Im US-Bundesstaat Maryland blickt die Bürgerrechtlerin Harriet Tubman von einem riesigen Wandgemälde auf die Besucher der Kleinstadt Cambridge.

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Szene aus dem Film "Harriet", der im April in heimische Kinos kommt.

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Eine Bronzestatue von Harriet Tubman im Maryland State House in Annapolis.

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Am Choptank River Lighthouse: Der Hafen von Cambridge in Maryland war im 17. Jahrhundert einer der wichtigsten Handelsplätze für Sklaven in den USA.

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Barack Obama ließ einen 17 Hektar großen Sumpf in Maryland zum Blackwater-Nationalpark erklären. Dort wird ein gesellschaftliches Erbe thematisiert: die Sklaverei in den USA.

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Das Haus von Harriet Tubman in Auburn, New York.

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In den Sümpfen von Maryland sind keine knallenden Peitschen mehr zu hören, keine Schreie des Schmerzes, nicht die Hetzjagd der Hunde. Nur unser Wagen, mit dem wir unterwegs durch eine idyllische Landschaft sind. Vorbei an Kiefernwäldern, Marschland und von Sklavenhand gegrabenen, schnurgeraden Kanäle.

Washington, D.C., liegt nur gut zwei Autostunden entfernt, doch es ist eine Zeitreise. Tubman Country – so nennen die Bewohner stolz diesen Landstrich an der Ostküste der USA. Hier, auf einer Landzunge zwischen Chesapeake Bay und Atlantik, lebte im 19. Jahrhundert die Freiheitskämpferin Harriet Tubman (1820–1913). Die Fotografie, die wir in einer Biografie über sie gefunden haben, zeigt eine zierliche, nur 1,50 Meter große farbige Frau mit entschlossenem Blick. Tubman war Sklavin von Geburt an, Gründerin einer Befreiungsorganisation. Später setzte sie sich für Frauenrechte und die Rechte der Schwarzen ein.

Erbe bewahren

230 Kilometer lang ist die Rundfahrt durch das Leben der Harriet Tubman. Historiker haben die Tour zusammengestellt. Erste Station und Herzstück ist das "Harriet Tubman Underground Railroad Visitor Center". Das Museum liegt südlich von Church Creek am Rande des Blackwater-Nationalparks. Ex-Präsident Barack Obama hat den Startschuss gegeben und erklärte das 17 Hektar große Gebiet zum Nationalpark. Kirchen, Wohnhäuser und Verwaltungsgebäude bekamen Denkmalstatus. Es gilt, ein Erbe zu bewahren, auch wenn es ein schwieriges ist.

Rangerin Angela Crenshaw hütet dieses Vermächtnis. "Oft werde ich von Besuchern gefragt: 'Wo ist denn die U-Bahn?'" Die Mittdreißigerin blickt belustigt durch ihre große goldgerahmte Sonnenbrille. "Ich erkläre den Besuchern dann, dass mit 'Underground' eine Untergrund-Bewegung gemeint ist, die sich für die Befreiung der Sklaven und die Rechte der Afroamerikaner einsetzte."

Underground Railroad ist eine Metapher, ein Bild für ein Netzwerk von Helfern, geheimen Verstecken und verschlüsselten Nachrichten. Die Organisation diente dazu, entlaufene Sklaven in sichere Staaten zu schleusen. Sie existierte Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des US-amerikanischen Bürgerkriegs, an dessen Ende die Sklaverei verboten wurde. Das Vokabular des Eisenbahnwesens diente als Tarncode: Man sprach von Bahnhöfen, Stationsvorstehern, Passagieren und Schaffnern. Reisedokumente mussten beschafft werden, neue Identitätspapiere für Flüchtlinge, die laut Gesetz immer noch den Sklavenhaltern und Peinigern gehörten.

Erklärungen und Visionen

Aus Kopfhörern tönen die Erklärungen zu den Exponaten im Museum. Auch aus der Tubman-Biografie, die bereits zu ihren Lebzeiten erschien, wird vorgelesen. Immer wieder erzählte die Ex-Sklavin von Visionen. Seit einer schweren Kopfverletzung litt sie an Schlafanfällen. Verlor sie das Bewusstsein, glaubte Tubman, in die Zukunft blicken zu können. "Es war ein Wunder, dass Tubman an jenem Nachmittag im General Store in Bucktown nicht gestorben ist", erzählt Crenshaw mit ernstem Blick. "Nur 20 Kilometer von hier entfernt sollte sie für ihre Herrin etwas einkaufen und geriet zwischen einen fliehenden Sklavenjungen und dessen brutalen Aufpasser."

Wir machen uns auf den Weg dorthin, wo aus dem 13-jährigen Mädchen auf einen Schlag eine Heldin wurde: Bucktown. Immer dabei: Die App "Harriet Tubman Byway", die 36 Schauplätze der Sklaverei ausweist – alles mit altbackenem US-amerikanischen Pathos. Im Bucktown General Store treffen wir Susan Meredith und ihren Mann, zusammen haben sie das kleine Holzhaus restauriert. Hier passierte es. Susan Meredith erzählt die Geschichte, als sei sie dabei gewesen: "Ein Sklavenjunge kam in das Geschäft gerannt, hinter ihm der Aufseher Thomas Barnett. Um den Jungen aufzuhalten, warf Barnett ein Ein-Kilogramm-Gewicht nach ihm, traf aber Harriet an der Stirn." Die tiefe Wunde blutete zwei Tage lang. Aber Tubman überlebte.

Wie Vieh

Historiker versuchen in vielen Büchern zu klären, wie diese hagere, junge Frau es schaffen konnte, wochenlang durch Sümpfe und Wälder zu waten – und dabei sogar Leidensgenossen den Weg in die Freiheit zu weisen. Woher nahm sie die Kraft und das Wissen für ihre lebensgefährliche Fluchthilfe? Auch der Kinofilm "Harriet" beschäftigt sich mit diesen Fragen. Bei der Oscar-Verleihung 2020 wurde Cynthia Erivo, die Harriet Tubman spielt, als beste Hauptdarstellerin nominiert. Am 9. April soll der Film in österreichischen Kinos anlaufen.

Unsere Spurensuche führt nach Cambridge an der Chesapeake Bay, der größten Flussmündung der USA. Die Kleinstadt war einst ein wichtiger Handelsplatz für Sklaven. Im 17. Jahrhundert machten hier die ersten Sklavenschiffe fest: Die Vorfahren vieler Afroamerikaner trafen hier auf ihre Peiniger, wurden auf Marktplätzen wie Vieh ins ganze Land verkauft. Später hatte Maryland als Grenzstaat eine Sonderstellung während des Bürgerkrieges: Sklaven und freie Farbige lebten nebeneinander.

Verschobene Perspektive

Bereits am Ortseingang von Cambridge weist ein 50 Quadratmeter großes Wandgemälde auf die aufwühlende Vergangenheit hin: Das Bild zeigt Tubman in Überlebensgröße inmitten der afroamerikanischen Gemeinschaft der Region. Was sofort ins Auge springt: Die Perspektive scheint verschoben. Nicht wir schauen auf Harriet, sondern sie fixiert uns als Betrachter. Tubman, die als alte Frau mit Kopftuch und Mantel dargestellt ist, steht in einem Maisfeld. Über ihr ein Militärflugzeug. Daneben farbige Künstler, Wissenschafter, Politiker.

In einem Hinterhof nahe der Bay haben Künstler ihre Ateliers. Hier treffen wir den Maler Michael Rosato. Er habe Tubman ins Zentrum seines Bildes gesetzt, weil sie für viele Afroamerikaner eine Inspiration war: "Viele dachten: Wenn sie das kann, dann kann ich das auch. Harriet hat ein spirituelles Erbe hinterlassen." Dieses Erbe sorgte für eine aktive schwarze Bürgerrechtsbewegung in Cambridge – nur ein paar Kreuzungen weiter in der Pine Street. Geschäfte, Cafés, Schulen belebten einst die Straße der farbigen Community. Bis es in den 1960er-Jahren zu Aufständen und Straßenkämpfen mit der Polizei kam. Auch daran erinnert das Wandbild von Michael Rosato: "Das Bild erzählt diese Geschichte der afroamerikanischen Gemeinschaft", meint Rosato. "Tubman steht für die unbändige Geisteskraft, die dies alles erst ermöglicht hat."

Kämpferin im Bürgerkrieg

Und so schließt sich der Kreis am Ortseingang von Cambridge. Hier, wo heute gestresste Hauptstädter Erholung beim Golfspielen, Segeln und maritimer Folklore suchen, haben Verwaltung und Historiker ein Fenster in die Vergangenheit aufgemacht. Tubman verhalf nicht nur hunderten Landsleuten zur Freiheit, sie kämpfte auch im Bürgerkrieg für die Union gegen die Südstaaten. Sie pflegte als Krankenschwester verwundete Soldaten, kundschaftete unter Lebensgefahr Stellungen der konföderierten Feindarmee aus und befreite Gefangene. Nach dem Ende des Bürgerkriegs hat man ihr trotz ihrer Verdienste eine Pension verweigert. Erst im hohen Alter, kurz vor ihrem Tod 1913, erhielt sie eine monatliche Rente für ihre Arbeit als Krankenpflegerin. (Anja Steinbuch, Michael Marek, 8.3.2020)