Paris leerte sich am Mittwoch. Dafür zog es viele Franzosen aufs Land, wo sie sich mehr Sicherheit vor dem Coronavirus erhoffen.

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Raymond kam sich hastig verabschieden: "Wir gehen", meinte der Nachbar und zeigte auf seinen Citroën, in dem die Familie wartete – am Steuer der Sohn, Pilot bei Air France und gerade ohne Arbeit. Die Zeit drängte am Montagnachmittag: Sechs Stunden später würde Präsident Emmanuel Macron eine Ausgangssperre über Paris und das Elsass anordnen, meinte Raymond mit einem seltsamen Unterton. Er, der aufrechte Pensionist, fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Warum er in das 500 Kilometer entfernte Haus seiner Familie in der Region Lot ausziehe? "Hier ist es zu eng", sagte er kurz angebunden. Er meinte wohl die legendäre Wohndichte in Paris, wo pro Quadratkilometer über 20.000 Menschen leben – mehr als in Neu-Delhi oder New York.

Anders gesagt: In Paris ist die Ansteckungsgefahr wohl größer als im verlassenen Lot. Und die Bewegungsfreiheit bedeutend geringer? Raymond machte diese Überlegung jedenfalls nicht als einziger: Tausende Pariserinnen und Pariser flohen am Montag aus der Stadt, bevor es zu spät war. Auf der Ringautobahn um die Hauptstadt kam es mitten am Tag zu langen Staus; im Gare Montparnasse, wo die Züge in die Bretagne abfahren, gab es Aufläufe und Panikszenen.

Kein Sport, keine Kirche, keine Messe

Der fluchtartige Exodus weckte in Frankreich Erinnerungen an das Kriegsjahr 1940, als Millionen Franzosen und auch Belgier und Holländer vor dem Anmarsch der deutschen Wehrmacht geflohen waren. Ein überaus traumatisches Kapitel der französischen Geschichte. "Niemand bombardiert uns", beruhigte ein Journalist der Zeitung "Le Figaro" seine Leser in einem Live-Bericht zum Thema "weg von Paris".

Das war in etwa die gleiche Devise wie vor zehn Tagen in der Lombardei, wo sich die Einwohner vor der regionalen Quarantäne nach Süditalien abgesetzt hatten. In Paris hatte Emmanuel Macron die Lektion gelernt: Am Montagabend verhängte er das Ausgehverbot nicht nur über die zwei hauptbetroffenen Regionen, sondern über ganz Frankreich. Ausnahmen gibt es nur noch für unabdingbare Berufsfahrten, Pflegetermine, zum Einkaufen und zum Joggen. Kollektive Anlässe (Sport, Kultur, Kirche, Märkte, Messen, auch Familientreffen) sind untersagt.

"Den Gemeinsinn stärken"

Nicht alle halten sich daran; bis Mittwoch erwischte die Polizei noch in Südfrankreich Reisende aus Paris. Sie versuchten sich mit der "Ehrenerklärung" herauszuwinden, die man via Internet herunterladen kann und die für zugelassene Fortbewegungen erforderlich ist. Doch die Behörden spaßen nicht mehr: Von 38 Euro am ersten Tag ist die Buße für unberechtigtes Verlassen der eigenen vier Wände am Mittwoch auf 135 Euro gestiegen. "Unser Ziel ist nicht, die Leute abzustrafen", meinte Polizeisprecherin Maddy Scheurer. "Wir wollen den Gemeinsinn der Bürger stärken."

Wer fern seines Wohnsitzes ertappt wird, darf ab sofort mit keinem Pardon mehr rechnen. "Der Exodus wirft die Frage der Virusübertragung auf andere Regionen auf", erklärte Gesundheitsminister Olivier Véran. Seine Mitbürger klärte er auf: "Nur weil man sich aufs Land begibt, entfernt man sich nicht vom Virus."

Eisige Blicke für die Hauptstädter

Gilles Pialoux, Chef der Infektionsabteilung im Pariser Spital Tenon, schimpfte im Fernsehen über den "mangelnden Gemeinsinn der Franzosen". Er habe "genug von der Disziplinlosigkeit in Sachen Volksgesundheit – und von den haarsträubenden Bildern von Leuten, die sich in die Züge drängen, ohne den geringsten Sicherheitsabstand zu wahren".

Eine Pariserin namens Mathilde schilderte in einem bretonischen Lokalblatt, sie sei auf der Insel Belle-Île – wo das Coronavirus noch nicht angekommen ist – mit eisigen Blicken empfangen worden. "Man wirft uns vor, das Virus anzuschleppen, die Geschäfte zu leeren und die Spitalsbetten zu füllen." Der Bürgermeister der malerischen Bretagne-Insel ruft die Inhaber von Zweitwohnsitzen formell auf, von jeder Anreise abzusehen.

In Paris wehren sich Abreisende gegen den vielgehörten Vorwurf, die hochnäsigen und reichen Hauptstädter setzten sich wieder einmal über die nationale Solidarität hinweg und gefährdeten den Sinn der Ausgangssperre. Vor dem Bahnhof Montparnasse erklärte ein Student, er sei keineswegs privilegiert, lebe er doch mit seiner Freundin in einer Wohnung von 23 Quadratmetern. Wochenlang darin eingeschlossen zu sein könne er sich aber schlicht nicht vorstellen. Da fährt das junge Paar lieber ins Ferienhaus der Eltern in der Provinz. (Stefan Brändle aus Paris, 18.3.2020)