Die Idee des virtuellen Reisens ist vermutlich so alt wie das Internet selbst, wahrscheinlich sogar älter, köchelt aber seit Jahren nur so vor sich hin, ohne recht vom Fleck zu kommen. Denn bisher galt der Stehsatz, dass das virtuelle das "echte" Reisen niemals ersetzen können werde.

In "Zeiten wie diesen" allerdings könnte die Möglichkeit des Unterwegsseins, ohne unterwegs zu sein, zunehmend an Momentum gewinnen. Zumal das Coronavirus unseren Alltag mit Homeoffice, verordneter Quarantäne und freiwilliger Selbstisolation auf Links gedreht hat. Selbst wer verreisen könnte und wollte, darf nicht. Wohin auch? Reisewarnungen, -verbote und Grenzschließungen überall. Also ab ins Netz.

Überraschendes entdecken

Für den Anfang bieten die guten alten Webcams eine einfache Möglichkeit, um sich die weite Welt in die Wohnung zu holen. Scheint die Sonne auf den Malediven? Regnet es in London? Liegt Schnee in den französischen Alpen? Drängende Fragen, die sich mit einer der zigtausenden, auf allen möglichen Plätzen der Welt installierten Kameras beantworten lassen. Sie liefern alle paar Minuten frische Bilder von "draußen". Zurzeit sieht man vor allem eines: keine oder nur sehr wenige Menschen auf den Straßen, Alleen und Plätzen in Venedig, Salzburg, Mexiko-Stadt.

Viel tut sich in Venedig derzeit nicht. Das beweisten diverse Live-Streams von Webcams in der Lagunenstadt.
Foto: REUTERS/Manuel Silvestri

Das beste Mittel, doch einen kleinen Spaziergang durch Vancouver, New York oder Rom zu unternehmen, ist Google Street View. Sie erinnern sich? Vor Jahren gab es eine gewisse Aufregung über die mit Kameras versehenen Autos, die im Auftrag des Tech-Riesen in den Städten unterwegs waren, um diese abzufotografieren. Datenschützer haben damals die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Dem Couchtouristen kommt dies jetzt sehr zugute, kann er sich mit dem Tool doch etwa über den Ocean Drive in Miami bewegen und den Sonnenuntergang am Meer "erleben".

Türen und virtuelle Reisen

Genauso "klassisch", aber mit einem Twist funktioniert auch "The Secret Door" – eine Tür zu Google-Street-View-Plätzen, die normalerweise unentdeckt bleiben. Denn per Zufall werden dem User auch schräge Perspektiven offenbart: von trashigen Geschäften über abbruchreife Häuser und Boulderhallen bis hin zu Wüsten oder Unterwasserlandschaften. Jedes Mal, wenn man die Tür durchschreitet, landet man woanders. Hinter dem Projekt steht nicht etwa eine Tourismus- oder Kulturorganisation, sondern der britische Fenster- und Türenhersteller Safestyle UK – der damit zu einem virtuellen Reisebüro avanciert.

Die Sagrada Família in Barcelona ist auch virtuell beeindruckend. Das Beste: Man hat die Basilika ganz für sich allein.
Foto: Getty Images/iStock

Mit Google Street View lassen sich auch Sehenswürdigkeiten gezielt ansteuern und besichtigen, ohne dass man einen Fuß vor die Haustür setzen muss. Die Spitze des Eiffelturms zu erklimmen gelingt so, ohne dass man sich die Stufen hinaufquälen oder auf den Lift warten muss. Oben angelangt, bietet sich ein – wolkenverhangener – Ausblick über die Seine-Metropole. Man sieht das Champ de Mars, den Trocadéro, in der Ferne den Tour Montparnasse.

Neue Besuchszeiten

Weiter geht’s nach Berlin, wo man einen Rundgang durch den Reichstag machen kann und von der berühmten Kuppel aus das Panorama der deutschen Hauptstadt vor sich hat. Auch Spaniens ewige Baustelle, die Sagrada Família in Barcelona, lässt sich mittels 360-Grad-Aufnahmen von außen und innen erkunden. Details der Fassade oder des Altars lassen sich für einen genaueren Blick heranzoomen: Gaudís Basilika ist selbst im Rahmen eines "Fernbesuchs" beeindruckend. Und: Man hat sie ganz für sich allein.

Die Uffizien in Florenz bleiben trotz Corona-Krise geöffnet – mit tollem virtuellem Content.
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So wie manches der großen Museen, vor deren Eingängen sich noch vor wenigen Wochen Menschenschlangen bildeten. Sie haben bereits eine virtuelle Präsenz oder sind im Begriff, diese auf- und auszubauen. Auch wenn Kulturinteressierte nach dem Motto "Technik kann die Betrachtung des Originals niemals ersetzen" ein Schnoferl ziehen: In Anbetracht geschlossener Ausstellungen bleibt ihnen kaum eine andere Wahl.

Näher dran

Die Uffizien etwa, mit rund zwei Millionen Besuchern ein touristischer Hotspot in Florenz, sind dazu übergegangen, ihre Kunstschätze verstärkt digital zu präsentieren. Auf Plattformen wie Instagram und Facebook werden Führungen angeboten, Saalaufsichten erläutern ihr Lieblingsstück, in Videos wird Spannendes und Kurioses zu Werken der Malerei und Bildhauerei von der Antike bis zum Spätbarock dargeboten. Das kommt sehr gut an. Über 200.000 Besucher konnten die Uffizien bereits begrüßen.

Lob für die gelungene Vermittlung von Kunst in Zeiten der Corona-Krise erhält auch das Wiener Belvedere. Täglich um 15 Uhr wird ein neues Video auf Youtube und den Social-Media-Kanälen des Museums online gestellt. Kunstvermittler Markus Hübl führt den Zuschauer ohne technischen Schnickschnack in jeweils fünf Minuten an ein ausgewähltes Kunstwerk heran. Und das sind nicht zwangsläufig bekannte. Denn das Schöne ist, es kommen auch solche zum Zug, die sonst unter dem Radar des gemeinen Museumsgehers durchflutschen würden. Manche meinen, das sei sogar besser als in "echt".

Keine Fadesse

Im Prado, Madrids weltberühmtem Museum, wiederum stehen digitalisierte Kunstwerke zum Hineinzoomen bereit. Der Betrachter erkennt jeden einzelnen Pinselstrich, jede Haarsträhne auf den Gemälden, etwa in El Grecos "Mann mit der Hand auf der Brust" – Details, die einem vor Ort wohl verborgen geblieben wären. Virtuell ist man so fast dichter dran als in der Realität. Bis man die tausenden Museen und Galerien, die sich im World Wide Web tummeln, alle durch hat, kommt garantiert keine Fadesse auf, variieren die Darstellungsformen doch von Haus zu Haus. Manche bieten gar ein umfangreiches Erlebnis inklusive Audioguide an.

Raus in die Natur mit Google – zum Beispiel in den Grand Canyon.
Foto: AP/Ross D. Franklin

Nach so viel Kunst zieht es einen in die "Natur". Auch da weiß der Suchmaschinen-Gigant aus Mountain View, Kalifornien, Abhilfe: Google nimmt einen via Google Earth Ocean mit in die Unterwasserwelt vor Hawaii, zu unbekannten Meeresbewohnern und Schiffswracks. Sogar Wale kann man auf ihrem Weg durch die Ozeane verfolgen.

Oder man startet eine Trekking-Tour durch die Schluchten des Grand Canyon. Mit der Maus wandert man so mühelos durch das Weltwunder und begegnet hie und da sogar einem anderen Wanderer. Ganz ohne Ansteckungsgefahr. (Markus Böhm, RONDO, 26.3.2020)