Kanzlerin Angela Merkel und Gesundheitsminister Jens Spahn wollen in der Krise Zeit gewinnen.

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"Keine Rede, kein Auftritt, keine Führung in der Krise." Diesen Vorwurf machte die Bild-Zeitung Angela Merkel am Mittwoch auf der Titelseite. Tatsächlich hatte sich die deutsche Kanzlerin bisher sehr zurückgehalten und das mediale Feld ganz Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) überlassen. Der ist täglich mit Erklärungen im TV zu sehen.

Doch am Mittwochmittag endet die Zurückhaltung Merkels, sie gibt vor den Hauptstadtjournalisten eine ihrer raren Pressekonferenzen und verweist auf Aussagen von Experten, dass sich 60 bis 70 Prozent der Menschen infizieren könnten, wenn "noch keine Immunität der Bevölkerung vorliegt" und es keine Impf- und Therapiemöglichkeiten gebe.

Es gehe daher "um das Gewinnen von Zeit", um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten – und da müsse Deutschland Prioritäten setzen. Wichtig sei, dass Polizei, Bundeswehr und medizinisches Personal arbeiten können. Merkel: "Es geht um den Schutz von vulnerablen Gruppen", also um ältere Menschen und solche mit einer chronischen Vorerkrankung. Für sie sei daher klar: "Es ist nicht das zentrale Problem, ob ein Fußballspiel mit Zusehern stattfinden kann."

Bisher drei Tote

Spahn, der neben Merkel sitzt, hat dazu aufgerufen, Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Teilnehmern abzusagen. Verordnen kann der Bund das nicht, da die Kompetenzen für den Infektionsschutz bei den 16 deutschen Bundesländern liegen.

Einige Länder (Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein) haben sich den Empfehlungen angeschlossen. Berlin brauchte länger, da meinte man zunächst noch, der Fußball-Kultklub Union könne am Wochenende nun wirklich nicht vor leeren Rängen gegen den FC Bayern München spielen. Jetzt geht es aber doch.

Am Donnerstag waren in Deutschland 1.300 Infizierte verzeichnet, drei Menschen sind bisher gestorben.

Kümmere sich "nicht erst seit heute darum"

Merkel wirkt übrigens während er gesamten Pressekonferenz recht gelassen. Auf die Frage, warum sie sich erst jetzt zu Wort melde, erwidert sie: "Ich denke mal, der Bundesgesundheitsminister weiß, dass ich mich nicht erst seit heute darum kümmere."

Die Kanzlerin ist natürlich nicht nur gekommen, um über die Maßnahmen der Regierung (Erleichterung von Kurzarbeit) zu berichten, sondern auch, um Führungsstärke zu demonstrieren – wenngleich sie einräumt, die Corona-Krise zu bewältigen sei schwieriger als die Finanzkrise im Jahr 2008. Damals wusste man, wie viel Kapital einzusetzen sei. Aber "hier hat man es mit einer Sache zu tun, die man nicht von vorneherein einschätzen kann".

Grenzschließungen lehnt sie ab, für Hamsterkäufe hat Merkel kein Verständnis, sie bittet da um "Maß und Mitte": Im Kampf gegen das Virus seien "unsere Solidarität, unsere Vernunft, unser Herz füreinander schon auf eine Probe gestellt". Sie hofft, "dass wir diese Probe auch bestehen". Einen Tipp für Begrüßungen hat sie auch noch: nicht die Hand geben, "dafür eine Sekunde länger in die Augen gucken und lächeln". (Birgit Baumann aus Berlin, 11.3.2020)