Zehntausende Jahre voller Wanderungsbewegungen, Neubesiedelung und Vermischung haben ein unendlich komplexes (prä-)historisches Puzzle geschaffen. Vieles davon wird für immer im Schatten bleiben, aber manches lässt sich rekonstruieren.
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Wien – Trotz der enormen Größe Eurasiens sind die Menschen in diesem riesigen Lebensraum einander genetisch ähnlicher, als man vielleicht denken würde. Die genetische Vielfalt ist hier kleiner als in anderen Weltregionen, etwa in Afrika, den Amerikas oder in Ozeanien. Zehntausende Jahre voller reger Migrationsbewegungen und Durchmischung der verschiedensten Gruppen dürften dafür gesorgt haben, dass es in Eurasien relativ wenige genetisch abgesonderte Populationen gibt.

Die Studie

Dieser Befund ist eines aus einer ganzen Reihe von Ergebnissen, die ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachjournal "Science" vorgestellt hat. Ein Team um Chris Tyler-Smith vom Wellcome Sanger Institute in Hinxton (Großbritannien) verglich dafür das Erbgut von 929 Menschen aus 54 verschiedenen Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt. Zum Team gehörte auch die Österreicherin Sabine Felkel, die am Sanger Institut mitgeforscht hat und nun an der Universität für Bodenkultur in Wien arbeitet.

Die DNA-Vergleiche werfen Schlaglichter auf die komplexe Geschichte der Ausbreitung des Homo sapiens über die Welt. Die Vermischung mit anderen Menschenarten lässt sich daraus ebenso rekonstruieren wie wesentlich jüngere, aber immer noch prähistorische Ereignisse.

So konnten die Forscher aus den Erbgut-Daten auch rekonstruieren, wann und wo das vermutlich größte Bevölkerungswachstum der Menschheitsgeschichte stattgefunden hat: Es habe sich im Gefolge der Besiedelung Amerikas abgespielt, die vor etwa 15.000 Jahren begann. "Es übertraf sogar das der großen europäischen und ostasiatischen Populationen in den vergangenen 10.000 Jahren", berichten die Forscher.

Wir und unsere Cousins

Nicht zuletzt warfen die Ergebnisse auch ein neues Licht darauf, wie wir es mit unseren Verwandtschaftsbeziehungen hielten – also denen zu anderen Menschenarten wie dem Neandertaler oder dem Denisovamenschen. Nachdem sich der erste "globale" Mensch, der Homo erectus, vor knapp zwei Millionen Jahren von Afrika aus in die Welt aufgemacht hatte, entwickelten sich aus ihm verschiedene, geografisch voneinander isolierte neue Menschenarten. Teilweise wurden diese dann wieder "aufgesammelt", als auch der Homo sapiens Afrika verließ und sich zumindest mit Neandertalern und Denisovanern vermischte.

Die Studie in "Science" weist nun darauf hin, dass diese Vermischungen nicht in gleicher Weise abgelaufen sind. Mengenmäßig gibt es keinen großen Unterschied, wie viel Erbgut die Neandertaler und Denisovaner den heutigen Menschen mitgegeben haben. Bei den Neandertalern waren es 2,1 bis 2,4 Prozent bei Menschen außerhalb Afrikas (bei Afrikanern ist er minimal bis nicht vorhanden). Der Denisovaner-Anteil bei modernen Menschen in Ozeanien ist mit 2,8 nur unwesentlich höher. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied.

Unterschiedliche Häufigkeit der Kontakte

Die Neandertaler-Anteile sind bei allen heutigen Menschen nämlich so ähnlich am Erbgut verteilt, dass sie wohl nur von einer einzigen Population kommen. Kleine Unterschiede zeigen zwar, dass es nicht nur einen einzigen "Adam des Neandertaler-Anteils im modernen Menschen" gab, sagt Felkel. Insgesamt haben sich moderne Menschen aber offenbar seltener mit Neandertalern vermischt als mit Denisovanern.

Denn die Denisovaner-Anteile bei den heutigen Menschen in Ozeanien unterscheiden sich von jenen der Ostasiaten und Südasiaten sowie der Nord- und Südamerikaner. "Wir gehen deshalb davon aus, dass die Vorfahren heutiger Populationen mehrmals mit verschiedenen Denisovaner-Populationen interagiert haben", so Felkel. (red, APA, 19. 3. 2020)