Das Coronavirus, Sars-CoV-2, macht nicht nur vielen Menschen Angst, es ist mittlerweile auch zum Schreckgespenst der Wirtschaft geworden. Die Wirtschaft ist weltweit in den letzten Jahrzehnten immer enger zusammengewachsen. Internationale Verflechtungen von Unternehmen sind ein wichtiger Bestandteil der Globalisierung und waren in den letzten Jahrzehnten wichtige Schlüsselfaktoren für Wachstum und Entwicklung vieler Länder. Trotz großer Distanzen und langer Lieferketten gab es in der Vergangenheit kaum Engpässe entlang globaler Wertschöpfungsketten. Doch wenn ein Dominostein fällt, setzt dies eine Kettenreaktion in Gang.

Globale Wertschöpfungsketten

Traditionell werden Wertschöpfungsketten initiiert, um wettbewerbsfähig zu sein, kostengünstig zu produzieren und das Risiko im eigenen Unternehmen zu minimieren. In weltweiten Wertschöpfungsketten spezialisieren sich Firmen auf unterschiedliche Aktivitäten an unterschiedlichen Produktionsstätten und produzieren Teile und Komponenten für Betriebe in verschiedenen Teilen der Welt.

In den letzten Jahrzehnten wurden diese weltweiten Verflechtungen immer effizienter gestaltet. Die Just-in-time-Produktion und die Just-in-time-Lieferung haben die Lagerhaltung teilweise komplett ersetzt. Eine Verringerung der Kosten durch Auslagerung der Produktion von verschiedenen Teilen und Komponenten und eine geringere Lagerhaltung haben viele Unternehmen innerhalb der EU wettbewerbsfähiger gemacht. Konsumenten profitierten aufgrund geringerer Preise und einer gestiegenen Angebotsvielfalt.

Wie hängen Smartphones und Corona zusammen?
Foto: AP Photo/Kin Cheung

Ein bekanntes Beispiel für eine globale Wertschöpfungskette ist diejenige des iPhones. Das iPhone wird zum größten Teil in den USA von Apple designt, in China von taiwanesischen Firmen mit Komponenten aus Japan, Korea, Deutschland, den USA, Österreich, Vietnam und anderen Ländern zusammengebaut und anschließend aus den USA vermarktet.

Auch der Boeing-Konzern baut seine Flugzeuge aus Teilen aus der ganzen Welt an unterschiedlichen Standorten zusammen. So werden für unterschiedliche Modelle beispielsweise die Flügel mehrheitlich in Japan, Korea und Australien mit Komponenten aus China gefertigt, die Flugzeugtüren stammen zum größten Teil aus Frankreich, die Fahrwerke aus Deutschland und Großbritannien und die Ruder häufig aus China. Jeder Betrieb in dieser Kette fertigt ein bestimmtes Teil bzw. kümmert sich um eine bestimmte Aufgabe innerhalb der Wertschöpfungskette. 1

Ein Ausfall eines einzigen Betriebs beziehungsweise Lieferanten entlang dieser Wertschöpfungskette kann zum Ausfall oder zu einer Verringerung in der Produktion in viele unterschiedliche Bereichen entlang der Wertschöpfungskette führen, von fehlenden kleineren Materialkomponenten über größere Zwischenprodukte bis hin zum Endprodukt. So können einzelne Schocks in bestimmten Ländern mit starken internationale Verflechtungen, wie China, globale Auswirkungen haben.

Auswirkungen des Coronavirus auf Unternehmen in China

Der Rückgang der Produktion in China seit Ausbruch des Coronavirus lässt sich gut am geringeren Kohleverbrauch und am niedrigeren CO2-Ausstoß beobachten. Wie Aufnahmen der Nasa zeigen (DER STANDARD berichtete), ist die Luftverschmutzung in China insbesondere um die Industriemetropole Wuhan deutlich zurückgegangen. Aufgrund der vielen Coronavirus-Krankheitsfälle und des damit verbundenen Arbeitskräftemangels in der am stärksten betroffenen chinesischen Provinz rund um die Industriestadt Wuhan kam es zu starken Kapazitätseinbrüchen in der Produktion. Die weitreichenden Quarantänemaßnahmen führten zudem zur Einstellung des Transportwesens und zur Schließung von Fabriken und Unternehmen.

Es ist nicht nur der Erreger selbst, der zu Ausfällen in der Produktion und im Transportwesen geführt hat; die Angst vor dem Coronavirus hat diesen Effekt deutlich verstärkt: Die Abriegelung ganzer Regionen machte es auch gesunden Menschen in anderen Provinzen nicht mehr möglich, zur Arbeit zu kommen. In vielen anderen Städten wurde zudem der öffentliche Nah- und Fernverkehr ausgesetzt, und Schulen, Universitäten und Unternehmen wurden vorsorglich geschlossen.

Vergleich der Luftverschmutzung in China im Jänner und Februar 2020
Foto: EPA/NASA HANDOUT

Auswirkungen des Coronavirus auf Unternehmen in der EU

Hubei, die Provinz, in der Wuhan liegt, ist ein wichtiger zentraler Transporthub für viele Unternehmen und beheimatet viele Betriebe aus der pharmazeutischen Industrie, aus der Autozulieferindustrie und der Halbleiterindustrie. Unternehmen in Wuhan produzieren zum Beispiel Komponenten zur Chipherstellung in verschiedenen Apple-Modellen. Da wichtige Zwischenprodukte nun nicht mehr zur Weiterverarbeitung zur Verfügung stehen und die chinesischen Chiphersteller auch nur auf Sparflamme produzieren können, stockt die sehr eng getaktete Lieferkette von Apple.

Apple hat bereits angekündigt, dass aufgrund des Coronavirus die Markteinführung des neuen iPhone-Modells verschoben wird und es zu Lieferengpässen bei verschiedenen iPhone- und Computermodellen kommen wird.

Aber nicht nur Apple ist betroffen. Laut einem kürzlich veröffentlichten Report des Verbunds der Europäischen Außenhandelskammern in China und der Deutschen Außenhandelskammer melden 89 Prozent der 576 befragten Unternehmen aus der EU schwere oder mittelschwere Folgen für ihr Business in und mit China. Neben dem Rückgang der Nachfrage, insbesondere in China, spüren die europäischen Unternehmen unter anderem Logistikprobleme, Arbeitskräftemangel und Lieferengpässe.

Zu den schwer betroffenen Unternehmen gehören vor allem große deutsche Konzerne. Es berichten zum Beispiel verschiedene Autohersteller und Autozulieferer über Schwierigkeiten in der Zulieferung von bestimmten Komponenten, wodurch sie selbst in Lieferverzug geraten. Auch der Chemieriese BASF und der Pharmamulti Bayer meldeten Schwierigkeiten in der Zulieferung. Wichtige Distributionszentren oder Partnerfirmen sind noch geschlossen.

Bei knapp drei Vierteln aller europäischen Maschinenbauer, die vielfach die Produktion von Zwischenprodukten nach China ausgelagert haben, machen sich der Arbeitskräftemangel bei chinesischen Partnern und die Störungen im Logistikwesen stark bemerkbar. Restriktionen in der Bewegungsfreiheit vieler Chinesen und Einschränkungen im öffentlichen Nah- und Fernverkehr machen es für viele Arbeitskräfte schwierig, zu ihren Arbeitsstätten zu gelangen. Hinzu kommt, dass Lkw- und Zugfahrer fehlen, Strecken gesperrt sind und Personal an Abnahmestellen wie Flug- und Seehäfen fehlt. 2

Die Folgen

Der bisherige Verlauf der Epidemie macht deutlich, wie fragil globale Wertschöpfungsketten in Krisenzeiten sind. Der Stillstand vieler Unternehmen in China hat globale Folgen, da China viele wichtige Komponenten zur Weiterverarbeitung an Firmen in der EU liefert. Liegt ein Teil der Lieferkette lahm, kommt es auch an anderen Stellen zum Stillstand.

Die Funktionsfähigkeit einer weltweiten Wertschöpfungskette, insbesondere mit einer Just-in-time-Produktion, ist daher in Krisenzeiten sehr anfällig. Internationalen Verflechtungen, die zwar zu vielen positiven Effekte der Globalisierung geführt haben, sind in Krisenzeiten gleichzeitig auch ein negativer Multiplikator. Geringere Produktionskapazitäten, steigende Kosten und Lieferunsicherheiten führen neben finanziellen Unsicherheiten von Unternehmen auch dazu, dass weltweit das Vertrauen in den gesamten Markt sinkt. Dies spiegelt sich auch in der momentanen Lage auf den Aktienmärkten wieder. So haben der DAX und der Dow Jones mit der Ausbreitung des Coronavirus in Europa deutlich an Wert verloren.

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, geht sogar so weit, dass er das mögliche Ausmaß des Corona-Schocks auf die Wirtschaft mit der weltweiten Finanzkrise 2008 vergleicht. Er warnt, dass das Coronavirus einen "zweiten Lehman-Schock" auslösen könne. Die Fed, die US-Notenbank, hat bereits reagiert und den US-Leitzins gesenkt, um der Rezession entgegenzutreten.[vii]

Da die Finanzsysteme nun stabiler sind, sollte eine Rezession diesmal nicht so lange anhalten wie bei der Finanzkrise, sobald sich die Angebotsseite wieder erholt. Eine Lehre aus der Coronavirus-Krise wird vermutlich sein, dass Unternehmen ihre Lieferketten wieder weniger komplex und kürzer gestalten, ihre globalen Abhängigkeiten verringern und ihr Risiko bezüglich Lieferengpässen minimieren müssen. Die Verwundbarkeit ist hierbei aber nicht nur ein China-spezifisches Problem. Mit stabileren Lieferketten und einer größeren Diversifikation mit geringeren Abhängigkeiten von einzelnen Zulieferern ließen sich zukünftige ähnliche Krisen besser abfedern. (Birgit Meyer, 11.3.2020)

Birgit Meyer ist Assistenzprofessorin für Volkswirtschaft am Institut für Internationale Wirtschaft der WU Wien. Ihre Forschung konzentriert sich auf Auswirkungen der Globalisierung, wirtschaftliche Integration, Handel und Entwicklung.
Foto: Birgit Meyer