Das Lächeln kehrte auf die Gesichter von Wall-Street-Händlern zurück, die Fed bot dem angeschlagenen Aktienmarkt durch eine überraschende Zinssenkung Unterstützung.
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Paukenschlag der US-Notenbank Fed: Sie senkte am Dienstag überraschend den Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf die neue Spanne von ein bis 1,25 Prozent. Es wurde wohl erwartet, dass die Währungshüter wegen der unkontrollierten Ausbreitung des Coronavirus den angeschlagenen Finanzmärkten unter die Arme greifen, aber dass dies zwischen den regulären Zinsentscheiden passiert, ist höchst ungewöhnlich. Zuletzt geschehen ist dies im Jahr 2000, als die Fed wegen eines Schwächeanfalls der damals gehypten Technologiewerte den Leitzins abgesenkt hatte. Gewissermaßen als Overtüre zu einer zweieinhalb Jahre andauernden Phase fallender Aktienkurse an der Wall Street.

Danach sah es kurzfristig derzeit jedoch nicht aus. Schon Ende der Vorwoche zeichnete sich im späten Handel an den US-Börsen ab, was sich zu Wochenbeginn manifestieren sollte: An der Wall Street kam es zu Wochenbeginn zu einer überaus dynamischen Erholung der Börsenkurse: Nach dem Absturz des Dow Jones im Zuge der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus machte der weltweit bekannteste Aktienindex mehr als fünf Prozent an einem Handelstag gut. Das entspricht einem Zuwachs von fast 1.300 Zählern – und ist der stärkste Punktegewinn, den der Dow Jones in seiner 135-jährigen Geschichte verbuchen konnte.

Enttäuschende Aussagen

Zusätzlich angefacht wurde die Kurserholung durch sogenannte Leerverkäufer, die auf fallende Kurse gewettet hatten und zuletzt offenbar ihre offenen Positionen glattstellten. Dabei verkaufen Anleger von anderen Investoren geliehene Aktien, die sie gar nicht besitzen, in der Hoffnung, sie zu einem späteren Zeitpunkt zurückkaufen zu können.

Am Dienstag hatten zunächst nicht ganz überzeugende Aussagen nach einer Telefonkonferenz der Finanzminister und Notenbanker der in den G7 zusammengefassten Industrieländern zu den wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus für Zurückhaltung der Investoren gesorgt. Die Verbreitung des Coronavirus sowie die Auswirkungen auf Finanzmärkte und Wirtschaft würden genau beobachtet, hieß es in einer Erklärung. Die Finanzminister seien bereit, auch beispielsweise höhere Staatsausgaben zu tätigen, sofern dies notwendig sei. Doch dann versetzte der überraschende Schritt der Fed der Wall Street einen weiteren, wenngleich deutlich kleineren Schub nach oben.

Australien preschte voran

Zurück zu den Notenbanken: Vorangeprescht war am Dienstag jedenfalls die australische Notenbank, die aufgrund der Zeitverschiebung bereits zuvor ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf das Rekordtief von 0,5 Prozent verringert hatte. Und die Europäische Zentralbank? Sie erwägt, mit günstigen, an Banken vergebenen Langfristkrediten gegen die Folgen des Coronavirus vorzugehen. Das war am Dienstag zu erfahren. Dies soll den Banken Luft verschaffen, um mehr Kredite zu vergeben. Darüber hinaus hat es die Notenbank der Eurozone bisher bei verbalen Schritten belassen. Am späten Montagabend hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde die Märkte wissen lassen, dass die Notenbank gegebenenfalls mit "angemessenen, gezielten geldpolitischen Schritten" auf die Krise antworten werde.

Aber inwiefern können Notenbanken mit niedrigeren Zinsen oder Geldspritzen an Banken überhaupt etwas gegen Corona bewirken? Zunächst wirken die Maßnahmen psychologisch auf Investoren, dass die Währungshüter die Finanzmärkte nicht untätig abschmieren lassen. Die Auswirkungen auf die Realwirtschaft dürften wohl eher bescheiden ausfallen, da die Notenbanken nur die volkswirtschaftliche Nachfrage stimulieren können.

Probleme auf Angebotsseite

Die derzeitigen Probleme durch das Coronavirus sind jedoch auf der Seite des Angebots an Produkten und Dienstleistungen zu verorten: Lieferketten werden unterbrochen, Arbeitskräfte müssen in Quarantäne und Flugverbindungen werden vorübergehend eingestellt. Dagegen vermögen auch geldpolitische Schritte der Währungshüter kurzfristig wenig zu verrichten.

Auch mittelfristig dürften die Auswirkungen der geldpolitischen Maßnahmen auf die Volkswirtschaften überschaubar bleiben. Unternehmen werden angesichts der derzeitigen wirtschaftlichen Unsicherheiten kaum Kredite für große Investitionen nachfragen, solange nicht klar ist, wie lange sich die Krise hinzieht und wie stark die Bremskraft auf die wirtschaftliche Entwicklung tatsächlich ausfallen wird.

Ebenso bleibt unklar, wie lange der Auftrieb an den Aktienmärkten anhält. Bei Anleihen dürfte jedenfalls die Nachfrage nach Papieren von sicheren Emittenten nicht sinken. So konnte Österreich rund eine Milliarde Euro zu Niedrigstzinsen am Kapitalmarkt aufnehmen. Für die zehnjährige Tranche lag die Emissionsrendite bei minus 0,316 Prozent – ein gutes Geschäft für die Republik. (Alexander Hahn, 3.3.2020)