Im Straßenverkehr nehmen Menschen viele Todesopfer in Kauf. Eine Maßnahme wäre, ihn drastisch zu beschränken.

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In vielen Ländern der Welt setzen Regierungen derzeit Maßnahmen um, die das Leben aller Menschen auf ganz verschiedenen Ebenen beeinflussen. Die meisten dieser Schritte beruhen auf den Ratschlägen von Public-Health-Experten und Virologen.

Doch mit den zunehmenden Einschränkungen tun sich auch ethische Fragen auf, die in der Öffentlichkeit bisher seltener diskutiert werden. So erfolgen viele Regierungsentscheidungen zur Corona-Pandemie trotz vielfacher Ungewissheit. Denn niemand weiß, wie groß die tatsächliche Gefahr ist, die von diesem Virus ausgeht, oder welche Kollateralschäden die getroffenen Maßnahmen anrichten könnten – etwa wenn chronisch kranke Patienten nun schlechter versorgt werden, psychisch Kranke soziale Kontakte meiden müssen oder die Menschen sich insgesamt weniger bewegen, um nur drei Beispiele zu nennen.

Gravierende Folgen

Viele der getroffenen Maßnahmen zielen darauf ab, das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen zu bringen. Es sind gravierende, im Einzelnen noch nicht absehbare Folgen für den eigenen Lebensstandard und den Fortbestand des bis dato vertrauten gesellschaftlichen Lebens zu erwarten.

Wie kann in so einer Situation also entschieden werden, welches Risiko das größere ist? Einer, der sich mit diesen ethischen Fragen beschäftigt, ist der Philosoph Frank Dietrich von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. "Der Schutz vulnerabler Personen sollte als sehr hohes, aber nicht als absolutes Gut, das keinerlei Abwägung zulässt, betrachtet werden. In anderen Entscheidungskontexten akzeptieren wir durchaus, dass das Ziel der Lebensrettung nicht immer alle anderen Gesichtspunkte übertrumpft", sagt er und vergleicht die Situation mit dem Straßenverkehr. Demnach könnten dort viele Unfalltote vermieden werden, "wenn wir den Autoverkehr einstellen oder radikal begrenzen würden", so Dietrich. Hier sei man aber nicht zu drastischen Einschnitten bereit, "weil uns der Verlust an Freizügigkeit und der zu erwartende ökonomische Schaden als zu hoher Preis erscheinen".

Nicht aufrechnen

"In vielen Bereichen nehmen wir Risiken – und eine teils erhebliche Letalität – in Kauf, etwa im Straßenverkehr", sagt auch der Philosoph Henning Hahn von der Freien Universität Berlin: "Ob der Lebensschutz immer und in jedem Fall andere gesellschaftliche und ökonomische Interessen überwiegt, ist eine herausfordernde moralische Frage." Hahn hält es jedoch für zu wenig komplex, unseren bestehenden Lebensstil und seine Bewahrung wie eine feststehende Größe mit den Kosten für den Schutz menschlichen Lebens aufzurechnen.

Dietrichs Einschätzung nach sind die bisher zur Eindämmung der Corona-Pandemie getroffenen Maßnahmen verhältnismäßig, jedoch nicht auf Dauer: "Wenn die Krise längere Zeit anhält und die ökonomischen Verwerfungen ein extremes Ausmaß erreichen, muss das Primat der Lebensrettung überdacht werden", sagt er.

Hahn pflichtet ihm bei. Ihm zufolge dürfen demokratische Staaten grundlegende individuelle Freiheiten unter bestimmten Umständen und für einen limitierten Zeitraum einschränken. Aber: "Das Bedürfnis nach Freizügigkeit und sozialem Kontakt lässt sich nicht lange beschneiden. In der Abwägung ist es vorhersehbar, dass individuelle Freiheiten in wenigen Wochen gewichtiger erscheinen werden als die damit verbundenen Risiken."

Ein gutes Leben

Auch wenn der vor der Krise herrschende Lebensstil derzeit stark eingeschränkt scheint, glaubt Hahn nicht daran, dass wir alle an diesen Punkt zurückkehren werden. Seiner Meinung nach werden sich "Normalitäten und Lebensstile vieler Menschen" im Laufe dieser Krise verändern: "Und so ist im Grunde gar nicht gesagt, dass sich in den kommenden Monaten unser Lebensstandard verschlechtert, weil sich unser Verständnis von einem guten Leben selbst zu transformieren beginnt. Viele machen derzeit eine geradezu läuternde Erfahrung von Nähe, Entschleunigung und Zwischenmenschlichkeit", so Hahn.

Die eigentliche Frage sei somit nicht, welchen Preis die Erhaltung der alten Normalität hat, "sondern wie wir eine neue Normalität mitgestalten können. Sollen wir sie nationalistischen und kompetitiven Kräften überlassen, oder gelingt es uns, in der Krise solidarische Praktiken der Achtsamkeit und Genügsamkeit zu pflegen? Dies ist der politische Konflikt, der sich derzeit anbahnt – und für den die Krise ein aufregendes Möglichkeitsfenster öffnet." (bere, 24.3.2020)