Bringt uns die Corona-Krise alte Rollenbilder?

Foto: Boris Grdanoski / AP

Die Corona-Krise wird unsere Gesellschaft nachhaltig verändern – diese Diagnose ist derzeit oft zu hören. Auch die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern wird ihre Spuren davontragen, im Moment sieht es manchmal sogar danach auch, dass das vielleicht im positiven Sinne passieren könnte. "Frauenarbeit" ist derzeit deutlich sichtbarer, die Supermarktkassiererin wird wohl das erste Mal in ihrer Karriere derart bejubelt. Allerdings könnte davon nichts bleiben. Expert*innen fürchten sogar eher eine negative Entwicklung für frauenpolitische Themen, die von Niedriglohn- und Teilzeitbranchen wie dem Handel bis hin zu Einschränkungen der reproduktiven Gesundheit der Frauen reichen. Ein Blick auf vergangene Epidemien zeugt von diesen negativen Effekten für die Gleichstellung der Geschlechter.

Forscher*innen konnten beispielsweise beobachten, dass in Westafrika im Zuge der Ebola-Epidemie das Einkommen von Männern und Frauen zwar gleichermaßen sank, die Männer aber nach dieser Krise deutlich schneller als Frauen wieder auf das Niveau von vorher kamen . Ein weiterer Effekt war, dass deutlich weniger Kinder geimpft wurden als vor der Ebola-Epidemie ), und das bedeutete wiederum in weiterer Folge mehr kranke Kinder, um die sich wiederum die Mütter kümmern mussten, und so kamen sie um große Teile ihres Einkommen. Ebola verursachte auch eine höhere Müttersterblichkeit und erschwerte den Zugang zu Verhütung. Ähnliche negative Folgen für die Gleichstellung beobachteten Forscher*innen auch aufgrund von Zika-Virus, Sars, der Schweine- und Vogelgrippe. In der aktuellen Corona-Krise warnen deutsche Ärzt*innen bereits vor einem Anstieg an ungewollten Schwangerschaften durch eine Knappheit an Praxen und Kliniken, die Abbrüche vornehmen.

Langfristige finanzielle Einbußen

Und für Frauen aus Polen, wo de facto ein Abtreibungsverbot herrscht, sind geschlossene Grenzen besonders dramatisch. Bisher konnten sie zumindest in Länder mit einer liberalen Regelung ausweichen. Es gibt somit bereits Erfahrungen, welche frauenspezifischen Folgen eine Krise hat, wie wir sie derzeit erleben. Dazu gehören auch eine Ausweitung des ohnehin schon größeren Anteils der unbezahlten Sorgearbeit und somit langfristige finanzielle Einbußen – die bis ins hohe Alter durch eine niedrige Pension spürbar sind. Sicher ist auch, dass während Ausgangsbeschränkungen die Gefahr der häuslichen Gewalt steigt. In Österreich hat man sich bisher vor allem auf diese akute Gefahr für Frauen konzentriert und ein Maßnahmenpaket geschnürt. Eine drohende steigende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und ein Rückschritt bei der Verteilung der unbezahlten Arbeit scheinen indessen nicht auf dem Radar.

Expert*innen warnen aber auch hierzulande vor allem davor. "Die 'Lösungen' der Corona-Krise gehen derzeit auf Kosten von Care-Arbeiter*innen", sagt die Politikwissenschafterin Birgit Sauer von der Uni Wien. Die Schließung von Schulen und Kindergärten lasse Erziehungsverantwortliche, in der Regel Mütter, allein mit ihren Kindern, "oft zusätzlich zu ihrer Arbeit im Homeoffice", sagt sie. Zudem gebe es für migrierende Care-Arbeiter*innen, etwa in der 24-Stunden-Pflege, keine Lohnersatzleitungen, so Sauer. Sie verlieren nun ihren Arbeitsplatz wegen der Grenzschließungen – ohne jegliche soziale Abfederung. Der Pflegeengpass ist laut Sauer das Ergebnis einer neoliberalen Zuspitzung bei der Organisation der Care-Arbeit. Dies habe zu einer Ausdünnung im Pflegebereich geführt und die Pflegearbeit jenseits der nationaler Grenzen organisiert. Könnte aber diese Krise womöglich auch eine Chance sein? Zum Beispiel für die Bewertung von Arbeit? Stichwort Jubel für die Supermarktkassiererin.

Neuer Lohndruck

"Die derzeitige Situation zeigt mehr als die Krisen vorher, dass typische Frauenberufe im Vergleich zu typischen Männerberufen krisenresistenter sind und dass ihre Arbeit oft überlebensnotwendig ist", beschreibt die Ökonomin Katharina Mader von der Wirtschaftsuniversität Wien ein mögliches Post-Krisen-Szenario. Auch werde die unbezahlte Sorgearbeit derzeit sichtbarer – nicht zuletzt, weil auch Omas derzeit nicht einspringen können. Es gäbe also gute Gründe dafür, Frauenbranchen und unbezahlte Arbeit gesellschaftlich und letztlich auch monetär aufzuwerten.

Andererseits, und auch das ist laut Mader ein mögliches Szenario: Frauen könnten verstärkt ihre Jobs verlieren, weil sie durch Kinderbetreuung wegen lange geschlossener Schulen und Kindergärten schlicht nicht oder zu wenig zur Verfügung stehen. Mader hält allerdings ein anderes Szenario für wahrscheinlich: dass sich fast gar nichts ändert. Demnach werde auch in Zukunft der gesellschaftliche Wert von unbezahlter Sorgearbeit nicht thematisiert, auch wenn derzeit das Arbeitsvolumen und die Notwendigkeit von sogenannten "Frauenbranchen" und Sorgearbeit sichtbarer sind. "Durch große Reservearmeen an Arbeitslosen könnte ein grundsätzlicher Lohndruck entstehen und keine Aufwertung un- und unterbezahlter Arbeit", so Mader.

Künftige Sparpakete

Auch Birgit Sauer befürchtet einen negativen Effekte für Frauen angesichts steigender Erwerbslosenzahlen: "Das männliche Ernährermodell könnte vor diesem Hintergrund Konjunktur bekommen und die Erwerbsarbeit von Frauen infrage stellen", meint die Politikwissenschafterin. "Momentan ist keynesianische Politik, also zur Rettung der Wirtschaft Schulden machen, gleichsam über Nacht möglich", so Sauer. Diese Politik könnte nach der Corona-Krise fortgeführt werden, um in eine solide soziale Infrastruktur zu investieren, die Care-Arbeiter*innen entlastet, meinst Sauer. Diese müsste von einer guten kostenlose Infrastruktur in der Kinderbetreuung bis hin zur Altenpflege und einem kostenlosen, gut ausgestatteten Gesundheitssystem reichen.

Wahrscheinlicher seien allerdings Sparpakete, wie sie Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) bereits angekündigt hat. Es sei zu befürchten, dass diese Sparpakete zulasten von Sozial- und Gesundheitspolitik gehen, sagt Sauer. Und damit gehen sie erneut zulasten jener, die unentgeltliche Sorgearbeit oder schlecht bezahlte Care-Arbeit leisten. Also zulasten jener, für die man derzeit so viel Lob übrig hat. (Beate Hausbichler, 24.3.2020)