Kanzlerin Angela Merkel fordert weniger Sozialkontakte.

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Noch wird in Berlins Volkspark Friedrichshain Volleyball gespielt. Eine Ausgangssperre gibt es noch nicht, das öffentliche Leben ist aber auch sehr eingeschränkt.

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Es war eine Premiere. Noch nie hatte sich die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die seit 2005 im Amt ist, via Fernsehen an ihr Volk gewandt. Es gibt nur die traditionellen Neujahrsansprachen, aber sonst verzichtete Merkel bisher auf diese Art der Kommunikation.

Doch angesichts der schwierigen Lage durch die Corona-Krise trat sie am Mittwoch doch vor die Kamera, die Rede wurde am Abend im ZDF und in der ARD übertragen. Neue schwerwiegende Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus wie etwa eine allgemeine Ausgangssperre kündigte sie nicht an, aber sie appellierte von ihrem Kanzleramt aus – im Hintergrund war der Reichstag im Sonnenschein zu sehen – sehr eindringlich an die Deutschen und wiederholte, was sie schon in einer Pressekonferenzen gesagt hatte: "Wir müssen aus Rücksicht aufeinander Abstand halten. So retten wir Leben."

In ernsten, aber unaufgeregten Worten machte Merkel klar, dass es jetzt auf jeden Einzelnen ankomme: "Ich glaube fest daran, dass wir diese Aufgabe bestehen, wenn wirklich alle Bürgerinnen und Bürger sie als ihre Aufgabe begreifen. Deswegen lassen Sie mich sagen: Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst. Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt."

Noch kein Impfstoff

Man müsse das öffentliche Leben so weit wie möglich herunterfahren. Bei ihren Maßnahmen lasse sich die Regierung von dem Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts und anderen Virologen leiten. Zwar werde weltweit unter Hochdruck geforscht, aber es gebe derzeit weder eine Therapie noch einen Impfstoff. Merkel: "Solange das so ist, gibt es nur eines, und das ist die Richtschnur all unseres Handelns: die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, sie über die Monate zu strecken und so Zeit zu gewinnen. Zeit, damit die Forschung ein Medikament und einen Impfstoff entwickeln kann. Aber vor allem auch Zeit, damit diejenigen, die erkranken, bestmöglich versorgt werden können."

Sie warnte vor einer Überforderung des Gesundheitssystems, wenn zu viele gleichzeitig in die Krankenhäuser müssten: "Das sind nicht einfach abstrakte Zahlen in einer Statistik, sondern das ist ein Vater oder Großvater, eine Mutter oder Großmutter, eine Partnerin oder Partner, es sind Menschen. Und wir sind eine Gemeinschaft, in der jedes Leben und jeder Mensch zählt." Und Merkel erklärte, "was mir heute das Dringendste ist: Alle staatlichen Maßnahmen gingen ins Leere, wenn wir nicht das wirksamste Mittel gegen die zu schnelle Ausbreitung des Virus einsetzen würden: Und das sind wir selbst.

Jeder muss helfen

So wie unterschiedslos jeder von uns von dem Virus betroffen sein kann, so muss jetzt auch jede und jeder helfen. Zuallererst, indem wir ernst nehmen, worum es heute geht. Nicht in Panik verfallen, aber auch nicht einen Moment denken, auf ihn oder sie komme es doch nicht wirklich an. Niemand ist verzichtbar. Alle zählen, es braucht unser aller Anstrengung." Familien und Gesellschaft müssten andere Formen finden, einander beizustehen, "Skypen, Telefonate, Mails und vielleicht mal wieder Briefe schreiben". Doch Merkel versuchte auch Optimismus zu zeigen und sagte: "Dass wir diese Krise überwinden werden, dessen bin ich vollkommen sicher."

Ihre Ansprache beendete Merkel mit den Worten: "Diese Situation ist ernst, und sie ist offen. Es kommt ohne Ausnahme auf jeden Einzelnen und damit auf uns alle an. Passen Sie gut auf sich und auf Ihre Liebsten auf. Ich danke Ihnen." Merkels Intention war es auch, mehr Präsenz zu zeigen, nachdem sie zunächst das Management der Corona-Krise dem deutschen Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) überlassen hatte. Zudem will sie sich nicht vorwerfen lassen, ihre Politik zu wenig zu erklären.

Dieser Vorwurf war ihr ab dem Herbst 2015, als die vielen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, immer wieder gemacht worden. Damals hatte sie zwar den historischen Satz ausgesprochen: "Wir schaffen das." Aber sie hatte nicht genau erklärt, wie es geschehen solle. Doch nach ihrer TV-Ansprache in der Corona-Krise am Mittwochabend kann man damit rechnen: Merkel wird sich wieder zu Wort melden und so wie Kanzler Sebastian Kurz oder der französische Präsident Emmanuel Macron es regelmäßig im Fernsehen tun. (Birgit Baumann aus Berlin, 18.3.2020)