Bild nicht mehr verfügbar.

Der berühmteste aller Körperpanzer: Darth Vader.

Foto: REUTERS / Peter Nichols

Und wieder waren die #OscarsSoMale. Keine einzige Frau* für den Regie-Oscar nominiert. Es ist eine Katastrophe, ein Desaster, das absolute Versagen. Stattdessen Mafiosi, Soldaten, Rennfahrer, Stuntmen, ein Clown und ein imaginärer Adolf Hitler. Nahezu alle Filme und Serien aus den Vereinigten Staaten sind männliche Produktionen. Von "Herr der Ringe" über "Star Wars" bis "Game of Thrones". Nur zehn Prozent aller Drehbücher werden von Frauen* verfasst. Bei Disney, Universal und Paramount schreiben 90 Prozent Männer*. Bei Netflix, HBO und Amazon sind die Zahlen ähnlich.

Der hypermaskuline Impact von Serien und Filmen auf das gesellschaftliche Unterbewusstsein scheint enorm. Die Story- und Bilderflut fiktiver Männerwelten kaum zu bewältigen. In Wahrheit aber beschränkt sich die Fantasie von weißen, männlich dominierten Monokulturen auf drei simple Inszenierungsformen, an denen sich die Männer* sprichwörtlich abarbeiten: den Körperpanzer, die Kreatur und die Raumüberlegenheit. Das Bemerkenswerte ist, je schneller und effizienter die Produktionsprozesse und je größer der Output ihrer Erzählungen, desto rasender die Verzweiflung, dass Mann* sich hier so richtig festgefahren hat, quasi Stillstand.

Körperpanzer

Vor kurzem erschien eine Neuauflage der "Männerphantasien" von Klaus Theweleit (1977). Darin entwickelt er seine bekannte These vom faschistischen Körperpanzer, der sich durch Drill und Prügel schon früh als eine Art zweites Ich herausbildet und nach außen hin durch militärische Härte, Kälte und Gnadenlosigkeit wahrgenommen wird. Die Metaphorik des Körperpanzers hat sich über 40 Jahre nach Theweleits Untersuchung zu der wohl dominantesten aller männlichen Repräsentationsformen in spätmodernen Serien und Filmen entwickelt.

Beginnen wir mit der 800er-Serie des "Terminator," einem Androidengestell ohne Selbstheilung, dem mit Haut überzogenen Roboter-Retter. Die Maschinen der Zukunft schicken ihre "verbesserte", sprich flüssige Version (T-1000) in die Vergangenheit, um die alte auszurangieren. Ebenfalls komplett aus Stahl, sogar das Hirn, aber morphfähig. Bei "Wolverine" von den X-Men besteht nur das Skelett aus Adamantium, nicht sein ganzer Körper. Weil sie ihm das Metall nicht ganz freiwillig injiziert haben, fährt er künftig die Krallen aus und leidet wie, nun ja, wie ein freud- und freundloses Frettchen eben. Iron Man hingegen trägt sein vollständig geschlossenes Exoskelett als autonome Voll- und gelegentlich Doppelpanzerung. Derweil Tom Cruise den Aliens in einem offenen, allerdings nicht autonomen Exoskelett entgegen stampft ("Edge of Tomorrow"). Diese schmerzfreie Version ist Matt Damon auf Elysium leider nicht vergönnt. Sein Exoskelett – genauer: halb Exo, halb Endo – wird fest mit dem Körper verschraubt und dem Rückgrat verschweißt.

Foto: APA/AFP/dpa/DANIEL KARMANN

Der berühmteste aller Körperpanzer von Darth Vader wurde einzig zu dem Zweck entwickelt, den massiv zerstörten Körper seines Trägers zusammenzuhalten. Das schwarze Fetisch-Outfit dient ihm als Versiegelung inklusive Atemmaske (viel dampfendes Plastik). Deadpool könnte ohne Ganzkörperanzug umher tollen, will seinen mutationsverstümmelten Tumorkörper aber lieber verbergen. Wohingegen das muskeldefinierte Kampfkostüm von Batman in "Dark Knight" einzig als Maskerade nützlich ist. Jedwede körperliche Überlegenheit verdankt er bekanntlich seinem Maschinenpark. Derart billige Tricks hat Superman nicht nötig. Seine Kräfte sind angeboren und nahezu unerschöpflich. Erschöpfung ist übrigens eine der Haupt-Tropen im Hero-Business. Ob seiner bald 80 jährigen Geschichte gilt er heute als Ikone: die Verkörperung übermännlicher Fähigkeiten par excellence. Aber auch hier gibt es Aushärtungspotential. Der aktuelle Superman kommt als Men of Steel daher, also wieder Stahl. Seine Figur steht wie keine andere für die rasenden Reaktionismen einer beschleunigten Phantasielosigkeits-Stahl-Industrie.

Und da wäre auch die Tradition der freien Oberkörper. Früh zu sehen bei Stallone, dem alten Rambo, später Bruce Willis in "Stirb Langsam". Die neuen Rambos heißen Diesel, Statham und natürlich Johnson. Dwayne – die menschgewordene Hulk-Pose unter den Muskelbergen – Johnson. Weitere Tradition: die Teilpanzerung wie beim Maulkorb von Bane in "Dark Knight". Der alte Hannibal trug Maulkorb, der neue Hannibal redet so lange auf seinen Gegenspieler Will ein, bis dieser sich freiwillig einen umlegt. Immortan Joe aus "Mad Max: Fury Road" hat sich sogar echte Pferdezähne vor den Mund geschnallt. Und Mad Rockatansky ist satte 90 Film-Minuten lang damit beschäftigt, seine Eisenmaske vom Kopf zu feilen, um sich kurz vorzustellen: "Max. Mein Name ist Max. Das ist mein Name." Dann schweigt er wieder. Maulkörbe symbolisieren die enorme emotionale Sprachlosigkeit ihrer Träger.

Allesamt sprachlos

Immortan Joes weiße Haut bringt eine dritte Motiv-Linie ins Spiel. Sie steht für nicht durchblutete Männlichkeit, gefühlskalt, radikalisiert, innerlich tot. Die Tradition der Bleichgesichter beginnt 1931 mit Boris Karloff als Frankenstein (Oder der moderne Prometheus) und reicht bis zu dem blassfauligen Moment, als Darth Vader seine Maske abnimmt. Nicht zu vergessen die sogenannten Ingenieure in Prometheus: organisch mit ihrem Körperpanzer verwachsen und allesamt sprachlos. Weibliche Ingenieure hat es nie gegeben. In der Phantasie von Ridley Scott bringen Männer* von außerhalb das Leben auf die Erde. Negation, Abwehr und Abwertung der Frau* also in vollem Gange. In "Westworld" werden die Androiden in Orantenhaltung (Segnung, Kreuzigung, Himmelfahrt usw.) auf ein Rad geschnallt und mit weißer Haut überzogen. Damit sie Farbe annehmen, steckt Mann ihnen final einen Schlauch in den Rücken und beginnt mit der Kunstblutzufuhr.

Auch der neue "Hannibal" präsentiert viele seiner Opfer in Orantenhaltung, eines zum Beispiel direkt als Baumstamm und Stammesvater mit Düngerfunktion (Season 2, Episode 6). Wenn Hannibal die Körper seiner Opfer mit allerhand Messern und Werkzeugen malträtiert, erinnert das nicht nur an einen Mett-Igel, sondern auch an den von Pfeilen durchsiebten heiligen Sebastian. Ebendiese Pfeile als Handfeuerwaffen in großer Zahl auf John Wick gerichtet, verweisen umso deutlicher auf das immanente Bedrohungsgefühl und die enorme Angst davor, innerhalb von nur 90 Minuten 127 Männer* töten zu müssen.

Der Körperpanzer kann natürlich auch nach außen projiziert werden in Form von Autos, Robotern, Androiden und Fluggeräten aller Art bis hin zu ganzen Flotten aus Maschinen. Und nicht zuletzt auf Frauenkörper. Kurz zu den Maschinen: bei der Gestaltung von außerirdischen Metall-Boliden, Kampfschiffen und Sternenflotten sind der männlichen Phantasie erhebliche Grenzen gesetzt. So zählt der Transformerboss Optimus Prime zu einer Tafelrunde aus sprechenden Sportwagen, das Raumschiff Enterprise hat sich zero verändert in den letzten 50 Jahren und die Sternenzerstörer von Palpatine sind jetzt dort gelandet, wo sie schon immer hingehören: als Weltraumschrott auf dem Müll der Design- und Ideengeschichte extraterrestrischer Panzerkreuzerflotten.

Ist da ein Herr im Haus?

Nebenbei gefragt: Feiert Star Wars mit dem Untergang der "ersten Ordnung" den endgültigen Sieg über die traditionelle Männlichkeit? Wohl kaum. Zunächst wird das Ende der cis-Lords (= Sith Lords) nur möglich, weil Kylo Ren seine letzten Männergien in Rey pumpt (Male Savior Trope). Obendrein wird ihr kein eigener, ikonischer Name zugestanden. Die bisher nachnamenlose muss sich jetzt Skywalker nennen. Und zu guter Letzt ist ihre Figur nicht nur der Phantasie dreier Männer* entsprungen (Kasdan, Abrams, Arndt), auch für das Drehbuch von "The Rise of Skywalker" zeichnen vier Männer* verantwortlich.

Doch zurück auf die Erde und hinein in den Geräteschuppen von Iron Man, der sich unterdessen eine beachtliche Körperpanzer-Armee zugelegt hat. Jedes seiner Exoskelette läuft autonom steuerbar und mit Sprach-Service. So lässt sich oft schwer sagen, ob jemand drin steckt im Panzer. Ob der Mann wirklich zu Hause ist, sprich emotional präsent. Wie das folgende Video zeigt, ist die Auswahl der Emotionen, zu denen die genannten Körperpanzer fähig sind, noch immer rudimentär. Wir sehen eine Produktwerbung für den Androiden David Nummer Acht, den man sich ab sofort nach Hause liefern lassen kann, Stichwort Care Gap:

Prometheus

Wird die Körperpanzer-Fantasie auf Frauen* übertragen – quasi Live-Projektion –, werden sie als Riesenbedrohung inszeniert. Oft in Form künstlicher Intelligenz, von Männern* erschaffen und erbaut. Sie werden zwar biblisch Ava genannt wie in ex machina, aber schnell wird klar, dass hier nicht die KI Bedrohung und Gefahr darstellt, sondern die Gefährtin selbst, die weibliche Intelligenz, die Frau* als sich emanzipierendes Objekt. Die wohl frauenverachtendste Männerfantasie dieser Art findet sich in einem Freizeitpark für Männer* namens Westworld und wird Dolores genannt. Damit Dolores ein Bewusstsein entwickeln kann – so die perfide Idee des alten, weißen und einsamen Entwicklers Dr. Robert Ford (Anthony Hopkins) –, muss ihr Körper wieder und wieder missbraucht und getötet werden. 30 Jahre lang nahezu täglich, also viele tausend Mal. Die Emanzipation der Frau* nach männlichem Drehbuch wird hier als die wohl längste Schändung inszeniert, die man sich vorstellen kann. Und die Zuschauer? Sind begeistert. Was für ein Spektakel! Dolores kommt von lateinisch dolor und bedeutet Schmerz, Reue, Pein.

So viel zum Körperpanzer, mit dem live und in Echtzeit die gängigen Formen von Toxic Masculinity verhandelt werden. Sprichwörtlich in Form gegossen im Stahlwerk von Kino und Streamingdiensten: emotionale Distanz, Hyperkonkurrenzdenken, Aggression, Einschüchterung, Bedrohung, Gewalt, sexuelle Objektivierung und abgrundtiefer Frauenhass. (Christoph May, 15.3.2020)