Google und Facebook zeichnen den Standort der Nutzer auf. Die individuellen Datenprofile wachsen in die unendlichen Speicher der Konzerne. Und dann?

Getty Images

Wo waren Sie in den beiden letzten Wochen, wen alles haben Sie getroffen? Den Weg der Corona-Infektionen nachzuzeichnen und potenziell Betroffene in Quarantäne zu schicken ist das wichtigste Instrument von Epidemiologen, um die rasche Ausbreitung einzudämmen. Die Rekonstruktion aus dem Gedächtnis ist langwierig und höchst lückenhaft, darum haben Wissenschafter des Berliner Robert-Koch-Instituts vor zwei Wochen die Diskussion darüber eröffnet, ob dies mit den Bewegungsdaten von Handys erfolgen soll. Israel ist vor wenigen Tagen gleich zum entschlossenen Handeln übergegangen und zeichnet diese Spur mit Handydaten nach.

Denn das Smartphone ist der perfekte Spion in Ihrer Tasche, und niemand weiß das besser als militärische Geheimdienste, die diese Daten seit langem zur Verfolgung von Terrornetzwerken nutzen. Zu wissen, wo sich ein Handy befindet, gehört zur DNA des Mobilfunks: ohne Standort, keine Verbindung zur jeweiligen Mobilfunkzelle. Mobilfunkbetreiber speichern diese Daten zur Rechnungslegung für drei bis sechs Monate, was für die Auswertung im aktuellen Krisenfall ausreichend ist.

Jedoch wären die Daten eines einzelnen Betreibers unvollständig – denn Kontakte gibt es nicht nur zwischen Menschen, die dasselbe Netz benutzen. Und zahlreiche Apps und Services am Smartphone zeichnen den Standort ihrer Nutzer (netzübergreifend) auf, allen voran Google und Facebook. Erst wenn alle Schichten an Daten verschiedener Quellen übereinandergelegt werden, kann der potenzielle Ausbreitungsweg verfolgt werden. Über dieses Know-how verfügen wenige Geheimdienste, Security-Anbieter im Halbdunkel des "Sicherheitskomplexes" und Firmen, die weltweiten Datenhandel für kommerzielle Zwecke betreiben. Es fehlt jedoch bei zivilen Agenturen, allen voran dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC), das derzeit gefordert ist.

Google und ihre Datensammlung

In der EU wurde die zum Schutz vor Terror und Kriminalität gedachte "Vorratsdatenspeicherung" nach erheblichen Protesten und Klagen vom Europäischen Gerichtshof (EuGH) schließlich aufgehoben. Umso erstaunlicher, dass Google seinen Sammeleifer ungestört weiterbetreiben und ausbauen konnte. Dabei speichert Google nicht nur die Bewegungsdaten seiner Benutzer, sondern eine Unzahl zusätzlicher Informationen, die weit über die Vorratsdatenspeicherung hinausgeht. Je nachdem, welche weiteren Google-Angebote benutzt werden, wächst das individuelle Datenprofil in den unermesslichen Tiefen von Googles Datenspeichern.

Die beste Tarnung ist offenbar Sichtbarkeit vor aller Augen, denn die Sammelaktivität von Google passiert nicht heimlich. Seit 2009 bietet der Onlinedienst seinen Benutzern treuherzig jederzeit den Blick auf deren "Location History": Die Zusammenfassung aller Orte, an denen man sich je bewegt hat, wenn das Handy dabei war und Ortungsdienste nicht abgedreht waren, was offenbar die wenigsten Menschen machen. Als besonderes Service schickt Google seinen Benutzern die monatliche Zusammenfassung per Mail zu: Schau! Vergangenen Monat waren wir hier auf Urlaubsreise! Diese Bilder haben wir gemacht! Wer würde dieses Service nicht als Bereicherung des Alltags empfinden.

All diese geografischen Daten landen in einem "Sensorvault" getauften System in Googles Rechnerfarmen – für immer gespeichert und nicht nur für zwei Jahre, wie bei der gekippten Vorratsspeicherung. Die Zustimmung seiner Benutzer erlaubt Google, unermüdlich alle diese Daten aufzusaugen – eine Zustimmung, die Handykunden bei der Vorratsdatensammlung freiwillig nie gegeben hätten. Dabei stimmen die Benutzer auch dem Weiterverkauf dieser Daten zu: Um eine App oder Website verwenden zu können, geben wir laufend unser Okay zu seitenweisen Verträgen, ohne sie je gelesen oder gar verstanden zu haben. Der Handel mit Location-Daten aus mittlerweile fünf Milliarden Handys weltweit ist das lukrative Geschäft dutzender Firmen, von denen wir noch nie gehört haben.

Warum auf ein weiteres Werkzeug verzichten?

Diese Daten könnten in der aktuellen Situation im Sinne des Vorschlags der Epidemiologen zur Eindämmung genutzt werden, vorausgesetzt wir wären bereit, den Schutz unserer Privatsphäre vorübergehend aufzuheben. Anonym oder freiwillig wären solche Aktionen lückenhaft und sinnlos. Zweifelsohne ein schwerer Eingriff in Grundrechte – auf einer Stufe jedoch mit der Beschränkung demokratischer Grundrechte wie Versammlungs-, Bewegungs- und Erwerbsfreiheit. Zu diesem Schritt hat Österreich wie viele EU-Mitglieder gegriffen: Warum dann auf ein weiteres Werkzeug zum Kampf gegen die Pandemie verzichten?

Leichtfertig und nur durch einen Regierungsbeschluss wie in Israel sollte dies nicht geschehen. Epidemiegesetze und das am vergangenen Sonntag in einer Sondersitzung beschlossene Covid-19-Gesetz zeigen einen gangbaren Weg: mit einer qualifizierten parlamentarischen Mehrheit, zeitlich befristet, mit einem Verwertungsverbot für "Zufallsfunde" (wie die Steuerhinterziehung bei der Haushaltshilfe) und unter Aufsicht von Gerichten und Nationalrat. Für diese Epidemie wird dies technisch wie politisch nicht mehr gelingen — aber der nächste Anlass kommt bestimmt. (Helmut Spudich, 23.3.2020)