"Die Krise" bietet eine erste Gelegenheit für lebenslanges Lernen, heute: räumliches Verständnis.

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Montag, 16. März 2020

Es ist acht Uhr, ich hole meine Tochter, vierte Klasse Gymnasium, von ihrer Mutter ab. "Yeah!", begrüßt sie mich. "Wir haben jetzt vier Wochen frei!" Bevor ich mich noch mit elterlicher Sorge über ihre Interpretation der Lage infizieren könnte, beruhigt sie mich Boomer.

In Wahrheit hat sie längst einen Plan, nach dem sie die versäumten Unterrichtsstunden zu Hause abarbeiten wird. In Englisch muss sie ein Buch von Roald Dahl lesen. "Die Frau Professor hat gesagt, es ist mehr so für Kindergartenkinder." Ihr Englisch schult sie normalerweise eifrig beim Schauen von Serien im Original. Mal sehen, wie eifrig sie lesen wird.

Um uns in der U-Bahn nicht anzustecken, gehen wir zu Fuß vom sechsten Bezirk in den 15., gehen diese Strecke wie der misanthropische Jack Nicholson in As Good As It Gets, weichen jedem aus, der wie ein Mensch aussieht, und kommen sicher nach Hause. Vor der Tür fragt sie mich: "Hier wohnen wir also?" Im städtebaulichen Verhältnis zum Wohnort ihrer Mutter nämlich. "Die Krise" bietet eine erste Gelegenheit für lebenslanges Lernen, heute: räumliches Verständnis.

Ich habe zwei Seifenspender gekauft, einen gelben und einen blauen: "Such dir einen aus!" Sie befummelt beide ausgiebig mit ihren Händen ("Nein!") und entscheidet sich für den gelben. Wir lernen also gleich weiter, diesmal sich zu entscheiden, ohne vorher alles anzufassen. "Außer, du willst irgendwann heiraten!"

Die sonst üblichen Bussis und Umarmungen werden per Verordnung ausgesetzt, der Ellenbogengruß wird per Dekret eingeführt. Um neun sitzt sie an ihrem Schreibtisch, dass sie jetzt einmal nicht rausgehen soll, findet bei ihr überwältigende Zustimmung. Für eine 13-Jährige ist die Wand an der Decke spannender als draußen oder gar die Natur. Ich selbst gehe einmal ins Büro, um mir einen Kaffee zu machen.

Beim Rausgehen entwickelt sich an der Tür – "Bitte, nach dir!" – ein Fachgespräch mit der Nachbarin: "Jetzt haben sie beim Hofer nur noch das Klopapier mit den rosa Herzerln, aber das will ich nicht." Ich biete ihr mein dreilagiges an, falls bei ihr alle Stricke reißen sollten – man hilft sich ja wieder! –, aber sie winkt ab: "Ach was! Ich habe grad mit meiner Mutter telefoniert, und die hat gesagt, dass sie früher …" Die Älteren mögen manch guten Rat parat haben, aber man muss nicht jeden befolgen.

Beatrix, die jeden Tag mit ihrem kleinen Hündchen in der Allee vor meiner Bürotüre vorbeikommt, schreit schon von weitem: "Host scho amoi so vü Depperte gesehen? Ka Müch! Ka Joghurt! Nix krieag i mehr! Wos mochan de Deppatn olle mit zehn Lita Müch? Weghauen in zwaa Wocha!" Das eröffnet einen interessierten Blick nach vorne: Wie viel von dem Zeug, das wir jetzt unnötig einkaufen, werden wir dann tatsächlich wegschmeißen?

Am Abend tun uns die Ellenbogen weh, und meine Tochter hat das Roald-Dahl-Buch schon fast fertig: "Es ist wirklich für Kindergartenkinder." Nach dem Händewaschen knotzen wir uns auf die Couch und schauen eine Hyänen-Doku. Hyänen, lernen wir schon wieder was, sind gar keine hinterhältigen Aasfresser, sondern erfolgreiche Jäger. Bravo!

Ich zeige ihr im Internet die Fotos von Pieter Hugo, der in Nigeria Männer mit ihren "Hyänen an der Leine" fotografiert hat, riesige Viecher, die dort als Haustiere gehalten werden. Wir einigen uns darauf, uns eine Hyäne anzuschaffen, sobald man wieder rausdarf. Oder doch einen Elefanten?

Vor dem Zubettgehen schauen wir in den Käfig, in dem unsere Maus Scratchy lebt, sein Freund Itchy ist bereits verstorben. Scratchy lebt seither allein und gräbt und frisst sich im Käfig durch die Klopapierrollen, die wir ihm hineinwerfen. Wir fragen uns besorgt, wie lange es für ihn noch Klopapierrollen geben wird?

In der Nacht kreist ein, in Beatrix’ Worten, "Depperta" mit seinem PS-starken Geschoss durch die leeren Straßen. Wenn ich eine Bitte an die Bundesregierung äußern dürfte: Quarantäne auch für "Depperte".

Dienstag, 17. März 2020

Täglicher Anruf bei meiner Mutter in Oberösterreich. Sie lebt allein im Haus und erzählt fröhlich, dass ihr langsam die Spaziergehfreundinnen ausgehen, die Kaffeekränzchen auseinanderbrechen und dass sie um sechs Uhr früh von der Tante Frieda, die ein Haus weiter vorn wohnt, angerufen und an das Bereitstellen der Mülltonne für die Müllabfuhr erinnert wurde. Trotzdem klingt sie fröhlich, sie ist, wie man heute sagt, "resilient" und hat Lebkuchen für meine Tochter gemacht – Spezialservice einer Omi für das Enkerl, dem jeder Wunsch erfüllt wird. Aber was jetzt tun damit, wenn wir am Wochenende nicht kommen?

Das Enkerl macht sich hungrig über "Bruchtermen" her. "Bruchtermen"? Nie gehört. Sind das Warmwasserrechnungen? Ich gebe vor, zur Post in die Lugner-City zu müssen. Auf dem Weg dorthin wurde im Park die Hundezone bereits von den Hundebesitzern aufgelöst, "die Krise" wirkt auf manche wie die Einladung, sich wieder aufzuführen.

"Die Lugner" ist praktisch leer. Vom Merkur herauf hört man unglaublich laut das Geräusch des Scanners (Frage: Wie halten die VerkäuferInnen das sonst eigentlich aus?), der Sexshop Orion ist geschlossen (Frage: Was ist eigentlich mit der "Grundversorgung" der Bevölkerung?), und in der Trafik verkaufen sie zurzeit vor allem Asterix und Micky Maus-Hefterl, Zigarettenhamsterkäufe waren letzte Woche.

Im Internet verbreitet sich über den Schachinger vom STANDARD der Begriff Kalsarikänni, die finnische Entspannungstechnik des Sich-Betrinkens in Unterhosen. Eine Freundin hat das entsprechende Emoji geteilt und berichtet nun, dass "die Geilheit im Internet" bereits auffallend zunehme: "Hast du vielleicht Fotos?", wird sie nun (noch öfter) gefragt.

Verzweifelter als die Geilen sind nur noch die Kulturschaffenden. Es erreicht mich eine E-Mail mit der dringenden Bitte, die Forderung nach einem Grundeinkommen für Künstler zu unterschreiben. Wird gemacht, sobald die elektronische Post raus ist: "Hast du vielleicht …?"

Mittwoch, 18. März 2020

Manfred Rebhandl ist Autor und Drehbuchschreiber und lebt in Wien-Fünfhaus. Gerade erschien von ihm ein neuer Krimi.
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Die Tochter lernt jetzt Deutsch, Multiple-Choice-Fragen, die sie erstmals zu mir treiben. "Was bedeutet ‚Etwas für bare Münze nehmen‘"? – "Na ja, wenn du den ganzen Schwachsinn in den Schwachsinnszeitungen glaubst?" – "Also soll ich ‚Etwas Unwahrscheinliches glauben‘ ankreuzen?" – "Tu das!"

Zeit, die Fenster aufzureißen! Gegenüber steht auf seinem Halbbalkon der im Bademantel, der dort immer einen Tschick raucht. Auf dem Halbbalkon daneben steht seine Nachbarin im Bademantel und putzt sich die Zähne. Ich rufe hinüber: "Wollen wir die Bundeshymne singen?" Aber wir sind alles in allem keine Italiener, wird uns schmerzlich bewusst, weil schon unsere Hymne so unsexy ist wie Zähneputzen im Frotteebademantel.

Donnerstag, 19. März 2020

Ich mache mir einen Kaffee im Büro. Kathi gegenüber lehnt sich aus ihrem Mezzanin-Fenster heraus, ihr Mundwerk hat sie bei einem bekannten Wiener Heurigen im Service geschult: "Heast, des muasst da amoi vorstölln, jetzt woa i do drüben beim Hofa, und a oide Frau braucht a Kilo Möh! Ana mit zehn Kilo Möh im Wagerl wü ihr oba koans gebm! Sog i zu eahm, du gibst ihr jetzt sofort a Möh, du Trottel, oder i nimms da weg!"

Ein Kehrbesen der MA 48 fährt vorbei. Die Viren sinken zu Boden, habe ich irgendwo gehört. Vielleicht ist ja der Kehrbesen die Lösung? (Manfred Rebhandl, 21.3.2020)