Die Reihenfolge der Meldungen in Presse oder Rundfunk mag sich ändern, aber die zwei Hauptnachrichten bleiben: Angst vor dem Coronavirus und Angst vor einer Weltwirtschaftskrise infolge der Lähmung des Welthandels. Die Angst regiert nicht nur in China (79.000 von 85.000 Patienten weltweit), in dem besonders stark betroffenen Südkorea und Norditalien, sondern auch in Ländern, wo sich das Virus nicht oder kaum gezeigt hat. Angesichts des Schürens der Panik durch reißerische Titelgeschichten und unbedachter Handlungen muss man an die Warnung des US-Präsidenten F. D. Roosevelt in seiner Antrittsrede 1933 inmitten der Wirtschaftskrise erinnern: "So lassen Sie mich denn als Allererstes meine feste Überzeugung bekunden, dass das Einzige, was wir zu fürchten haben, die Furcht selbst ist – die namenlose, blinde, sinnlose Angst."

Produktion, Aufträge und Beschäftigtenzahl fielen in China so stark wie noch nie.
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Besonnene Experten weisen darauf hin, schlimmer als der Erreger selbst sei womöglich die übertriebene Furcht, die er bei vielen Menschen und manchen Regierungen auslöst. Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin warnte vor einer Überreaktion: "Die Wirtschaft kann enormen Schaden davontragen. Nicht durch das Virus selbst, aber durch unsere Angst davor." Man kann allerdings noch nicht sagen, ob die Ansteckungswelle vor allem in China selbst ihren Höhepunkt überschritten hat. Es steht auch noch kein wirksamer Impfstoff zur Verfügung. Im Gegensatz zur Sars-Epidemie 2002/03 trifft das Coronavirus nicht nur China, sondern die ganze Weltwirtschaft. Manche Konjunkturforscher und Finanzanalysten ziehen bereits Parallelen zur Weltfinanzkrise nach der Pleite von Lehman Brothers im Herbst 2008. Man hat jedenfalls auf den internationalen Aktienmärkten vergangene Woche die schwersten Verluste seit damals registriert.

Rückkehr zum Protektionismus

Wir sehen heute überall, wie komplex und zugleich zerbrechlich die globale wirtschaftliche Vernetzung geworden ist. Der Wachstumsrekordler China steigerte seinen Anteil am Welt-BIP von vier Prozent im Jahre 2003 auf 18 Prozent in 2018. China ist nicht nur ein großer Markt, sondern auch ein wichtiger Produzent in vielen Bereichen. Chinesische Auslandstouristen sind bereits für ein Fünftel der Gesamtausgaben des weltweiten Fremdenverkehrs verglichen mit zwei Prozent zur Zeit der Sars-Krise verantwortlich. Die Kernfrage – neben dem menschlichen Leid – bleibt, wann die Abschottungsmaßnahmen wieder aufgehoben werden können.

In der politischen Ausschlachtung der Gefahren durch populistische Nationalisten zugunsten einer Rückkehr zum Protektionismus liegt vielleicht die größte Gefahr des Coronavirus für die Weltwirtschaft. Eine beklemmende politische Folge ist auch die Suche nach einem Sündenbock, wie etwa die Hasskampagne gegen die 300.000 in Italien lebenden Chinesen.

Nach den als Bumerang wirkenden anfänglichen Beschwichtigungsversuchen der chinesischen Staatsführung hängt auch die Zukunft der Weltwirtschaft zum Teil davon ab, ob sie durch Transparenz und Überprüfbarkeit das Vertrauen der Menschen, nicht nur in China, sondern auch im Ausland in die Informationen und Maßnahmen der Zentralregierung und der regionalen Behörden gewinnen kann. (Paul Lendvai, 2.3.2020)