Ihretwegen schritten verdrossene Babyboomer über kolossale Seuchenteppiche: die anzeigepflichtige Epidemie bei Rindern und Schweinen.

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Gegenüber der Ausbreitung von Corona nehmen sich jene Epidemien, die ich als Babyboomer erleben musste, wie Kinkerlitzchen aus. Ich entsinne mich gemächlicher Fahrten in das Umland von Wien, als wir geschlossen die Fahrerkabine unseres Ford Taunus verlassen durften, um uns über einen kackbraunen Seuchenteppich zu ergehen.

Das Leiden, dessentwegen wir das schäbige Textil mehrmals in alle Richtungen querten, nannte sich Maul- und Klauenseuche. Bei jedem Schritt schien der nasse Vorleger ein schmatzendes Geräusch der Missbilligung von sich zu geben. Bange erwartete ich, dass mir an Stelle meiner Finger ein Schweinefuß wüchse. Immerhin bemerkte meine Mutter häufig, ich äße wie ein Schwein.

Nicht immer lässt sich akuter Virenbefall bei den Betroffenen zweifelsfrei nachweisen. So besaß ich einen Rufonkel, der hatte ungeachtet mancher achtenswerter Eigenschaften sein Leben der Aufdeckung von besonders geheimen Verschwörungen gewidmet. Seine oberste Sorge galt der Unterwanderung unseres von Bruno Kreisky weise regierten Kleinstaates durch Kommunisten und anderes rotes Gelichter.

Komplott der Marx-Jünger

Für ihn schien das Komplott der weltweit operierenden Marx-Jünger eine ausgemachte Sache. Kam etwa ein biederer Gewerkschafter um Lohnerhöhung ein, hörte mein Onkel prompt das Gespenst der klassenlosen Gesellschaft anklopfen. Es trug artgerecht ein scharlachrotes Leintuch und grüßte hohlstimmig mit "Nastrovje".

Onkel Emil hatte freilich ein doppeltes Ansteckungsbild vor Augen, welches jede Kur schier zu verunmöglichen schien. Emil, den bei Wetterumschwüngen das rechte Bein empfindlich juckte, worauf er missvergnügt kratzte und etwas vom "Iwan" brabbelte, glaubte die rote Unterwanderung obendrein von "jüdischen Agenten" ins Werk gesetzt.

Erst Jahre später begriff ich, dass das Virus, das ihn in seiner Gewalt hielt, offenbar unausrottbar war – und es bis heute geblieben ist. Das nämliche Virus geistert durch die Homepages Ewiggestriger. Zu erkennen gibt es sich nicht nur am 20. April. Es handelt sich um den besonders denkwürdigen Fall einer Epidemie, die nur Einzelfälle hervorbringt, solche aber in erklecklicher Zahl. (Ronald Pohl, 11.3.2020)