Global betrachtet stehen verwilderte Hauskatzen auf der Liste schädlicher Bioinvasoren ziemlich weit oben. Den Grund dafür wollen viele Fans der Samtpfoten nicht gerne hören: Ihre kleinen Lieblinge richten auf ihren Streifzügen unter noch kleineren Tieren auf Dauer das reinste Massaker an. Das gilt schon für Katzen, die jeden Tag zum Fressen nach Hause kommen. Wildlebende und sich daher ausschließlich selbsttätig ernährende Katzen können also erst recht zum ökologischen Faktor werden.

Insofern nahm es die Biologin Michelle Sauther von der Universität Colorado mit gemischten Gefühlen auf, wenn sie im Zuge ihrer Feldstudien auf Madagaskar auf Katzen stieß. 30 Jahre lang liefen ihr im Verlauf ihrer Forschungstätigkeit immer wieder mal Katzen von großer Statur über den Weg – bis sie sich schließlich für die Frage interessierte, woher die Tiere gekommen sein mögen. Ihre Ergebnisse hat Sauther im Fachjournal "Conservation Genetics" veröffentlicht.

Die Fossa ist das größte der Madagassischen Raubtiere.
Foto: REUTERS/Baz Ratner

Ureinwohner Madagaskars sind Katzen nicht, so viel stand schon vorab fest. Die viertgrößte Insel der Welt hat sich noch in der Kreidezeit von Afrika und schließlich auch von Indien getrennt, seit 90 Millionen Jahren ist sie ein weitgehend isolierter Lebensraum. Viele Tiergruppen, die heute das Festland dominieren, haben es nie nach Madagaskar geschafft. Dafür konnten sich diejenigen, die es zufällig doch auf die Insel verschlagen hat (zum Beispiel auf natürlichen Flößen aus Pflanzenmaterial treibend), dort zu hoher Artenvielfalt aufschwingen.

Die bekannteste dieser für Madagaskar einzigartigen Tiergruppen sind die Lemuren. Sie haben die Rolle der Affen eingenommen, von denen es auf der Insel keine gibt. Eine zweite prominente Gruppe sind die sogenannten Madagassischen Raubtiere (Eupleridae), die ein bisschen so aussehen, als hätte man Marder und Katzen gekreuzt. Ähnlich wie Hyänen oder Mungos sind sie nur weitläufig mit Katzen verwandt. Ihre Bandbreite reicht von der 25 Zentimeter kleinen Madagaskar-Manguste bis zur 80 Zentimeter langen Fossa, dem Spitzenprädator auf der Insel.

Und dann noch die Katzen

Aber in den Wäldern treiben sich eben doch auch Katzen herum, berichtet Sauther. Den Bewohnern der Insel seien sie als "Ampaha", "Fitoaty" oder "Kary" wohlbekannt. Sie gelten als Hühnerdiebe und werden von tatsächlichen Hauskatzen klar unterschieden. Sie seien relativ großgewachsen und hätten allesamt das gleiche Fellmuster, ähnlich einer Tabby. Insgesamt sahen alle Katzen, die die Forscherin gesichtet hat, einander ausgesprochen ähnlich.

Um ihren Ursprung herauszufinden, nahm die Forscherin von 30 "Waldkatzen" aus verschiedenen Regionen der Insel DNA-Proben und verglich diese mit Erbgutinformationen über Hauskatzen weltweit. Das Ergebnis überraschte sie: Die Tiere sind tatsächlich Hauskatzen, scheinen aber nicht die Nachfahren moderner Importe zu sein. Ihr Ursprung liegt im arabischen Raum, etwa Oman oder Kuwait. Die Daten deuten darauf hin, dass die Katzen vor hunderten oder vielleicht sogar schon vor über tausend Jahren mit arabischen Händlern auf Madagaskar angekommen sind.

Eine "Waldkatze" ist in eine Kamerafalle getappt.
Foto: Michelle Sauther

Mit der Verschiebung des Zeithorizonts würde sich auch die Einschätzung der Gefahr ändern, die die Katzen für die einheimische Fauna bedeuten. Während sich verwilderte Hauskatzen in anderen Inselregionen – etwa Hawaii, Neuseeland oder auf den Westindischen Inseln – zur Katastrophe für die jeweilige Tierwelt entwickelt haben, seien sie auf Madagaskar inzwischen vielleicht ein ganz normaler Bestandteil des Ökosystems.

Nicht immer muss sich die globale "Katzen-Diaspora", wie Sauther die weltweite Verschleppung von Hauskatzen durch den Menschen nennt, verheerend auswirken. Für völlig harmlos will die Forscherin die "Waldkatzen" zwar nicht erklären – immerhin konnte sie selbst beobachten, dass manche Exemplare Lemuren auflauerten. Aber es deutet einiges darauf hin, dass sich hier ein Bioinvasor zur Abwechslung einmal relativ gut in seinen neuen Lebensraum eingefügt hat. (jdo, 22. 3. 2020)