Wien/Jekaterinburg – Sie tun es wirklich. Lange war gerätselt worden, ob das bis zuletzt fast trotzig angekündigte Kandidatenturnier zu Jekaterinburg am heutigen Dienstag wirklich wie geplant beginnen würde. Denn praktisch überall auf der Welt wurden bedeutende Sportveranstaltungen inzwischen flächendeckend abgesagt.

Alexander Grischuk und Kirill Alekseenko reichen sich die Hand.
Foto: Reuters

Aber tatsächlich: Um 12h MEZ setzten die Schiedsrichter an den vier Brettern die Uhren in Gang, und der bis zum 3. April über 14 lange Runden anberaumte Kampf um das Ticket für ein WM-Match gegen Weltmeister Magnus Carlsen hatte begonnen.

Eine fahrlässige Entscheidung der Fide? Die Antwort darauf fällt a priori nicht leicht. Aus der Perspektive des seit Tagen von der Praxis des sozialen Abstandhaltens erfassten Europas muten Bilder wie jenes von der Eröffnungsfeier des Turniers am Montagabend tatsächlich skurril bis beängstigend an.

Über tausend Besucher hatten sich in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Auditorium versammelt, um eine bestimmt exzellente Balletteinlage der Stars des Moskauer Bolschoi-Theaters zu bewundern und den Reden von Ex-Weltmeister Anatoli Karpow sowie Fide-Präsident Arkadi Dworkowitsch zu lauschen. Letzterer betonte in seiner Ansprache vor dem brechend vollen Saal, dass selbstverständlich alle Sicherheitsvorkehrungen der WHO sowie der zuständigen russischen Gesundheitsbehörde eingehalten würden – na dann!

Zwo, eins, Risiko

Während die planmäßige Durchführung der Eröffnungsfeier angesichts der Weltlage zumindest als gefährlicher Leichtsinn erscheint, muss die Abhaltung des Turniers selbst wohl differenzierter betrachtet werden: Die acht Teilnehmer wohnen alle in jenem Hotel, in dem auch gespielt wird, und wurden – ebenso wie Schiedsrichter, Sekundanten und sämtliche Mitglieder des Organisationsteams – nach ihrem Eintreffen mit negativem Ergebnis auf das Corona-Virus getestet, wobei die Prozedur am zehnten Turniertag wiederholt werden soll.

Ding Liren, der im Gegensatz zu seinem Landsmann Wang Hao direkt aus China angereist war, hatte sich im Vorfeld zudem einer 14-tägigen Quarantäne vor Ort unterziehen müssen. Das Verbot der Anwesenheit von Zuschauern am gesamten Spielort sowie zwei obligatorische medizinische Checks pro Tag und Spieler sind ebenfalls Teil des Maßnahmenpakets, das das Sicherheitsgefühl der Teilnehmer erhöhen soll.

An der Frage des von der Fide freigestellten Handschlags (dessen Verweigerung normalerweise als Unsportlichkeit geahndet wird) schieden sich dann allerdings gleich zu Beginn die Geister. Während Anish Giri dem den symbolischen ersten Zug ausführenden Anatoli Karpow beherzt die Flosse reichte, ließ sein Erstrundengegner Jan Nepomnjaschtschi die Gelegenheit, einem Ex-Weltmeister die Hand zu schütteln, diesmal lieber dankend verstreichen.

Und jeder, der weiß, wie abergläubisch Schachspieler im Allgemeinen sind, wird mutmaßen, dass Nepomnjaschtschi damit einen Trend auslösen könnte: Der Russe gewann nämlich seine Auftaktpartie mit den schwarzen Steinen gegen den als Remismaschine verschrieenen Niederländer! Ein umso beeindruckenderer Sieg, wenn man ins Kalkül zieht, dass Giri bis tief ins Mittelspiel seiner Eröffnungsvorbereitung folgte, während "Nepo" bald auf eigene Ideen angewiesen war – und die Probleme der taktisch komplizierten Stellung so exzellent löste, dass Anish Giri zunächst schwarzen Ausgleich zulassen musste, bevor er nach einigen Ungenauigkeiten in ein wohl verlorenes Endspiel schlitterte.

Nepomnjaschtschi bestand die durchaus nicht triviale technische Übung mit Dame plus Bauer gegen Turm plus Bauer trotz virulenter Festungsmotive glänzend. Nach Königsmarsch und unkonventionellem Brückenbau hieß es rasch: 0:1. Die Tabellenführung nach Runde eins ist der Lohn für diese hervorragende Leistung des für sein hohes Spieltempo berüchtigten Russen, dem damit ein äußerst vielversprechender Start in ein langes Turnier gelang.

Zwei Führende

Teilen muss Nepomnjaschtschi seine Pole-Position nach dem ersten Durchgang mit Wang Hao, der ebenfalls zu einem kaum erwartbaren Schwarzsieg kam: Ausgerechnet sein Landsmann, der neben Fabiano Caruana als Favorit auf den Turniersieg geltende Ding Liren, war nämlich der Leidtragende.

Ding Liren im Duell mit Wang Hao.
Foto: imago images/ITAR-TASS

Dabei hatte die Partie für den mit Weiß spielenden Ding optisch vielversprechend begonnen. Nach Englischer Eröffnung entstanden erst spanisch, dann sizilianisch anmutende Motive unter den Bedingungen vertauschter Farben, die dem Anziehenden eine leichte aber beständige Initiative zu verheißen schienen.

Dann aber spielte Ding den positionell richtigen Bauernvorstoß zur falschen Zeit und geriet nicht nur in Nachteil, sondern auch in Zeitnot. Bald darauf konnte Weiß die rasch wuchernden Probleme nicht mehr lösen, nachdem sein Gegner sich per Qualitätsopfer zwei tödliche verbundene Freibauern auf der g- und h-Linie verschafft hatte.

Die Begegnungen zwischen Alexander Grischtschuk und Kirill Alekseenko, sowie Maxime Vachier-Lagrave und Fabiano Caruana endeten nach ebenfalls munterem Verlauf letztlich remis. Grischtschuk ließ sich dabei gegen seinen per Wildcard ins Turnier gekommenen russischen Landsmann einiges an Vorteil durch die Lappen gehen, während Caruana mit gewohnt exzellenter theoretischer Vorbereitung ausgangs der Eröffnung ausglich und bald leichten Druck ausübte, ohne jedoch in greifbare Nähe eines vollen Punktes zu kommen.

Schach für alle

Bei den Pressekonferenzen nach den Partien wurde das alles bestimmende Thema der Gegenwart zunächst eher humoristisch abgehandelt: Ein Journalist fragte Grischtschuk sowie Alekseenko, mit welchem Turnierteilnehmer sie im Fall des Falles gerne quarantänisiert werden wollten.

Wenig später schlug Wang Hao trotz seines überzeugenden Schwarzsieges aber ernstere Töne an. Der Chinese betonte, dass er angesichts der Umstände für eine Verschiebung des Turniers plädiert hatte und ihm die Konzentration auf sein Spiel unter den außergewöhnlichen Umständen schwerfalle.

Wie dem auch sei, Weltschachbund und Veranstalter halten gegenwärtig eisern an einer Durchführung des Turniers fest. Für Schachfans ist ihre Lieblingsunterhaltung damit vorerst auf höchstem Niveau gesichert. Und jene Passivsportler, die das königliche Spiel bisher links liegen ließen, hätten angesichts der Pause von Fußball und Co. nun womöglich sogar Gelegenheit für eine Horizonterweiterung.

Am Mittwoch und Donnerstag werden jeweils um 12h MEZ die Runden zwei und drei gespielt, bevor für Freitag der erste Ruhetag des Katharinenburger Kandidatenturniers eingeplant ist. (Anatol Vitouch, 18.3.2020)