit auch für Terroranschläge bildeten.

Macrons Auftritt war sicher auch auf die Kommunalwahlen im März in Frankreich terminiert. Die gewichtigste Kritik kommt von dem neuen Rektor der Großen Moschee in Paris, Chems-Eddine Hafiz. Der gemäßigte Würdenträger leitet seit Jänner den wichtigsten, 1926 gegründeten Gebetsort der gut fünf Millionen französischen Muslime. Er empfängt mit Pfefferminztee und orientalischer Gastfreundlichkeit, spricht aber politisch Klartext. Macrons Imam-Projekt bezeichnet er als "unüberlegt". Über das Ziel – die Rückweisung eines "kriegerischen Islam" – herrsche zwar Einigkeit, meint der 65-jährige Franko-Algerier. Doch die Methode sei kontraproduktiv: "Das Verbot ausländischer Imame fördert nur die Radikalisierung gewisser Moscheen."

Es trifft die Falschen

Warum das? "Weil es die Falschen trifft", meint Hafiz und entrollt eine Argumentationskette wie der erfolgreiche Anwalt, der er früher war. In Frankreich gibt es ungefähr 2.500 Moscheen und andere Gebetsorte, aber nur 400 eingeschriebene Imame (700 während des Ramadan). Von diesen 400 stammen nur hundert aus Frankreich selbst. "In Frankreich haben sie keine soziale Anerkennung und keinen Status", meint der ebenso breitschultrige wie sanftmütige Rektor. "Die jungen Islam-Studenten schrecken deshalb vor einer Ausbildung zurück, die weder Zukunftsperspektiven noch soziale Sicherheit bietet."

Daher muss Frankreich die Mehrheit der Imame "importieren". Der frühere konservative Staatschef Nicolas Sarkozy schloss 2004 eine Übereinkunft mit Algerien – das bereits die Große Moschee von Paris unterhält –, aber auch mit Marokko und der Türkei. Das Parlament in Algier legt zum Beispiel jedes Jahr ein Budget für die Entsendung von 120 Imamen nach Frankreich fest. "In ihrem Land haben sie einen offiziellen Beamtenstatus", erklärt Hafiz. "Bevor sie nach Paris, Lyon und Marseille reisen, müssen sie Französisch lernen. Zudem müssen sie die französische Rechtsordnung kennen." Dazu gehört etwa das Verbot, eine religiöse Trauung ohne Vorhandensein einer zivilen Ehe zu schließen. Auch in ihren Predigten müssen sie die Gesetze der Republik über die der islamischen Scharia stellen.

Nichteinmischungsprinzip als Problem

Wenn diese "staatstragenden" Imame nicht mehr zugelassen sind, könnten kleinere Moscheen und obskure Gebetsräume versucht sein, Prediger ohne amtliche Zulassung anzuheuern, glaubt Hafiz. Unter ihnen sind laut übereinstimmenden Presse- und Polizeierkenntnissen zunehmend radikale Wahhabiten aus Saudi-Arabien oder Muslimbrüder aus Ägypten. Die Golfstaaten finanzieren schon heute zahlreiche französische Moscheen. Macrons Auftritt in Mulhouse fand nicht weit von dem neuen Islamzentrum Annour statt, das durch die islamistisch verbrämte Organisation Qatar Charity finanziert wird.

Hafiz schätzt, dass der strenge französische Laizismus letztlich schuld an einem religionspolitischen Widerspruch ist: Frankreich wolle keine fremdbestimmten Imame und Moscheen, untersage sich aber selbst deren Finanzierung, da Kirche – oder eben Moschee – und Staat strikt getrennt seien. Schlimmer noch: "Das laizistische Nichteinmischungsprinzip fördert letztlich die Entstehung unkontrollierter salafistischer Gebetsorte."

Was tun, statt systemkomforme Imame auszuweisen? "Frankreich muss die Grundlagen schaffen, um heimische Imame auszubilden. Zum Beispiel, indem sie ein priesterähnliches Statut erhalten", fordert der Pariser Rektor. Das Laizismus-Prinzip müsse intelligent und pragmatisch gehandhabt werden, um auch die Moschee-Finanzierung zu ermöglichen – sonst sei jede öffentliche Einflussmöglichkeit illusorisch. "Das setzt aber voraus, dass die Republik all ihre 'Kinder' integrieren will, statt die Muslime zu stigmatisieren", sagt Hafiz. "Und das ist keine Prinzipienfrage, sondern schlicht eine des politischen Willens." (Stefan Brändle, 3.3.2020)