Länder wie Deutschland und Spanien haben Exportstopps für medizinische Produkte erlassen. Diese fehlen nun mittelfristig in heimischen Kliniken.

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Innsbruck/Graz/Wien – "In zwei bis drei Wochen werden die Reserven knapp. Dann haben wir kein Material mehr. Bitte schreibt das." Eine Person, die in leitender Funktion in einem Tiroler Bezirksspital tätig ist, wandte sich am Donnerstag mit diesem Appell an den STANDARD. Es gehe um Einweghandschuhe, Desinfektionsmittel und andere medizinische Produkte, die seit den verhängten Exportstopps in Ländern wie Deutschland oder Spanien nicht mehr ausgeliefert werden. In Krisenzeiten ist sich offenbar jeder selbst der Nächste. Für Tirol bestimmte Lieferungen seien bereits gestoppt worden.

Für das medizinische Personal bedeuten die Lieferengpässe gewaltige Probleme angesichts der sich verschärfenden Situation mit immer mehr positiv getesteten Corona-Infizierten in Tirol. Johannes Schwamberger, Sprecher der Tirol Kliniken, bestätigt, dass die Lagerbestände in einzelnen Bezirkskrankenhäusern knapp werden könnten. In Innsbruck habe man aber noch genügend Reserven, um notfalls auch in anderen Häusern aushelfen zu können. Zudem arbeite man intensiv daran, neue Lieferungen mit dringend benötigtem Material wie Atemschutzmasken zu organisieren. Dazu greife man nun auch auf neue, alternative Lieferanten zurück.

"Punktuelle Engpässe" möglich

Vonseiten der Landesanitätsdirektion Tirol heißt es bezüglich möglicher Lieferengpässe: "Die derzeitige Situation rund um das Coronavirus stellt für alle Behörden sowie Gesundheitsinstitutionen eine Herausforderung dar. Das Bundesministerium arbeitet jedoch rund um die Uhr daran, um gezielte Maßnahmen im Hinblick auf die weiterhin bestmögliche Gewährleistung der medizinischen Versorgung zu treffen." Punktuell könne es österreichweit durchaus zu Engpässen kommen, wenn Lieferungen aus dem Ausland ausblieben. In gemeinsamer Abstimmung, so heißt es, stellen Bund und Länder sicher, dass die notwendigen Mittel für alle Institutionen zur Verfügung stehen.

Auch in der Steiermark machen sich die Krankenhausleitungen bereits Gedanken um die Versorgungssicherheit. In der steirischen Spitalsholding ist man zurzeit noch überzeugt, die Lieferproblematik im Griff zu haben. Wiewohl man sich natürlich in einer Ausnahmesituation befinde und zum Teil "neue Wege" zur Versorgung geöffnet werden müssten, heißt es in der Chefetage der Krankenanstaltengesellschaft (Kages).

Preisanstieg um ein Vielfaches

So werde versucht, Lieferengpässe durch die deutsche Exportsperre etwa über slowakische Tochterunternehmen von deutschen Firmen wettzumachen. Die gesamte Versorgungskette sei natürlich unsicherer geworden. Bei den Kosten für den akutmedizinischen Bedarf, wie etwa OP-Masken, Desinfektionsmittel oder Einweghandschuhe, kündige sich ein wahrer Preiskrieg an. So sei etwa der Preis für spezielle OP-Masken von 13 Cent sprungartig auf 99 Cent gestiegen, heißt es.

Das Gesundheitsministerium sagt dazu: "Im Moment können wir nicht von einem Engpass bei medizinischen Produkten und Schutzausrüstungen sprechen, sehr wohl aber von einer Knappheit. Es finden laufend Abstimmungen mit den Bundesländern, in deren Zuständigkeit die Krankenanstalten fallen, sowie mit den weiteren Gesundheitseinrichtungen statt, um die aktuelle Versorgungslage mit Masken, Schutzausrüstung und anderen relevanten Produkten zu ermitteln."

Ministerium: "Lieferengpässen entgegenwirken"

Gleichzeitig prüfe das Ministerium in Abstimmung mit anderen Institutionen diverse Maßnahmen auf europäischer und innerstaatlicher Ebene, um Lieferengpässen bestmöglich entgegenzuwirken. Denn einzelne europäische Staaten haben Exportstopps angekündigt oder bereits umgesetzt. Man habe aber bereits erreichen können, dass Transitware, die für Österreich gekennzeichnet war, nicht vom deutschen Exportverbot betroffen sei.

Auch in Rotterdam sei dies kein Problem und die erste Ladung an Handschuhen sei bereits eingetroffen. "Wir haben im Krisenstab eine eigene Abteilung, die sich mit dem Versorgungsbedarf medizinischer Güter beschäftigt. Neben internationalen Interventionen, wird auch innerstaatlich nach Lösungen gesucht", so ein Sprecher des Ministeriums zum STANDARD. So werde daran gearbeitet, zum Beispiel Desinfektionsmittel in Österreich direkt herzustellen.

Um Engpässe in der Gesundheitsvorsorge zu vermeiden, appellieren Mediziner wie Behörden an die Bevölkerung, sich an die Verhaltensempfehlungen zu halten. Es gelte nun, die Sozialkontakte auf ein Minimum zu beschränken, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Nur so könne eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert werden.

Verhalten kann Ausbreitung verzögern

In einer aktuellen Studie hat die TU Wien verdeutlicht, wie sich richtiges Verhalten auf die Fallzahlen auswirken kann. Geht man von einer pessimistischen Prognose mit 60 bis 70 Prozent Infizierten in der Bevölkerung aus, so würde das allein für Wien am Höhepunkt der Epidemie einen zusätzlichen Bedarf von 32.000 Spitalsbetten bedeuten. Aktuell gibt es in der Bundeshauptstadt insgesamt rund 10.000 Betten. Reduziert man nun die Mensch-zu-Mensch-Kontakte um 25 Prozent, so sinkt dieser zusätzliche Bettenbedarf auf nur noch etwa 6.400.

Dieses optimistische Szenario könnte sich durch die von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen erreichen lassen, sagen die Forscher. "Wenn es uns gelingt, die Anzahl der Kontakte sogar noch deutlicher zu reduzieren, besteht die Hoffnung, mit noch weniger zusätzlichen Spitalsbetten auszukommen. Das sollte unser Ziel sein, jedes Krankenhausbett zählt", erklärt dazu Niki Popper von der TU Wien. (Steffen Arora, Walter Müller, 13.3.2020)