Rund um die Uhr und vor allem unfreiwillig sind Eltern und Kinder aufgrund der derzeitigen Quarantänemaßnahmen beisammen. Manchmal auf engstem Raum. Fehlende Rückzugsmöglichkeiten und ein unstrukturierter Tagesablauf können schnell zu Aggression und Gewalt führen. "Aktuell haben wir noch keinen Anstieg der Gewaltdelikte innerhalb von Familien vernommen", sagt Andrea Friemel, Pressesprecherin der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11). "Wir bereiten uns aber auf alle möglichen Szenarien, die jetzt auf uns zukommen könnten, vor."

In Krisenzeiten sind es oft Frauen und Kinder, die unter den verschärften Bedingungen leiden.
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Betreuung über Whatsapp

Aktuell arbeitet die MA 11 intensiv an einem Krisenplan und erstellt Leitfäden, um auch unter den neuen Bedingungen Familien gut begleiten zu können. "Unsere Mitarbeiter nehmen den Kinderschutz auch während der Corona-Krise sehr ernst", sagt Friemel. Persönliche Kontakte versucht man bei der Kinder- und Jugendhilfe zu vermeiden, so wie es die Vorschrift der Regierung verlangt. Die Sozialpädagogen, Betreuer und psychotherapeutischen Mitarbeiter sind dennoch im Dauereinsatz. So bleiben die Sozialarbeiter weiterhin über Whatsapp in Kontakt mit den Kindern oder telefonieren mit Eltern. Facebook und Instagram sind laut Friemel auch eine gute Möglichkeit, sich weiterhin mit den Familien auszutauschen. "Uns ist es sehr wichtig, jetzt zu zeigen, dass wir da sind, wenn wir gebraucht werden", sagt Friemel. Im Notfall würde man Familien natürlich auch zu Hause besuchen. "Immer unter Einhaltung der vorgegebenen Sicherheitsmaßnahmen."

Kinder gemeinsam schützen

Die Wiener Kinder- und Jugendhilfe ruft dazu auf, in den kommenden Wochen und Monaten noch aufmerksamer zu sein als sonst: "Wir haben jetzt alle die Aufgabe, Kinder zu schützen", sagt sie. "Wenn man sich Sorgen macht, dass ein Kind in Gefahr ist, schreiten Sie ein." Oft sei es schon hilfreich, wenn man beim Nachbarn klopft und kurz nachfragt, ob alles in Ordnung ist. Auch hier weist Friemel darauf hin, unbedingt einen Meter Sicherheitsabstand einzuhalten. Sie gibt zu, dass es in vielen Situationen nicht leicht sei herauszuhören, ob Eltern nur schimpfen oder ein Kind tatsächlich in Gefahr ist. "In vielen Fällen hört man sofort, wenn etwas nicht im Rahmen stattfindet", sagt Friemel. "Wenn Kinder etwa besonders lange oder laut weinen und wimmern oder sogar Möbelstücke rumpeln." Nachzufragen, Hilfe anzubieten sei für Eltern ein wichtiges Signal: "Sie merken dann oft selbst, dass es zu viel war."

Möchte man nicht persönlich beim Nachbarn auftauchen, gibt es immer die Möglichkeit, bei der Kinder- und Jugendhilfe anzurufen. Die Sozialarbeiter sind von Montag bis Freitag erreichbar. Dies ist auch anonym möglich. Friemel betont, dass sich niemand Sorgen machen muss, dass der Familie ein Kind aufgrund von Streitigkeiten weggenommen wird. "Wir entscheiden immer im Einzelfall, und das Kind abzunehmen ist die allerletzte Möglichkeit."

Sollte man den Eindruck haben, ein Kind sei akut gefährdet, müsse ohnehin die Polizei gerufen werden. Diese kann sofort und vor Ort abklären, ob eine Gefährdung vorliegt.

Tipps, um Konflikte vermeiden

Der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen klärt in einem Infoblatt über Maßnahmen für Streit und Gewalt innerhalb der Familie auf. Dafür liefern die Experten praktische Ratschläge:

  • Definieren Sie klar abgegrenzte Stunden, die jeder für sich allein verbringt.
  • Ermöglichen Sie allen Familienmitgliedern Rückzugsmöglichkeiten.
  • Sprechen Sie Ärger an, noch bevor die Situation eskaliert.
  • Machen Sie alleine einen Spaziergang um den Häuserblock oder durch den Wald.
  • Machen Sie einen täglichen Familien-Mini-Krisenstab oder -Konferenz: Wie geht es jedem Einzelnen, wer braucht was, welche Ideen und Wünsche haben die einzelnen Familienmitglieder?
  • Seien Sie nachsichtiger als sonst, sich selbst und den anderen gegenüber! Es ist durchaus eine Herausforderung für alle Familien.
  • Holen Sie sich im Bedarfsfall professionelle Hilfe bei entsprechenden Hotlines oder Krisentelefonen (siehe Infokasten unten).

Maßnahmen gegen Gewalt

  • Erkennen und benennen Sie Gewalt. Auch bei sich selbst! Gewalt hat viele Formen: Schlagen, Anschreien, Abwerten, längeres Ignorieren … Seien Sie sich selbst gegenüber ehrlich und reagieren Sie, wenn Sie merken, dass Sie selbst beginnen, vollkommen überfordert und in der Folge gewalttätig zu werden.
  • Telefonieren Sie zur eigenen Entlastung. Telefonieren Sie mit einem Freund oder einer Freundin, und sei es nur, um mal wieder mit jemand anderem zu sprechen. Wenn möglich, gehen Sie in ein anderes Zimmer. Atmen Sie tief durch. Wenn das nicht reicht, wenden Sie sich an Krisentelefone (siehe Infokasten unten).
  • Leben Sie Gewalt nicht aus. Negative Emotionen, Anspannung und Aggressionen sind in Ausnahmesituationen normal. Es ist nicht schlimm, jemandem gegenüber aggressive Gefühle zu haben, gefährlich wird es erst, wenn man sie auslebt.
  • Wenn Gewalt passiert: Reden Sie. Wenn Sie bemerken, dass andere Erwachsene zu Hause gewalttätig werden – gerade gegen Kinder oder Jugendliche –, reden Sie mit ihnen. Vielleicht sind Sie in dieser Situation der oder die Einzige, der den Schutz des Kindes jetzt herstellen kann. Lassen Sie sich dabei unterstützen: von der Telefonberatung eines Gewaltschutzzentrums, der Männerberatung, eines Kinderschutzzentrums, von Rat auf Draht oder vom psychosozialen Dienst.
  • Holen Sie sich Hilfe, wenn Sie von Gewalt betroffen sind. Holen Sie sich Hilfe. Hier ist wichtig, dass Sie nicht allein bleiben. Sie sind nicht allein, auch wenn es gerade in einer Isolationssituation so erscheint. Helfen können: Freunde, Beratungseinrichtungen, die Telefonberatung eines Gewaltschutz- oder Kinderschutzzentrums, bei massiver Gewalt auch Polizei oder Kinder- und Jugendhilfe.
  • Und vor allem: Holen Sie sich rechtzeitig Hilfe. Warten Sie nicht, bis es zu spät ist: Die vorangestellten Tipps gegen Konflikte helfen, mit den unangenehmen Gefühlen umzugehen, die in angespannten, oft beengten Situationen entstehen, bevor diese sich in Gewalt entladen. (Nadja Kupsa, 20.3.2020)