Bernhard Spalt gilt als trocken, ganz anders als Vorgänger Andreas Treichl. Spätestens bei James Bond straft er diese Schubladisierung Lügen.

STANDARD: Wie stellen Sie sich vor? Schräg wäre, wenn Sie sagten: "Mein Name ist Spalt. Bernhard Spalt." Wüssten Sie, was Ihr Gegenüber antworten würde?

Spalt: Kommt drauf an, auf welche James Bond-Serie Sie anspielen.

"Ich verstehe ganz gut, was ich kann und was ich nicht kann", sagt der neue Chef der Erste Group.
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STANDARD: "Leben und sterben lassen". Da antwortet Mister Big James Bond: "Namen sind etwas für Grabsteine, Baby." Interessante Begrüßungsfloskel.

Spalt: Sehr interessant, aber passt nicht immer. Ich selbst würde übrigens nicht Bernhard Spalt sagen, sondern Bernd Spalt. Niemand hat mich daheim je Bernhard genannt, nur meine Eltern, wenn sie sauer auf mich waren.

STANDARD: Sie sind Cineast, aus "James Bond" können Sie ganze Dialoge zitieren?

Spalt: Ich mag James Bond wirklich gern, meine Top-Lieblingsfilme sind aber andere. Dialoge kann ich, aber keine zitierfähigen.

STANDARD: Sagen Sie uns doch etwas Nichtzitierfähiges.

Spalt: Sean Connery wird in einer nächtlichen Umarmung mit einer Freundin von den Gangstern angetroffen, die kommen mit einer Pistole rein. Sagt er: "You’ve caught me not only with my hands up." Das find ich wirklich gut.

Jean Connery und Claudibe Auger, die 1965 in "Feuerball" das James-Bond-Girl spielte.
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STANDARD: Super. In "Leben und sterben lassen" heißt es: "Morgenstund ist aller Laster Anfang." Sie haben Ihre ganze Karriere in der Ersten verbracht, gelten als "Pflichtenmensch". Sie stehen früh auf?

Spalt: Ich würde mich nicht als Pflichtenmensch sehen, das klingt arg trocken und alemannisch.

STANDARD: Sie sind Alemanne.

Spalt: Ja, ich habe auch meine Freude damit. Aber ich bringe am Morgen am meisten weiter und stehe daher um Viertel vor sechs auf. Dafür bin ich am Abend um zehn im Bett, meistens.

STANDARD: Um wie viel Uhr werden Sie da in der Stadthalle auf der Bühne stehen und Ihren Mitarbeitern was vorsingen? So wie Ihr Vorgänger Andreas Treichl im Herbst beim 200-Jahre-Fest der Ersten?

Spalt: Ich verstehe ganz gut, was ich kann und was ich nicht kann. Ich kann nicht singen, nicht Klavier spielen und nicht tanzen. Deswegen werden Sie mich auch nicht auf Bällen treffen, das geht sich aber mit 22 Uhr eh nicht aus.

STANDARD: Also werden Sie auch nie mit großen Champagnerflaschen in Opernball-Logen zu tun habe, anders als Ihr Vorgänger Andreas Treichl?

Spalt: Ich glaube nicht.

Andreas Treichl hat die Bank 25 Jahre lang geführt. Seit Jänner ist er Aufsichtsratschef der Erste Privatstiftung, die 11,4 Prozent der Aktien hält.
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STANDARD: Ich nehme an, es nervt Sie, aber Sie werden wohl noch länger mit Treichl verglichen werden. Sie gelten als sein Gegenentwurf: extrem sachlich, zurückhaltend, Teamplayer, kein Showman ...

Spalt: Es gibt unterschiedliche Persönlichkeiten, die Banken führen können, und die Herausforderungen im Geschäft ändern sich. Andreas ist ein sehr, sehr guter Banker, ich bin auch ein guter Banker. Ich habe mein Team so zusammengestellt, dass die Leute einander bestmöglich ergänzen. Es geht nicht darum, wer die erste Geige spielt.

STANDARD: Wird man Sie wie Treichl über Politik reden hören?

Spalt: Meine Wortwahl wird immer meine Wortwahl sein. Aber ich bin kein Pokerface: Man kann immer erkennen, was ich denke.

STANDARD: Denn Sie sind Schachspieler und beim Schachspielen kann man nicht bluffen?

Spalt: Es gibt zwei Typen von Schachspielern: die Taktiker, die extrem gut sind im schnellen Lösen von kurzfristigen Aufgaben und die Strategen. Ich bin der Stratege, der versucht auf langfristig zu denken. Und noch zur Politik: Sie werden mich dann über Politik reden hören, wenn es für unsere Themenstellung relevant ist. Ich werde mich aber nicht zu allen Problemen dieser Welt äußern. Zu manchen Themen habe ich keine kompetente Meinung, und da werde ich meinen Schnabel halten.

STANDARD: Wissen Sie, wer gesagt hat: "Regierungen wechseln, aber die Lügen ändern sich nicht?"

Spalt: Nein.

STANDARD: Ich habe viel gelernt bei meiner Vorbereitung auf dieses Gespräch: Es war James Bond in "Golden Eye".

Spalt: Wahrscheinlich haben Sie gelitten bei all diesen Filmen. Aber auch meine drei Top-Lieblingsfilme sind keine James Bonds. Das sind "The Night of the Iguana" ("Die Nacht des Leguan"; Anm.) von John Huston nach Tennessee Williams: großartig. Dann Sam Peckinpahs "The Ballade of Cable Hogue" ("Abgerechnet wird zum Schluss"): ein extrem großer Western, aber sehr zart. Und "In America" von Jim Sheridan: Da geht’s um eine irische Familie, die nach New York auswandert und den Tod ihres Sohnes verarbeiten will. Das ist der einzige Film, bei dem ich immer weine.

Die Corona-Krise sorgt für schlimme Turbulenzen, auch die Aktienkurse stürzen ab.
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STANDARD: Die Corona-Epidemie sorgt für ärgste Turbulenzen, auch an den Finanzmärkten. Wie gefährlich ist das alles? (Anmerkung: Das Interview wurde vor zehn Tagen geführt, als die Tubrulenzen noch geringer waren.)

Spalt: Ich möchte die jetzigen kurzfristigen Marktturbulenzen nicht überbewerten, da Börsen immer schon die Angewohnheit gehabt haben, sowohl in die negative wie in die positive Richtung überzureagieren. Zum derzeitigen Zeitpunkt ist eine seriöse Einschätzung schwierig, und die konkreten Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und Wirtschaft werden vom weiteren Verlauf der Virusausbreitung abhängen.

STANDARD: Zu all dem kommen Negativzinsen, Konkurrenz durch Fintechs und Digitalisierung. Ist das Ihre größte Herausforderung?

Spalt: Eine der wichtigsten Fragen ist, wie wir Mitarbeiter finden und halten, damit wir relevant und ein spannender Arbeitgeber bleiben. Online-Banking-Konzepte allein überzeugen mich nicht, aber die Kombination zwischen digitaler Kompetenz und physischer Erreichbarkeit und Ansprechbarkeit sehe ich als unser langfristiges Erfolgsmodell. Und Fintechs sind keine Konkurrenz für eine Bank wie die Erste, sie können vielmehr gute Vorbilder für moderne Lösungen und gute Partner für uns sein.

STANDARD: Bringt der Negativzins Ihr Geschäft zum Kippen?

Spalt: Die Niedrigzinspolitik hat mehr Nach- als Vorteile. Die Leute nehmen deswegen nicht mehr Kredite auf, und sie können kein Vermögen aufbauen und keine Vorsorge für ihre Zukunft treffen.

Der Bankchef auf der Terrasse der Erste-Zentrale beim Hauptbahnhof.
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STANDARD: Manche Banken geben keine Sparbücher mehr aus. Kommt bei Ihrem Geschäftsmodell eher nicht infrage, oder?

Spalt: Nein. Ich hab auch keine Ahnung, welches Problem das lösen soll. Das Sparbuch abzuschaffen, das ist ein Missverständnis, geht völlig am Problem vorbei. Unser Ziel muss sein, einen Weg zu finden, wie Kunden ein Vermögen aufbauen können. Und da ist auch die Politik gefragt. Denn wir brauchen funktionierende Kapitalmärkte, und die Banken müssen Produkte anbieten, die Kunden über einen längeren Ansparmodus und mit einem bestimmten Risiko die Chance auf Erträge einräumen. Ertrag ohne Risiko? Fiktion, das gibt es nicht mehr. Sparzinsen, die über der Inflationsrate liegen, kann man lang vergessen, für mehrere Jahre. Sehr schade.

STANDARD: Sind die Notenbanken schuld oder auch die Banken, die die Finanzkrise ausgelöst haben?

Spalt: Nach der Krise haben die für die Geldpolitik Verantwortlichen einen damals mutigen und klugen großen Schritt gesetzt und billiges Geld in die Märkte gepumpt. Aber als es der Wirtschaft wieder gut ging, haben sie den Absprung verpasst – und nicht damit aufgehört.

STANDARD: Was machen Sie denn mit Ihrem Geld? Sie können ja nicht alles für Kupferkochtöpfe ausgeben, die Sie als leidenschaftlicher Koch so gern verwenden.

Spalt: Meine Frau würde wütend, wenn ich noch mehr davon kaufe. Ein Teil meines Ersparten steckt in unserem Haus, ich habe Erste-Group-Aktien und investiere in Fonds. Diese Kupfertöpfe sind übrigens wirklich toll. 90 Prozent Kupfer und zehn Prozent Edelstahl: wahnsinnig schwer, Sie brechen sich fast den Arm, wenn Sie damit kochen. Aber für Schmorgerichte gibt es nichts Besseres.

STANDARD: Da köchelt auch Ihr Gulasch drin, drei Stunden lang?

Spalt: Ja, und davor Zwiebeln ganz langsam in Butterschmalz anrösten, bis sie goldgelb sind. Rezept meiner Schwiegermutter.

Ob dieses Gulasch 3,5 Stunden geköchelt hat, ist nicht überliefert. Sicher ist, dass es nicht von Spalt gekocht wurde.
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STANDARD: Ihre Frau kommt wie Sie aus Vorarlberg, Sie vermissen das Ländle aber nicht?

Spalt: Gar nicht. Ich bin wahnsinnig gern in Wien. Ich habe in sechs verschiedenen Ländern gelebt, aber Wien ist unschlagbar. Ich mag auch die Wiener gern, ihre Sprache, ihren Humor, das Granteln stört mich nur manchmal, bei Kellnern in Caféhäusern etwa.

STANDARD: Da fällt mir zufällig der Bräunerhof ein. Da saß oft Thomas Bernhard ...

Spalt: Ich liebe Thomas Bernhard, habe alles von ihm gelesen. Aber wissen Sie, was mich im Bräunerhof immer so freut? Das Appetitbrot. Da ist fast alles drauf.

STANDARD: Noch kurz zu Ihrem Geld. Wie viel verdienen Sie als CEO? Treichl hat das Gehaltsthema gehasst und immer drauf verwiesen, dass Sportler viel mehr verdienen.

Spalt: Was ich verdiene, wird man im Geschäftsbericht lesen können, ist öffentlich dokumentiert.

STANDARD: Wie viel verdienen Sie?

Spalt: Als Grundgage werde ich eine Million Euro verdienen, ich schäme mich nicht für mein Gehalt. Ich bin für 47.000 Mitarbeiter verantwortlich.

STANDARD: Schlafen Sie manchmal schlecht deswegen?

Spalt: Ja, ich schlafe manchmal schlecht. In der Krise 2009 bis 2011 gab’s starke Umbrüche. Da macht man sich als denkender Mensch schon Sorgen.

STANDARD: Und jetzt, Stichwort Corona-Krise?

Spalt: Als Bank ist die Erste kerngesund. Aktuell haben wir Maßnahmen getroffen, um unsere Mitarbeiter bestmöglich zu schützen und zu unterstützen, während wir gleichzeitig unsere Kunden optimal servicieren. Dazu sind wir in enger Abstimmung mit den Behörden und bewerten die Entwicklungen auf täglicher Basis.

Die Lehman-Pleite stand am Anfang der Finanzkrise, die bald auch Österreich erreichen sollte.
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STANDARD: Sie waren Risikovorstand der Erste Group, als Sie nach der Finanzkrise 2011 nach Ungarn geschickt wurden. Wurden Sie strafversetzt? Die Erste hatte damals grobe Probleme aus derivativen Finanzprodukten wie CDS.

Spalt: Wir waren 2011 auf Roadshow in den USA, wo wir wegen Verlusten und CDS arg geprügelt wurden. Dort hat mich Treichl gefragt, ob ich nach Ungarn gehen will, um die Probleme zu lösen. Ich war skeptisch, aber meine Frau meinte: "Natürlich machst du das." Wir hatten als Bank Fehler gemacht und ich ging nach Ungarn mit dem Vorhaben, das Zerbrochene zu reparieren. Nach drei Jahren war es gut, heute steht die Bank in Ungarn toll da.

STANDARD: Können Sie gut verlieren?

Spalt: Ja. Ich kann immer wieder neu anfangen, damit habe ich überhaupt kein Problem.

STANDARD: Haben Sie sich damals als Verlierer gefühlt?

Spalt: Die Zahl der SMS, wenn man CEO wird, ist ungleich höher als die Zahl der SMS, wenn man aus dem Vorstand nach Ungarn geschickt wird. Das darf man nicht persönlich nehmen, das hängt mit der Funktion zusammen.

STANDARD: Sie spielen sehr gut Schach, mit Treichl haben Sie nur ein Mal gespielt. Sie haben ihn in wenigen Zügen Schachmatt gesetzt, heißt es.

Spalt: Das ist privat. Aber ich kann Ihnen erzählen, dass er mir damals das Du-Wort angeboten hat. Er sagte, er könne niemanden beschimpfen, mit dem er per Sie ist.

Beim Schachspielen sei er ein Stratege, sagt der Banker, der seinen Exchef ordentlich paniert hat, beim Schach.
Foto: Regine Hendrich

STANDARD: Naja... In Ihrem Besprechungszimmer steht ein Schachbrett. Zur Einschüchterung?

Spalt: Das verwende ich an langen Tagen oft, um meine Konzentration wiederzuerlangen. Da spiel ich alte Partien nach, aus dem Kopf. Gute Übung. Das Tolle am Schach ist, dass es kein Bluffen gibt. Sie können nie jemand anderem die Schuld geben. Gewinnen und verlieren: Es sind immer Sie.

STANDARD: Passt zur letzten Frage: Worum geht’s im Leben?

Spalt: Darum, Verantwortung zu übernehmen, die eigenen Unzulänglichkeiten auszuhalten und immer wieder neu anfangen zu können. (Renate Graber, 15.3.2020)