Es war der Höhepunkt der Vereinsgeschichte. Atalanta Bergamo zählt im italienischen Fußball nicht zu den Größen, zu den Topadressen. Aber die Mannschaft verblüfft, hat mit relativ bescheidenen Mitteln Erfolg. Vielleicht ist Atalanta mit dem Wolfsberger AC in der österreichischen Bundesliga zu vergleichen, aber wirklich nur vielleicht.

Atalanta-Fans in Mailand.
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Mittwoch, 19. Februar, Achtelfinalhinspiel der Champions League. Das Heimstadion ist für internationale Partien nicht geeignet, Bergamo hat 120.000 Einwohner. Also wich man nach Mailand ins San Siro aus. Mehr Platz, höhere Einnahmen. Valencia war zu Gast, die Spanier wurden von Fachleuten favorisiert. Atalanta legte eine Gala hin, siegte 4:1. Jubel auf dem Feld, noch mehr Jubel auf den Rängen. Nach Ansicht italienischer Gesundheitsexperten könnte das Match der Grund sein, weshalb die Stadt Bergamo und deren Umgebung besonders stark von der Corona-Epidemie betroffen sind. Dem Spektakel wohnten 44.236 Zuschauer bei, die Rede ist in Italien nun vom "Spiel null".

"44.000 Atalanta-Tifosi sind nach Mailand gereist. Sie waren in Bussen, Zügen oder auf Autobahn-Raststätten und Restaurants in engem Kontakt. Die Epidemie ist in Bergamo genau zwei Wochen nach diesem Spiel explodiert", sagte Francesco Le Foche, Leiter der Abteilung für Infektiologie der römischen Poliklinik "Umberto I" der FAZ. Zuvor soll die hohe Anzahl internationaler Unternehmen in der Gegend um Bergamo die Ausbreitung gefördert haben. 85 Prozent der in Italien registrierten Todesopfer (mehr als 6000) wurden in den drei nördlichen Regionen Lombardei, Emilia Romagna und Piemont gemeldet. In der Lombardei, zu der Bergamo gehört, gab es bereits rund 4000 Tote.

Valencia-Fans in Mailand.
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Auch der Krisenstab des nationalen Zivilschutzes geht der Theorie nach, dass dieses Spiel zur exponentiellen Verbreitung des Virus beigetragen haben könnte. "Das ist eine Möglichkeit, die wir prüfen. Es ist schwierig, dieser Theorie nachzugehen", sagte Silvio Brusaferro, Präsident von Italiens oberstem Gesundheitsinstitut ISS. Der deutsche Fußballprofi Robin Gosens ist bei Atalanta unter Vertrag, der 25-Jährige zählt zu den Stützen. In einer Videoschaltung im Sportstudio des ZDF sagte er: "Es ist an Traurigkeit nicht zu überbieten, was bei uns gerade passiert."

Gosens befindet sich in Bergamo in häuslicher Quarantäne und verspürt Hilflosigkeit. "Ich und meine Freundin würden gerne alles dafür tun, dass wir irgendwie helfen können. Das ist leider nicht möglich", sagte der Außenverteidiger. "Wir müssen auf die Mediziner, auf die Experten vertrauen, die einen Wahnsinnsjob machen." Die schlimme Lage in Italien sollte laut Gosens eine Warnung für den Rest der Welt sein. "Ich hoffe, ich bete, dass wir ein schreckliches Vorbild für alle anderen Länder sein dürfen."

In Europa gab es noch im März sportliche Großveranstaltungen. Die österreichische Bundesliga stellte den Betrieb relativ früh, am 8. März, ein. Salzburg schlug vor 11.247 Zuschauern Sturm Graz. Dafür wurde in Tirol noch lange Skigefahren und speziell in Ischgl abgefeiert. Das späte und nicht abgestimmte Reagieren der Behörden ist quasi ein globaler Jammer.

Am 10. März warf Leipzig vor 44.000 Fans Tottenham mit 3:0 aus der Champions League. Vielleicht war es das deutsche Spiel null. Einen Tag später scheiterte Liverpool daheim vor mehr als 50.000 Enttäuschten an Atletico Madrid. Vielleicht war es das englische Spiel null. Auf der Insel wurden am 15. März noch Laufveranstaltungen mit tausenden Teilnehmern abgehalten.

Am 12. März ging der LASK im leeren Linzer Stadion gegen Manchester United 0:5 unter. Das Rückspiel von Atalanta am 10. März in Valencia hatte ohne Zuschauer und Journalisten stattgefunden, ein spanischer Journalist hatte sich in Italien zuvor mit dem Coronavirus angesteckt. Sechs Tage nach dem Rückspiel hatte Valencia mitgeteilt, dass 35 Prozent der Personen aus dem direkten Umfeld der Profimannschaft positiv getestet worden seien.Atalanta gewann das Geisterspiel übrigens 4:3, stieg mit dem Score von 8:4 auf. Das Viertelfinale wird es wohl nie geben. (Christian Hackl, 24.3.2020)