Die südkoreanische Musikerin und Designerin Peggy Gou bei der Arbeit.

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"Gemischt" meint Kollektive, in denen etwa ein Mann und eine Frau spielen. "Unbekannt" bedeutet, dass das Gender nicht herauszufinden war. Auch sind Zahlen gerundet (deswegen mehr als 100 Prozent).

Grafik "Der Standard"

Die Musikdarwinisten sehen einen ganz einfachen Grund dafür, warum es weniger Frauen als Männer in Festival-Line-ups gibt: Qualität setze sich durch. Wenn Männer also bessere Musiker sind, sollen doch die spielen. Auch immer wieder gern behauptet: In manchen Genres gäbe es keine Frauen.

Wie es zu der Ansicht kommen konnte, dass Männer die vermeintlich besseren Musiker seien und es Frauen in manchen Genres nicht gäbe, interessiert auf diese Weise Argumentierende eher selten. Dass schon bei der Erziehung Technisches – oft unbewusst – zur Bubensache gemacht wird, ist nur der Anfang. Jene Frauen, die sich in der elektronischen Musikproduktion und beim Auflegen trotzdem durchsetzen, sind oft Einzelkämpferinnen, denen es an Zugang zu den Netzwerken der Herren fehlt. In den letzten Jahren versuchten Frauen verstärkt statt allein in männlich dominierte Sphären aufzubrechen, lieber eigene Plattformen für Frauen zu schaffen – zwecks Sichtbarkeit und gegenseitiger Unterstützung.

Beachtetes Netzwerk

Die österreichischen Produzentin und DJane Susanne Kirchmayr aka Electric Indigo hat mit female:pressurebereits 1998 so ein Netzwerk gegründet. Seit 2013 veröffentlicht es Surveys, die Festival-Line-ups nach Geschlecht aufschlüsseln. Spielten 2012 nur zehn Prozent weibliche Acts, waren es im Vorjahr immerhin schon 25 Prozent. Warum die Lage nun doch etwas besser ausschaut? "Allgemein ist Gendergerechtigkeit ein stärker beachtetes Thema geworden. Im Bereich elektronischer Musikfestivals hat unser erster Survey sicherlich dazu beigetragen. Wir waren damals die Ersten, die Daten präsentiert haben, und das schlug doch recht hohe Wellen", erzählt Kirchmayr. Zwischen 2012 und 2019 haben Freiwillige 348 Festivals aus 46 Ländern untersucht: In diesem Zeitraum hatten Festivals in Russland und Mexiko den geringsten Anteil an weiblichen Acts, während Schweden und Österreich den höchsten Anteil (über 20 Prozent) aufwiesen.

In Österreich liegt 2019 das Wiener Hyperreality-Festival mit rund 63 Prozent weiblichen Acts in Führung, gefolgt vom Grazer Elevate (rund 33 Prozent) und vom Heart of Noise in Innsbruck (31 Prozent).

Festivals als Vorreiter

Zwischen 2017 und 2019 hatten Festivals, die von einem rein weiblichen Team geleitet wurden, ein ausgeglichenes Gender-Verhältnis. Ein nur von Männern geleitetes Team buchte in diesem Zeitraum 20 Prozent Frauen und 70 Prozent Männer. Das Geschlechterverhältnis bei Festivals, die öffentliche Förderungen erhielten, war gerechter als bei jenen, die keine erhielten.

Bedeutet das, dass Festivals, die ohne Förderungen überleben müssen, Männer buchen "müssen", weil sie mehr Publikum anziehen? "Ich verstehe, dass Veranstalter, die keine Förderung bekommen, oft konservativer buchen. Festivals sollen aber eine Vorreiterrolle einnehmen und nicht nur präsentieren, was alle kennen", so Kirchmayr.

Dass die Welt nicht untergegangen ist, seit mehr Frauen auf elektronischen Musikfestivals spielen, das lässt sich jedenfalls kaum leugnen. (Amira Ben Saoud, 7.3.2020)