Rund um den Globus gibt es derzeit, grob gesprochen, drei Strategien, um die Corona-Pandemie einzudämmen: die chinesische Methode, die amerikanische von US-Präsident Donald Trump und die europäische Variante. Für alle gilt: Wenn es nicht gelingt, das Virus in den Griff zu bekommen, droht der Menschheit Gefahr an zwei Hauptfronten.

Zum einen könnten Millionen Menschen sterben, vor allem Betagte über 75 Jahre, wie die vorläufigen Analysen in China, aber auch in Italien und in Spanien zeigen. Zum anderen droht durch drastische Maßnahmen der Regierungen ein Abwürgen der Wirtschaftskreisläufe.

In einzelnen Ländern, in denen es schon bisher nicht sehr gut lief, könnte das zu Zusammenbruch und Pleiten führen – wie bei Firmen auch, mit allen gesellschaftlichen Verwerfungen, die mit solchen Ereignissen verbunden sind. Panik, Angst, Inflation, Massenarbeitslosigkeit, Gewalt bis hin zur Errichtung autoritärer Regime. Viktor Orbán lässt schon grüßen.

Die 27 EU-Staaten kämpfen an zwei Fronten.
Foto: REUTERS/Yves Herman

Was bedeutet das für Europa mit seinem vielfältig verästelten Netzwerk an Nationalstaaten, in Verträgen eng zur Europäischen Union verbunden?

In China setzte die Regierung Aktionen, wie sie nur in einer Ein-Parteien-Diktatur möglich sind. Wurde die Lungenkrankheit trotz Warnungen von Ärzten erst geleugnet, sperrte die Führung dann kurzerhand rund 80 Millionen Bürger in ihren Häusern ein, legte Landesteile lahm.

Zwei Fronten

In den USA scheint der Präsident gerade das gegenteilige "Experiment" anzugehen. Hat er sich noch vor wenigen Wochen über die Gefährlichkeit des Virus lustig gemacht, es als "Verschwörung" der Demokraten bezeichnet, erkennt Trump nun an, dass es viele Menschenleben kosten wird. Dennoch kündigt er bereits an, dass die Maßnahmen zur Bekämpfung von Corona zu Ostern aufgehoben werden. Das Funktionieren der Wirtschaft sei wichtiger als die Toten.

Zwischen Diktatur und Trump-Zynismus bewegen sich die Europäer, fast alle EU-Mitgliedsländer inzwischen ähnlich. Wenn die Regierungschefs einander nun wöchentlich per Videokonferenz zum EU-Gipfel treffen, verfolgen sie zwei Ziele – gleichzeitig und mit hoher Priorität:

Einerseits müssen alle Mittel ausgeschöpft werden, national wie europäisch, um die Zahl der Menschen, die an der Lungenkrankheit sterben, so gering wie möglich zu halten. Das geben europäische Ethik, Wertecodices, alle Staatsziele vor. Selbst Brexit-Premier Boris Johnson hat das inzwischen eingesehen. Er spiegelt konsequent die abgestimmten gemeinsamen EU-Aktionen im Gesundheitsbereich.

Auf der anderen Seite haben Staaten und die EU-Kommission gemeinsam mit der Europäischen Zentralbank begonnen, das gemeinsame Arsenal auszupacken, um den Absturz einzelner Volkswirtschaften zu verhindern. Billionen an Euro, mehr denn je, stehen wenn nötig zur Verfügung. Ab Mai, heißt es, will man die hastig geschlossenen Binnengrenzen wieder langsam öffnen, um die Wirtschaft langsam und schrittweise "aufzusperren".

Die 27 EU-Staaten kämpfen an zwei Fronten. Es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als einen eigenständigen, an Verfassungen und historischer Prägung orientierten Weg aus der Corona- und Wirtschaftskrise zu finden – ohne die Freiheitsrechte der Bürger allzu sehr zu beschädigen, etwa durch Überwachung, durch "Corona-Tracking". Es wird das die schwierigste gemeinsame Operation seit dem Weltkrieg. (Thomas Mayer, 25.3.2020)