Vom New Yorker Chefneurotiker des Kinos zur in Ungnade gefallenen Person: In "Ganz nebenbei" geht Woody Allen auch ausführlich auf die Missbrauchsvorwürfe seiner Adoptivtochter Dylan ein. Das Buch polarisierte schon vor dem Erscheinen.

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Nach einigem medialen Getöse ist sie nun doch erschienen: Woody Allens Autobiografie. Bei Rowohlt auf Deutsch, wo sich rund um die Autorin Margarete Stokowski Widerstand formiert hatte; und sogar in den USA, wo das Verlagshaus Hachett Book Group nach dem Drängen von Hausautoren (darunter Ronan Farrow, Allens Sohn) von der Veröffentlichung Abstand genommen hatte und dann kurzfristig Arcade eingesprungen ist.

Die Frage, was man von diesem Buch am Ende hat, hängt mehr als im Regelfall davon ab, was man sich erwartet. Autobiografien sind Spaziergänge durch unsicheres Gelände, allerdings immer an der Hand des Autors. Jene von Roman Polanski hieß so doppelbödig, wie er auch in seinen Filmen gerne ist: Roman.

Apropos of Nothing lautet der Originaltitel von Woody Allens Autobiografie, Ganz nebenbei der nicht ganz so lustige deutsche. Zwei ironische Distanzierungen, als wäre das, worum es geht, den Rummel nicht wert. Allen, der Atheist – das wird er im Buch nicht aufhören zu wiederholen – hat gegenüber dem Leben im Allgemeinen keine besondere Hochachtung. Von sich selbst als Künstler – ein Trickser, Schlemihl, dem vieles zugefallen ist – noch viel weniger.

Voller Widersprüche

Damit ist allerdings auch schon ein erster Widerspruch formuliert: Denn mit 440 Seiten fällt diese Rückschau, die Unmengen an Anekdoten, Einsichten, Witzen und eine rechtschaffene Überzeugungsarbeit am Leser bereithält, nicht gerade bescheiden aus. Wer sein Licht ständig absichtsvoll unter den Scheffel stellt, will damit vielleicht ja auf etwas anderes hinaus, als besonders selbstlos erscheinen. Um den Filmemacher und Autor Woody Allen, lange Zeit der Inbegriff gepflegt neurotischer Komödien und unterschiedlich erfolgreicher Ausflüge in andere Genres, ist es in diesen Tagen bekanntlich nicht gut bestellt. Kaum jemand, der sich gerade ernsthaft für sein Schaffen interessiert. Sein Werk scheint in dem tiefen Graben verschwunden zu sein, den der innerfamiliäre Disput um seine Adoptivtochter Dylan hinterlassen hat.

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Mit Ganz nebenbei versucht Allen, seinen beschädigten Ruf zu retten: Es ist sein Weg, die A- und B-Seite seines Lebens zugleich zu spielen. Die Künstlerperson vermag mit seiner zivilen Rolle allerdings nie störungsfrei zusammenzugehen: Der flapsig ironische Stil, mit dem er durchaus komisch vom zaubernden Buben aus Brooklyn erzählt, der es vom Gagschreiber für Zeitungskolumnisten zum weltberühmten Regisseur gebracht hat, wechselt in einen unappetitlichen Anklagegestus, sobald sich Allen als Opfer der skrupellosen Mia Farrow und ihrer Handlanger präsentiert. Vieles bleibt auffällig: Seinen Sohn, der, angeblich von dessen Mutter indoktriniert, zu seinem Ankläger heranwuchs, nennt er als kleinen Buben Satchel, später dann, als er sich gegen ihn wendet, nur noch Ronan bzw. Ronan Farrow.

Zur Erinnerung: Allen wies die Vorwürfe, die damals siebenjährige Dylan im Jahr 1992 sexuell missbraucht zu haben, stets energisch zurück. Es wurde nie gegen ihn Anklage erhoben, gleichwohl er kein Besuchsrecht für seine Kinder zugesprochen bekam. Im Buch schlägt er darüber einen erbitterten Tonfall an, insbesondere hat er es auf den mittlerweile verstorbenen Richter abgesehen, dem er selbst unsittliche Eigenschaften zuspricht.

Lächerliche Befindlichkeiten

In Anlehnung an eine seiner Komödien könnte man sagen: Seine Memoiren folgen der Maxime "Was Sie schon immer über Woody Allen wissen wollten, aber bisher nie zu fragen wagten". Wer sich diesem Voyeurismus hingeben möchte, wird reich bedient. Den anderen spricht Allen selbst aus der Seele, wenn er nach hundert Seiten über die Causa schreibt, jeder müsste denken, die beiden sind irre: "Es gab in der Welt wichtigere Dinge zu beachten als die Boulevardkapriolen und lächerlichen Befindlichkeiten dieser beiden Wichtigtuer."

Na dann. Der schelmische Tonfall, mit dem er nicht wenige seiner Filmdrehs als gescheitert beschreibt, vermag diese Zerrissenheit des Buches aber nicht unbeschadet zu überstehen. Zumal es wirklich oft um seine Erfolge bei Frauen geht – gleich mit allen drei Keaton-Schwestern hatte der Schlingel etwas. Am Ende gelingt ihm halt doch viel. Ehrlich bleibt er immerhin auch, wenn es gegen ihn geht. Christopher Walken meinte einmal zu Allen, er habe eine große Zukunft vor sich, sobald es ihm gelänge, seine "wahnhafte Selbstvergötterung zu überwinden". Da war er 52 Jahre alt. (Dominik Kamalzadeh, 1.4.2020)