Im Studium Generale stehen etwa Geografie, Chemie und Informatik, aber auch Menschenrechte und Politik auf dem Stundenplan.

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Wie breit sollte die akademische Bildung sein beziehungsweise: Wie viele Studienrichtungen kann ein einzelner Mensch eigentlich auf einmal absolvieren?

Fragt man Sabine Seidler, Rektorin der Technischen Universität Wien und Chefin der Universitätenkonferenz, ist die Antwort klar und deutlich: Ein Studium pro Studierendem reicht. Dafür sollte dieses Studium dann aber auch ernsthaft betrieben werden, erklärte Seidler in einem Interview mit der Presse.

Nicht so genau beziffert diese Frage der türkise Wissenschaftsminister Heinz Faßmann. Jedoch ist auch für ihn klar, dass Studierende nicht unendlich viele Fächer inskribieren, sondern sich fokussieren sollten. Nur so viel: "Es ergibt wenig Sinn, wenn Studierende eine große Anzahl an Studien gleichzeitig inskribieren", sagt Faßmann dem STANDARD.

Derzeit wird im Bildungsministerium an der Reform des Studienrechts gewerkt. Es soll lebensnäher werden, aber auch leistungsorientierter. Im Zuge dessen will Faßmann auch diskutieren, "wie viele Studien ein Studierender belegen darf", sagt Faßmann.

Meist nur ein Studium

Wie aus den Zahlen des Wissenschaftsministeriums hervorgeht, hält sich der Wunsch nach Mehrfachbelegungen allerdings eher in Grenzen. 84,9 Prozent der Studierenden haben nur ein Fach inskribiert. Weitere 13 Prozent geben sich mit zwei Fächern zufrieden. Die restlichen 2,1 Prozent der Studierenden belegen drei oder mehr Studien – der Durchschnittsstudierende belegt somit 1,2 Studienfächer. Wobei es Ausreißer gibt: So finden sich in Aufzeichnungen des Ministeriums je eine Person, die 30, 37 oder 44 Fächer studiert.

Für Faßmann sei wichtig, "dass eine Universität eine Personal- und Infrastrukturplanung machen kann, und das kann sie nur, wenn man auch die Studierendenströme einigermaßen festlegen kann". Auch sei es prioritär, dass Studierende "in der Mindeststudienzeit ein Studium erfolgreich abschließen können. Dafür schaffen wir die bestmöglichen Rahmenbedingungen".

Viele Fächer in einem

Während die jungen Studienanfänger möglichst wenige Fächer belegen und sich in ihrer ersten Studienphase auf einen Bereich spezialisieren sollten, gibt es an der Universität Wien für ältere Studierende ein recht gegensätzliches Angebot: Vor einem Jahr, im Sommersemester 2019, startete die größte Hochschule des Landes einen neuen Lehrgang: Das "Studium generale" soll eine "wissenschaftlich fundierte Weiterbildung" darstellen und richtet sich an Personen in der "nachberuflichen Lebensphase", heißt es von der Uni auf STANDARD-Anfrage.

Die Altersspanne der Teilnehmer reicht von 53 bis zu 82 Jahren. "Angesichts des demografischen Wandels gewinnt Bildung im Alter ab 55 im Bereich der Erwachsenenbildung immer mehr an Relevanz", sagt die Sprecherin der Universität Wien.

Das Ziel des Lehrgangs sei, dass Lernwillige die Möglichkeit erhalten, sich "auf einem wissenschaftlichen Niveau mit Themen zu beschäftigen, für die sie sich schon immer interessiert haben, wofür im Berufsleben aber immer die Zeit gefehlt hat", erklärt eine Sprecherin der Uni Wien. Sprich, jene, die den Lehrgang besuchen, sollen mit dem Abschluss ein umfassendes Allgemeinwissen erhalten. Die Studieninhalte sind dabei breit gefächert. So stehen neben Theologie, Geografie und Chemie unter anderem auch Philosophie und Informatik auf dem Plan.

Interesse an Allgemeinbildung

Das Interesse an dem Lehrgang ist da: Inklusive des gerade angelaufenen Sommersemesters 2020 haben sich mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer für den kostenpflichtigen Lehrgang angemeldet, darunter circa gleich viele Frauen wie Männer. Für das Gesamtpaket, das 60 ECTS-Punkte in vier Semestern umfasst, müssen 5500 Euro bezahlt werden. Weitere 45 Personen nehmen an mindestens einem Modul pro Semester teil. Jedes einzelne kostet 480 Euro und dauert ein Semester.

Den großen Unterschied in der Bildung für die Älteren zur Ausbildung der Jüngeren findet man in der Beschreibung des Studium generale auf der Website des Postgraduate Center an der Uni Wien: Obwohl man den Lehrgang mit einem akademischen Grad abschließt und ein Masterstudium mit 90 ECTS anhängen kann, gehe es darum, Wissen anzusammeln, "unabhängig von den Anforderungen des Arbeitsmarktes". (Oona Kroisleitner, 6.3.2020)