Sie haben einen halbwegs ergonomischen Stuhl gefunden, den Küchen- zum Schreibtisch umfunktioniert, das Internet hängt nicht, und die Kinder sind beschäftigt: Die erste Herausforderung ist gemeistert. Doch nur weil der Arbeitsplatz mehr oder weniger dem Instagram-Ideal des Homeoffice entspricht, ist das noch lange keine Garantie für einen produktiven Arbeitstag.

Vielleicht ändert sich dieser für manche gar nicht so sehr – außer dass der Tag mit einem Teamgespräch via Videochat beginnt. Für viele wird die Veränderung aber größer sein als nur der Sessel, auf dem sie sitzen, oder die Kinder in ihrer Nähe. Wer im Homeoffice arbeitet, muss auch mit Tagen ohne feste Struktur, anderen Aufgaben, die nicht geordnet auf einen zukommen, oder mit dem größeren Projekt, für das sonst nie Zeit war, umgehen können. Und das ist die zweite Herausforderung: halbwegs produktiv im Homeoffice zu arbeiten, ohne dabei verrückt zu werden.

Nicht nur die neue Arbeitsumgebung ist eine Herausforderung. Auch Kinderbetreuung und Homeoffice sind schwer vereinbar.
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Die gute Nachricht: Sie sind damit nicht allein. Es gibt nicht nur viele Menschen, die derzeit frisch im Homeoffice sind, sondern auch einige, die schon viel länger allein zu Hause arbeiten. Entweder weil sie sich hin und wieder Homeoffice-Tage nehmen, um sich außerhalb vom Büro einem wichtigen Projekt zu widmen oder den Report zu schreiben. Oder weil sie selbstständig sind, als Autorin, Künstler, Philosoph oder Musikerin. Auch viele Studierende und Promovierende lernen, schreiben, experimentieren zu Hause. Von diesen Veteraninnen und Veteranen der selbststrukturierten Heimarbeit kann man einiges lernen:

  • Strukturieren Sie Ihren Tag: Welche festen Verabredungen am Telefon oder in der Videokonferenz gibt es? Welche Aufgaben sollten heute erledigt werden? In welcher Reihenfolge werden Sie diese angehen? Am besten planen Sie am Morgen als Erstes den Arbeitstag oder als letzte Aufgabe am Vortag. Auch eine grobe Struktur für eine ganze Woche ist hilfreich. Und: Formulieren Sie Aufgaben möglichst konkret, mit einem klar definierten Anfangs- und Endpunkt.
  • Seien Sie bescheiden: Wer glaubt, mehr erledigen zu können, weil der Arbeitsweg oder die Fahrt in den Kindergarten wegfallen, irrt. Das ist ein Rezept für Frustration: Viele überschätzen, was an einem "leeren" Tag zu schaffen ist. Der Tag sollte also realistisch und bescheiden angegangen werden. Das gilt vor allem für jene, die sich erst ans Homeoffice gewöhnen müssen, oder wenn immer wieder etwas neu eingerichtet oder ausprobiert werden muss. Und wenn die Möglichkeiten der Wohnung als Arbeitsplatz einfach begrenzt sind. Arbeitsplätze in Büros sind auf konzentrierte Tätigkeiten oder Teamarbeit ausgelegt, werden oft über Jahre eingerichtet. Aber auch Sie haben dort Zeit gebraucht, um sich einzugewöhnen. Es ist normal und in Ordnung, dass die ersten Tage im Homeoffice nicht gleich die produktivsten sind.
Eine kurze To-do-Liste und eine Wunschliste mit optionalen Aufgaben helfen, um die wichtigsten Sachen im Homeoffice zu erledigen, rät Felix Pinkert.
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  • Schreiben Sie kurze To-do-Listen: Statt ambitionierten Listen helfen sehr bescheidene mit den wichtigsten Aufgaben. Die Faustregel: eine priorisierte Liste schreiben und dann nochmals halbieren. Zusätzlich ist eine Wunschliste an Dingen nützlich, die gut wären, auch zu erledigen. So haben Sie eine realistische Chance, die Liste der wichtigsten Aufgaben zu schaffen – und wenn Sie von der Wunschliste auch welche abhaken können, dann haben Sie noch einen einen weiteren Grund, stolz auf sich zu sein. Wichtig ist auch, die Liste in die Tagesplanung einzufügen und zu klären, wann man welche Aufgaben angeht. Viele Menschen haben nicht die Freiheit, selbst ihre To-dos zu definieren. Hier sind Führungskräfte gefragt: Seien Sie realistisch in Ihren Erwartungen, priorisieren Sie Aufgaben für Ihre Mitarbeiter. Und: Vertrauen Sie Ihren Mitarbeitern. Es ist normal, dass sie jetzt Zeit und Energie dafür aufwenden müssen, sich an die neuen Strukturen zu gewöhnen.
  • Sprechen Sie mit Kollegen: Wenn Sie nicht ohnehin in regem E-Mail- oder Telefonkontakt sind, sprechen Sie mit Ihren Kolleginnen, etwa in einem Chat oder per Video. Sagen Sie morgens Hallo und verabschieden Sie sich nach getaner Arbeit in den Feierabend. Homeoffice kann schnell einsam werden und sich unwirklich anfühlen. Unsere Arbeit ist allerdings motivierender und fühlt sich oft sinnvoller an, wenn wir sie nicht ganz allein machen. Auch Freunde, die im Homeoffice sind, kann man für ein Pausenschwätzchen anrufen. Oder sich mit ihnen über die Tagesplanung austauschen, voneinander lernen, am Tagesende gemeinsam Erfolge oder Niederlagen teilen.
Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen abseits von Besprechungen hilft, um sich nicht einsam zu fühlen. Auch Freunde im Homeoffice kann man anrufen.
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  • Machen Sie Pausen: Niemand sitzt die gesamte Arbeitszeit voll konzentriert an einer schwierigen Aufgabe. In der Arbeit trinken Sie sicher auch mal einen Kaffee mit Kollegen oder sprechen am Flur kurz mit Mitarbeitern aus der anderen Abteilung. Deshalb gilt auch für zu Hause: Machen Sie mal Pause, notfalls mit Erinnerung per Wecker. Hier ist es auch hilfreich, aufzustehen, sich etwas zu bewegen, vielleicht auch einen Spaziergang um den Block zu machen. Pausen helfen nämlich, sich wieder besser konzentrieren zu können.
  • Ziehen Sie einen Schlussstrich: Machen Sie – soweit möglich – regulär Feierabend. Das Zuhause ist jetzt zwar Büro, aber deshalb noch keine 24-Stunden-Arbeitsstelle. Am besten packen Sie Ihre Arbeitsmaterialien nach getaner Arbeit außer Sichtweite.
Ein Schlussstrich nach getaner Arbeit ist wichtig. Auch im Homeoffice sollte regulär Feierabend gemacht werden, rät Felix Pinkert.
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  • Werten Sie den Tag aus: Was haben Sie geschafft? Klopfen Sie sich ruhig auch auf die Schulter dafür. Was haben Sie nicht geschafft? Warum nicht? Haben Aufgaben länger gedauert als erwartet? Davon lernen Sie für morgen. Wichtig ist auch, sich dabei nicht als Person zu bewerten. Sie waren abgelenkt von der Familie oder dem Haushalt, vom Austausch mit Freunden am Handy, vom Verfolgen der Nachrichten? Das macht Sie nicht zu einem faulen Menschen oder einem schlechten Mitarbeiter – oder zumindest nicht mehr als selbst die produktivsten Veteranen der Heimarbeit, die das auch gut kennen. Selbst nach Jahren des Selbstmanagements läuft nicht alles glatt; gilt es, dazuzulernen und auch einfach einmal die Grenzen der Selbstdisziplin zu akzeptieren. Das sollten auch Führungskräfte bedenken: Alle Mitarbeiter haben neben ihren regulären Aufgaben jetzt eine Extraaufgabe: Büromanager ihres Homeoffices zu sein. Das kostet Zeit, will gelernt werden und ist jetzt auch Teil der Arbeit. (Felix Pinkert, 18.3.2020)