Seit die Corona-Krise in voller Wucht über Europa hergefallen ist, purzeln politische Tabus. Doch während sich etwa der Spargedanke im Gesundheitswesen über Nacht in sein Gegenteil verkehrt hat, ist eine weitere Festung des Handelns unangetastet geblieben: Beim Umgang mit Asylsuchenden herrscht in der EU nach wie vor null Solidarität – und innerhalb der österreichischen Bundesregierung verschließt Türkis vor den Forderungen, hundert bis zweihundert unbegleitete Minderjährige und Flüchtlingsfamilien aus Griechenland aufzunehmen, stur die Ohren.

Unter den Elendsbedingungen in den griechischen Lagern hätte das Coronavirus ein leichtes Spiel.
Foto: REUTERS/Elias Marcou

Das aber könnte sich rasch rächen, denn die Appelle von Experten und NGOs, die griechischen Inseln zeitnah zu entlasten, sind bitter ernst zu nehmen. Nicht nur dass unter den dortigen Elendsbedingungen das Coronavirus ein leichtes Spiel hätte. Auch die um sich greifenden Grenzschließungen könnten dazu beitragen, dass die Lage ins Unkontrollierbare kippt. Schon jetzt wissen viele Helfer nicht, ob und wie sie ab- und wieder anreisen können.

In Deutschland versucht der Migrationsexperte Gerald Knaus dieser Tage, eine humanitäre Flüchtlingsrettungsaktion aus Griechenland aus dem Boden zu stampfen. Er mahnt zur Eile. In Österreich gibt es leere Asylunterkünfte, willige Unterstützer bis hinein in die ÖVP sowie die rezente Erfahrung, dass man imstande ist, binnen weniger Tage tausende Auslandsbürger ins Land zurückzuholen. Was einzig fehlt, ist der Wille. Das ist fahrlässig. (Irene Brickner, 25.3.2020)