Der russische Etat wird durch den Ölpreisverfall ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Das Finanzministerium versicherte allerdings, dass die internationalen Währungsreserven Russlands ausreichend seien.

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Natalja seufzt: "Heute ändere ich schon zum 25. Mal den Wechselkurs", sagt die Kassiererin in der Wechselstube auf den fragenden Blick ihres Klienten. Von der im Kreml beschworenen Stabilität ist zumindest der Rubel derzeit weit entfernt. Schon das Coronavirus hatte den Rubel infiziert, obwohl die russisch-chinesische Grenze seit einem Monat dicht ist und im Land offiziell verhältnismäßig wenig Menschen erkrankt sind.

Der Streit mit Saudi-Arabien, der in der Kündigung des Opec+-Deals und einem Ölförderwettstreit eskalierte, hat der taumelnden Landeswährung endgültig den Boden unter den Füßen entzogen. Der Rubel verlor innert kürzester Zeit weit mehr als zehn Prozent.

Erste Panik besänftigt

Der Zentralbank ist es zumindest gelungen, die erste Panik zu besänftigen. Das Institut versprach, den Ankauf von Fremdwährungen auszusetzen, und hat sogar schon mit dem Verkauf der Dollarreserven begonnen. Vizezentralbankchefin Xenia Judajewa versicherte in der Staatsduma, dass die Bank über ein ausreichendes Arsenal verfüge, um die Lage zu stabilisieren.

Russlands Ratingagentur AKRA warnte trotzdem vor dem Risiko einer Finanzkrise. Beim Stresstest des russischen Finanzsystems sei mit 3,12 der kritische Wert von 2,5 übertroffen worden. "Das bedeutet noch nicht den Übergang des Systems in die Krise, aber deutet auf eine erhöhte Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios", betonte man bei AKRA.

Ausfälle für den Haushalt

Der russische Etat wird durch den Ölpreisverfall ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen. Der Haushalt wurde mit einem Ölpreis von 42,4 Dollar pro Barrel berechnet. Derzeit liegt er darunter, was den Etat ins Defizit drückt. Das Finanzministerium versicherte allerdings, dass die internationalen Währungsreserven Russlands ausreichend seien. "Wir sind besser vorbereitet als andere Länder, die hohe Einnahmen aus der Ölförderung haben und ihren Haushalt nun kürzen müssen", Russland hingegen könne seinen Etat selbst bei einem Ölpreis zwischen 25 und 30 Dollar mithilfe des Reservefonds noch sechs bis zehn Jahre decken, sagte Finanzminister Anton Siluanow und machte damit eine Kampfansage in Richtung Saudi-Arabien.

Das Problem bei dieser Rechnung: Eigentlich hatte Russland darauf gesetzt, einen Teil der Währungsrücklagen für die großen Infrastrukturprojekte einsetzen zu können, mit denen die Konjunktur angekurbelt werden soll.

Wirtschaft stöhnt

Auch die Wirtschaft klagt. Der Vizechef von Lukoil, Leonid Fedun, nannte die Kündigung des Opec+-Deals irrational. Jeden Tag verliere Russland damit 150 Millionen Dollar, sagte er. Um die Ausfälle zu kompensieren, wird Russland seine Ölförderung stark ankurbeln. Von der Rubelentwertung könnte die verarbeitende Industrie perspektivisch gewinnen. Trotzdem wird nach Experteneinschätzung der Export finanziell schwächeln.

Zu den Verlierern zählt auch die Konsumbranche. Die Kaufkraft der Bevölkerung wird angesichts der mit der Rubelentwertung zu erwartenden Inflationssteigerung noch geringer. Laut der Zentralbank droht bei den über lange Zeit niedrigen Ölpreisen das Wirtschaftswachstum so heuer auf 1,5 (statt 1,7) Prozent zu sinken, 2021 auf gar nur 1,2 Prozent. (André Ballin aus Moskau, 12.3.2020)