Feier mit Respektabstand im Biden-Lager.

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An dem Abend, an dem Joe Biden das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur vielleicht schon für sich entschieden hat, redet er im National Constitution Center in Philadelphia nur vor wenigen, handverlesenen Gästen. Die Corona-Krise gebietet Vorsicht, es ist eine Siegesparty ohne Jubelkulisse.

In Mississippi, wo Afroamerikaner – seine verlässlichste Stütze – zwei Drittel der Parteibasis bilden, besiegt Biden seinen Rivalen Bernie Sanders so klar, dass es einer Demütigung gleichkommt. Auch in Missouri, einem Staat mit ähnlicher Bevölkerungsstruktur, liegt er deutlich vorn. In Washington am Pazifik – dort galt Sanders als haushoher Favorit – lagen die beiden zuletzt Kopf an Kopf.

Den eigentlichen Triumph aber kann Biden in Michigan feiern, wo er 53 Prozent der Stimmen holt. Sanders hat all seine Hoffnungen in den Autostaat gesetzt, anderswo Auftritte abgesagt, um sich ganz auf ihn zu konzentrieren. Vor vier Jahren gewann er dort als Außenseiter gegen Hillary Clinton – ein Coup. Und da Michigan zu den Rust-Belt-Staaten gehört, in denen die Demokraten im Herbst gegen Donald Trump das Blatt wenden müssen, wuchs der Vorwahl hier eine geradezu symbolische Bedeutung zu.

Sanders' Schwachstellen

Das Resultat ist so eindeutig, dass die Beraterlegende James Carville dazu rät, den Wettkampf schon jetzt für beendet zu erklären. "Die Wähler haben gesprochen – von nun an geht es nur noch um den November, um den Kampf gegen Trump", sagt der Stratege, der 1992 den Wahlkampf Bill Clintons dirigierte.

Gerade in Michigan offenbarte sich, wo Sanders’ Schwachstellen liegen: Zwar kann er sich auf begeisterte junge Anhänger verlassen – doch schon die weiße männliche Arbeiterschaft hat sich längst nicht als stabile Stütze erwiesen. Frauen gaben Biden ebenso eindeutig den Vorzug wie schwarze Wähler. Die Partei, so sieht es Carville, sei eben mehrheitlich nicht zu haben für kühne Experimente mit einem "demokratischen Sozialisten". Sie brenne darauf, Trump im Amt abzulösen, und das könne am ehesten Biden.

"Ein harter Abend"

Wie enttäuscht Sanders war, war daran erkennen, dass er sich in der Nacht zum Mittwoch auf keiner Bühne mehr blicken ließ. Und daheim in Vermont hüllte er sich in untypisches Schweigen. An seiner Stelle sprach Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez: Es gebe nichts schönzureden, sagte die New Yorkerin, "das ist ein harter Abend für unsere gesamte Bewegung".

Eine Massenbewegung, so hatte es sich Sanders ausgemalt, sollte Leute mitreißen, die mit Politik bisher nichts am Hut hatten. Sie sollte das Establishment der Demokraten in die Defensive zwingen. Hinter der versprochenen Mobilisierungsoffensive steht nun ein dickes Fragezeichen. Nicht einmal Elizabeth Warren, von den Programmen her Sanders’ Verbündete, hat ihren Anhängern nach ihrem Ausscheiden empfohlen, zum Senator zu wechseln.

Hoffen auf die Debatte

Kein Wunder, dass ihm Parteigranden raten, jetzt das Handtuch zu werfen, um ein de facto entschiedenes Duell nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Doch am Sonntag steht in Phoenix, Arizona, die nächste Kandidatendebatte an – die erste, bei der nur Biden und Sanders diskutieren. Sanders (78) wirkt frischer, munterer als sein 77-jähriger Kontrahent, der an einen überforderten, kauzigen Greis denken lässt und sich bisweilen blamable Ausrutscher leistet. Es könnte sein, dass er den Wortstreit abwartet, bevor er Entscheidungen trifft.

Biden wiederum klingt in der Geisterkulisse des Verfassungsmuseums in Philadelphia schon so, als wäre der Rest nur noch Formsache. Allerdings weiß er auch, auf welch schmalem Grat er wandert: Er darf die jugendlichen Fans seines Rivalen nicht verprellen, weil sie sonst – wie 2016 geschehen – am Wahltag im Herbst aus Protest zu Hause bleiben könnten. Er wolle Sanders und dessen Anhängern danken, für ihre nie nachlassende Energie wie für ihre Leidenschaft, ruft Biden in den halbleeren Saal. "Wir haben ein gemeinsames Ziel: Gemeinsam werden wir Donald Trump schlagen." (Frank Herrmann aus Washington, 12.3.2020)