Nico Hoppe sieht den Enthusiasmus, mit dem individuelle Krisenbewältigungsstrategien zelebriert werden, mit Sorge. Warum, erläutert der Student und freie Journalist im Gastkommentar. Hellmut Butterweck, früherer Wissenschaftsredakteur und Theaterkritiker, will das menschliche Gewinnstreben als treibende Kraft unserer Wirtschaft hinterfragen. Ulrich Brand und Heinz Högelsberger vom Institut für Politikwissenschaft an der Uni Wien ziehen Vergleiche zwischen Corona- und Klimakrise.

Gefährlich werden Krisen dann, wenn sie ein Ausmaß erreichen, in dem sich offenbart, wie die einzelnen Menschen im Katastrophenfall wirklich ticken. Auch angesichts der grassierenden Coronavirus-Pandemie werden vorher sorgsam aufrechterhaltene zivilisatorische Hemmungen schnell fallengelassen. Während es sich die einen zur Aufgabe machen, realitätswidrig und mit eigentümlicher Borniertheit so zu tun, als gäbe es keinen Grund zur Sorge, werden anderswo Lebensmittel gehamstert, als wäre die Apokalypse inklusive massiver Lebensmittelengpässe nur noch eine Frage von Tagen.

Der Enthusiasmus, mit welchem die jeweiligen Krisenbewältigungsstrategien zelebriert werden, verweist nicht zuletzt auf die groteske Mischung aus Angst vor und Lust am Ausnahmezustand, der als heroischer Grenzgang imaginiert und schöngeredet wird. Ausdruck dieser Entwicklung ist der offen artikulierte Versuch, jeder Krise irgendeinen positiven Sinn abzugewinnen.

"Mein Schatz", der Run auf Toilettenpapier, gebannt auf Berliner Mauer.
Foto: Reuters/Annegret Hilse

"Krise als Chance"?

Mit einer Mixtur aus zynischem Pragmatismus und parolenhafter Kraftmeierei werden die Phrasen von der "Krise als Chance" seit einigen Tagen auch im deutschsprachigen Raum wieder salonfähig gemacht: Im Deutschlandfunk bewarb der Soziologe Ortwin Renn die Pandemie als "eine Chance zur Entschleunigung". Die Politikwissenschafterin Ulrike Guérot merkte auf Twitter an, dass die Krise für "Demut" und die "Besinnung auf das, was wirklich wichtig ist im Leben", sorge. Das zur Süddeutschen gehörende Jugendmagazin Jetzt schwärmte in einem vor Erbaulichkeit und Pathos triefenden Pamphlet über die Möglichkeit kollektiver, von Zusammenhalt geschwängerter Aufbrüche, in denen sich die "Vereinzelung" auflöst und "ein echtes Wir" entsteht.

All diesen Beschwörungen ist der zwanghafte Hang zum positiven Denken gemein, das an den realen Gegebenheiten der Coronavirus-Krise allein deswegen scheitert, weil sich erst noch zeigen wird, ob diese Pandemie tatsächlich den Keim für Solidarität untereinander enthält oder ob nicht vielmehr das Gegenteil – Paranoia und Irrationalität – gefördert wird.

Positivität um jeden Preis

Zudem tendiert jene dezidierte Positivität dazu, sich dort, wo sie betont, welche archaisch anmutenden Tugenden nun endlich wieder entstaubt werden, dem schicksalhaft erscheinenden Geschehen von vornherein zu ergeben und sich mit dem Elend der Pandemie abzufinden: Wo der Fokus darauf liegen müsste, sich vorerst in einem vernünftigen Maß zu beschränken und nüchtern abzuwägen, um die weitere Verbreitung des Virus zu verhindern, verlassen jene Litaneien, die in der Krise bereits den Vorschein des Besseren vermuten, diesen Rahmen komplett und geben sich stattdessen gemeinschaftlichen Schwärmereien hin. Keineswegs soll das heißen, dass Debatten darüber, was eine solche Krise gesellschaftlich bedeutet, per se überflüssig sind. Angesichts des noch nicht absehbaren Endes der Krise sind sie derzeit jedoch nicht nur vorschnell, sondern vergessen auch, dass Positivität um jeden Preis dort Illusionen erzeugt, wo deutlich werden müsste, dass die Lage alles andere als rosig ist.

Pure Menschenfeindlichkeit

In Überschriften wie "Gegen das Coronavirus sind alle gefordert" lässt sich der drohende Unterton kaum verbergen. Er erinnert unangenehm daran, dass dort, wo gefordert wird, auch mit Konsequenzen bei fehlendem oder schlicht nicht möglichem Tatendrang zu rechnen ist; dass grundlegende zivilisatorische Übereinkommen in Krisenzeiten schnell über Bord geworfen werden. Im Zeichen von Schicksalsergebenheit und Bejahung des scheinbar Unvermeidlichen geschieht dies bereits, wenn das Coronavirus im Internet mit der Verquickung von "Satire" und purer Menschenfeindlichkeit als "Boomer-Remover", also als Instrument zur schnellen Dezimierung der Alten und im junggeblieben-misanthropischen Denken Überflüssigen, bezeichnet wird. Beim öffentlich-rechtlichen Portal Funk pflichtete man bei: Mit dem Coronavirus heile sich der Planet, denn "es rafft die Alten dahin, aber die Jungen überstehen diese Infektion nahezu mühelos". Was sich dort noch als gewagter Humor ausgab, lässt in Wirklichkeit ein Übereinkommen mit jenen Klimaaktivisten entstehen, denen die Umwelt schon immer mehr galt als die Menschen, die in ihr leben. Für diese fungiert das Virus vor allem als "Klimaretter", wie es in einem "Plädoyer" bei dem sich als kritisch und meinungsstark aufspielenden Magazin Telepolis heißt.

Ob man sich mehr Sorgen wegen der Pandemie oder wegen der Reaktionen der Menschen darauf machen muss, bleibt anlässlich solcher kaltblütigen Enthemmung vorsichtig abzuwarten. (Nico Hoppe, 22.3.2020)