John Prine ist tot. Der begnadete US-Songwriter ist im Alter von 73 Jahren gestorben.

Foto: AP

Kris Kristofferson sagte, man werde John Prine die Daumen brechen müssen. Anders sehe er keine Möglichkeiten, diesen genialen Songwriter zu stoppen. Pine war eine Entdeckung Kristoffersons: ein Vietnam-Veteran und ehemaliger Briefträger, der auf einer Open Stage in Chicago seinen ersten Auftritt hatte. Auf diese Bühne sah er sich genötigt, weil er der Aufforderung nachkommen musste, es doch besser zu machen, nachdem er eine Darbietung kritisiert hatte.

Der schüchterne kleine Mann entpuppte sich als einer der größten Songwriter unserer Zeit. Bob Dylan hat ihn verehrt und begleitet, Bruce Springsteen war ein Fan, Nashville lag ihm zu Füßen, Nachgeborene wie Bill Callahan, Steve Earle oder Bonnie Prince Billy haben bei ihm gelernt. Nun ist John Prine infolge einer Coronavirus-Infektion gestorben.

"Sam Stone" – der erste und ewige Hit des John Prine.
HouseOBVIOUSLY

Bei seinem ersten Trip aus seiner Heimatstadt Chicago raus nach New York traf Prine zufällig Kristofferson vor einem Gig. Kristofferson kannte Prine bereits und lud ihn spontan ein, ein paar Songs vor seinem Konzert zu spielen.

Was Prine nicht wusste: Der Club The Bitter End war vollgepackt mit Vertretern der Musikindustrie. Nach seinen drei Songs kam Jerry Wexler zu Prine und sagte, er solle morgen um zehn in sein Büro kommen. Das tat Prine. Keine 24 Stunden nach seiner Ankunft in New York hatte er einen Vertrag bei Atlantic Records in der Tasche. So konnte es Anfang der 1970er gehen.

Von Bette Midler bis Green On Red

Vier Alben veröffentlichte er auf Atlantic zwischen 1971 und 1975, sie und Hits wie "Sam Stone", "Illegal Smile" oder "Sweet Revenge" machten ihn berühmt, rund zwei Dutzend Longplayer folgten, darunter waren große Seller wie "Bruised Orange" (1978) sowie von der großen Öffentlichkeit weniger geschätzte Perlen.

Der Titelsong seines vierten Albums "Common Sense".
John Prine - Topic

Gutes Geld verdiente er damit, dass andere seine Songs interpretierten und in die Charts brachten, wenn es ihm schon selbst nicht gelang. Seine Lieder spielten Leute wie Bette Midler, Swamp Dogg, John Denver, die Everly Brothers, Joan Baez, Ben Harper, Gene Clark, Bruce Springsteen, Lee Hazlewood, Bonnie Raitt, Gustl Bayrhammer, Souled American, Johnny Cash, Paul Anka, Dan Auerbach, Green On Red, John Fogerty, die Lemonheads, Kurt Vile oder Ostbahn-Kurti. Um nur einige zu nennen.

Working-Class-Hero

Prines Kunst waren knappe, lakonische Geschichten. Kein Geschwätz, klar auf den Punkt gebracht, gewürzt mit einem Schuss Melancholie oder Witz. Bob Dylan bezeichnete diese Kunst als Proust'schen Existenzialismus. Geschuldet war das einer Lebensnähe, die aus Prines Biografie stammte. Er fühlte sich als Vertreter der Arbeiterklasse, vertrat soziale Anliegen, schrieb und sang darüber.

"Summer's End" von Prines letztem Album "The Tree of Forgiveness".
John Prine

Der am 10. Oktober 1946 im Umland von Chicago geborene Musiker stammte aus einfachen Verhältnissen. Deshalb stand er auch mit den Ausbeutern in der Musikindustrie bald auf Kriegsfuß. Kurzerhand gründete er in den 1980ern sein eigenes Label Oh Boy Records.

Berührendes Alterswerk

Prine schrieb beständig, knapp 400 Künstler haben seine Songs gespielt, seine Reputation war generationenübergreifend und immens. 2010 erschien ein Tribute-Album mit Acts wie Bon Iver, My Morning Jacket oder Conor Oberst.

John Prine

Ende der 1990er-Jahre erkrankte Prine erstmals an Krebs und erholte sich, 2013 bekam er Lungenkrebs – und erholte sich. 2018 erschien mit dem hier ausgiebig gewürdigten "The Tree of Forgiveness" ein so berührendes wie phänomenales Alterswerk; bis zuletzt tourte Prine. Dann kam Corona.

Das hat der Mann mit seinen Vorerkrankungen nicht überlebt. John Prine wurde 73 Jahre alt. (Karl Fluch, 8.4.2020)