In den Vereinigten Staaten breitet sich das Coronavirus momentan schnell aus. Die Zahl der durch das Virus verursachten Todesfälle ist mittlerweile höher als in China. Am Donnerstag waren es 5.700, davon fast die Hälfte in New York State. Weltweiter Spitzenreiter sind die USA auch, was die offiziellen Zahlen der mit dem Virus Infizierten betrifft, nämlich 200.000. Neueste Berechnungen sagen voraus, dass zwischen 100.000 und 240.000 Amerikaner durch das Virus ihr Leben verlieren könnten und sich mehrere Millionen Amerikaner in den nächsten Wochen und Monaten mit dem Virus infizieren werden. Im Folgenden eine Karte mit den aktuellen Infektionsherden des Landes, Stand Donnerstag dieser Woche.

Karte mit Infektionsherden, New York Times, 2. April
Stella Schuhmacher

Berichte von in den Vereinigten Staaten lebenden Österreichern

In der USA lebende Österreicher haben mir ihre Eindrücke zur Krise in ihren jeweiligen Lebensbereichen zugeschickt, wobei die Situation von Bundesstaat zu Bundesstaat stark variiert: Christian beschreibt die Situation in den New Yorker Suburbs. Michael erzählt, wie sich das Austrian Cultural Forum in New York an die Situation anpasst. Nathan ist mit seinem Hund in Quarantäne in Manhattan. Sonia berichtet aus Fargo, North Dakota und Heinz aus Skidaway Island, Georgia. Auch die im Beitrag verwendeten Photos wurden mir von diesen Auslandsösterreichern zugesendet.

New York: Suburbs und Manhattan

Christian arbeitet in Manhattan und lebt mit seiner Familie seit einigen Jahren in einem Vorort nördlich von New York City.

„Hier in den Suburbs sieht alles sehr friedlich aus. Vergangene Woche gab es partielle Versorgungsengpässe bei Pasta, Dosen, Mehl und Klopapier, aber das hat sich wieder gelegt. Desinfektionsmittel gibt es nach wie vor keine. Auf den Straßen sowie auf den behördlich geschlossenen Sportplätzen waren anfangs noch mehr Menschen als je zuvor aufzufinden, auch wenn die meisten auf den Zwei-Meter-Abstand achteten. In der Zwischenzeit wird die Sportplatzsperre von der lokalen Polizei kontrolliert. Das Leben in den wohlsituierten New Yorker Suburbs ist ein bisschen surreal und kein Vergleich zu den prekären Verhältnissen in den Städten. Die meisten Menschen, die hier leben, haben nicht ihre Jobs verloren, arbeiten von zu Hause, wohnen in geräumigen Häusern, sind gut versorgt und können sich viel freier als New Yorker in der City bewegen. 

Ich habe vergangene Woche mit meinem Sohn eine Erkundungstour ins benachbarte New Rochelle unternommen, sozusagen zum Ground Zero, wo der erste offiziell positiv getestete New Yorker zu Hause ist und wo Governor Andrew Cuomo unverzüglich den Notstand ausgerufen und die National Guard zur Absicherung angefordert hat. Wir waren fast enttäuscht: kein einziges Polizei- oder Militärfahrzeug, Menschen auf den Straßen, ein geöffneter Golfplatz, quasi Business as usual. Kein Anzeichen, dass hier das Ostküsten-Epizentrum Anfang März seinen Ausgang gefunden hat. Wir haben auch ein mobiles Test-Zentrum in einem Nachbarort, wo die Schulen seit drei Wochen geschlossen sind, vorgefunden. Es war leer.

Große Sorge macht mir jedoch die Explosion des Gesundheitssystems, gepaart mit einem sozialen und wirtschaftlichen Zusammenbruch. Hunderttausende New Yorker haben jetzt schon ihre Jobs verloren. Es gibt keine Auffangmechanismen wie im Sozialstaat Österreich. Außerdem ist objektive Berichterstattung ganz essentiell. Panikberichte wie man sie zuletzt im TV gesehen hat, sind nicht förderlich. Die Lage ist ernst, aber noch unter Kontrolle, die Behörden des Bundesstaates sind sehr engagiert, die Bundesregierung in Washington hinkt hinterher. Die lokale Verwaltungsebene ist nicht sichtbar präsent.“

Geschlossene High-School in New Rochelle
NEB
Geschlossener Sportplatz
NEB
Straßenszene New Yorker Suburbs
NEB

Michael arbeitet im Österreichischen Kulturforum und lebt seit 2018 in New York.  

"In der zweiten Märzwoche standen wir vor der schwierigen Entscheidung, bis wann der Kulturbetrieb weitergeführt werden kann. Unsere größte Sorge galt dabei der Gesundheit unserer Gastkünstler, Besucher und Mitarbeiter. In Absprache mit der Botschaft in Washington und dem Außenministerium haben wir daher zunächst alle bis Ende April geplanten Veranstaltungen abgesagt und uns um die sichere Heimkehr österreichischer Kulturschaffender gekümmert. Das Kulturforum muss nun bis auf weiteres geschlossen bleiben. Unser Team ist glücklicherweise gesund und arbeitet seither größtenteils von zu Hause aus.

Besonders wichtig ist es in solchen Zeiten, Kontakt zu halten. So konzentrieren sich unsere Aktivitäten inzwischen vor allem auf die Betreuung von jenen, die hiergeblieben sind, darunter auch viele ältere Menschen. Wann wir zum regulären Betrieb zurückkehren können und Veranstaltungen wieder möglich werden, lässt sich momentan noch nicht abschätzen. Derzeit ist unsere erst kürzlich eröffnete Ausstellung „Die Freiheit wird eine Episode gewesen sein“ zumindest virtuell auf der Homepage des Kulturforums zu besichtigen.

Wir alle hoffen, dass unsere künstlerischen Partner und Freunde in Österreich und in den USA gesund und furchtlos bleiben, und dass der schlanke österreichische Kulturturm möglichst bald wieder Teil eines lebendigen New Yorker Kulturlebens sein wird. "

Nathan kommt ursprünglich aus Graz und lebt jetzt seit 3 Jahren in New York City. Er arbeitet als Immobilienmakler.

 „Ich wohne mit meinem Partner in Downtown Manhattan, wo wir mit unserem Hund in 'Selbst-Quarantäne' sitzen. Die Supermärkte sind Gott sei Dank wieder halbwegs voll. Vor paar Wochen waren sie komplett leer. Die Straßen sind sehr ruhig und es schwebt eine fast unangenehme Wolke über den Straßen. Wir haben einen Flug nach Österreich im Mai, den wir verschieben werden müssen. Es ist schwierig, so weit weg von der Familie zu sein, aber mit FaceTime und Zoom ist es ein bisschen einfacher. 

Die Spitalsituation stresst mich sehr, es gibt einfach nicht genug Betten auf Intensivstationen, Krankenschwestern, Doktoren und so weiter. Das wird in ein paar Wochen ein noch größeres Problem sein. Und natürlich unser Präsident, der absolut keine Ahnung von irgendetwas hat. Um ehrlich zu sein versuche ich, keine Nachrichten anzuschauen. Ab und zu höre ich mir Governor Cuomo an, aber es bringt nichts, soviel Negatives zu hören.“

Times Square
Michael
Menschenleere Brooklyn Bridge
Nathan

Fargo, North Dakota

Sonja lebt in Fargo im Bundesstaat North Dakota. Sie unterrichtet Geschichte auf dem Concordia College in Minnesota, hat sich auf amerikanische Außenpolitik und den Nahostkonflikt spezialisiert. Sie kam ursprünglich 1991 für ein Jahr zum Studium nach Amerika und hat seither in Illinois, Ohio und North Dakota gelebt, im sogenannten “fly-over country”. Beruflich hat sie oft an der Ostküste zu tun.

”Wir sind von den Epizentren an beiden Küsten weit entfernt, aber auch hier hat die Coronakrise eingeschlagen. Wie auch alle anderen Unis und Schulen haben wir seit dem 18. März geschlossen, alle Vorlesungen und Seminare wurden auf online/remote learning umgestellt. Unsere Tage sind ausgefüllt mit Online-Course-Management, Zoom-Meetings, verschiedenen Microsoft-Teams. Da North Dakota, mit nur cirka 730.000 Einwohnern, ein relativer dünn besiedelter Staat ist, ist die Anzahl der Covid-19-Infektionen noch gering, aber ein drastischer Anstieg wird in den nächsten Wochen vorhergesagt. Aus diesem Grund sind auch schon Uni-Abschlussfeiern im Mai abgesagt worden. 

Wir wohnen in einem Stadtgebiet, cirka so groß wie Klagenfurt, das mit vielen modernen Krankenhäusern ausgestattet ist. Laut der letzten Berechnung gab es nur 98 Fälle im ganzen Staat und bisher nur einen Todesfall. Daher ist die Angst bezüglich eines Systemzusammenbruches momentan nicht sehr groß. Allerdings macht mir die Angst der Leute, die schnell zur Panik wird, große Sorgen. Auch bei uns wird Klopapier, allerlei Desinfektionsmittel, und Cereals (hoher Fruktose und Zuckergehalt macht scheinbar für schnelles und unkompliziertes Essen) gehortet. Frischgemüse und Obst ist ausreichend vorhanden, was natürlich für eine österreichische Küche wichtig ist. Sorgen machen mir im Moment eher die Langzeitfolgen dieser Krise. Wenn sich die Lage in NYC, LA, New Orleans und anderen Großstädten weiterhin zuspitzt, wird es lange dauern, bis der Reiseverkehr wieder aufgenommen werden kann. Das hat nicht nur Konsequenzen für private Reisen, auch der Unibetrieb wird dadurch zutiefst betroffen sein. 

Mein Marathon Training hat sich auch drastisch verändert. Meine Laufgruppe versucht, virtuell miteinander verbunden zu bleiben, da keine Gruppenläufe mehr stattfinden dürfen. Wir sind zum Bingo-Running ermutigt worden, um unsere Sololäufe auf andere Weise wettbewerbsfähig zu machen. Auf dem Bingo sind Dinge wie "dog poop", "goose", "fire hydrant" oder "lost item of clothing" eingezeichnet.

Es bleibt die Tatsache, dass die Grenzen geschlossen sind und eine Reise zurück in die Heimat zurzeit nicht möglich ist. Wir haben schon vor einiger Zeit Flüge nach Österreich für Juli gebucht, um meine Eltern in Klagenfurt zu besuchen. Es ist fast drei Jahre her, dass ich das letzte Mal zu Hause war, und allein der Gedanke, den 80. Geburtstag meines Vaters nicht mit ihm feiern zu können, schmerzt sehr. Ich verfolge die Entwicklungen mit größtem Interesse und wünsche meinen Landsleuten die Kraft durchzuhalten. Gemeinschaftssinn und Nächstenliebe werden Österreich gestärkt aus dieser Krise herausführen."

Leeres Cereal-Regal, Fargo.
Sonja
Leerer Parkplatz vor einer der zahlreichen Kirchen. Es gibt auch 2 Moscheen und eine Synagoge.
Sonja
Zoom ist die meistverwendete Kommunikationsmethode auch hier und hat zu lustigen Analysen geführt.
Sonja
Die Landschaft in und um Fargo ist voellig flach.
Sonja
Downtown Fargo. Wascht eure Hände und seid nett zueinander!
Sonja

Skidaway Island, Georgia

Heinz ist gebürtiger Tiroler und lebt als freischaffender Künstler seit 25 Jahren in den USA. Er hat in Florida, Arizona und New York City gelebt. Jetzt lebt er auf Skidaway Island, einer Insel, die Savannah, Georgia, vorgelagert ist.

„Letzte Woche ging’s zaghaft los, seit Sonntag (22. März) kapieren auch hier alle den Ernst der Lage. Am Montag (23. März) gab es erste Schließungen, seit Dienstag ist so ziemlich alles geschlossen. In Chatham County, dazu gehört diese Insel, gibt es jeden Tag cirka zehn Fälle mehr. Ich weiß nicht, wie viele Tote hier zu beklagen sind. Hier in dieser weitläufigen Anlage halten die Leute eher fünf als zwei Meter Abstand. Ein Großteil der Bevölkerung auf der Insel sind Senioren, also nimmt hier die Leitung den Schutz sehr ernst. Aber plötzlich kommen die jungen Verwandten der alten Leute zu Besuch für Spring Break. Somit werden alle Bemühungen wieder ausgehoben.

Ich fürchte, wirklich ändern wird sich erst etwas, wenn viele hier aufgrund des Coronavirus sterben. Die Politiker in Georgia sind vorsichtiger geworden. Trump redet in seiner Angst, nicht wiedergewählt zu werden, die Krise klein. Die Vorbereitungen wurden sehenden Auges völlig verschlafen, es wird spannend! Ich bin aufgrund der politischen Situation in vielen Teilen der Welt besorgt. Meine Hoffnung, dass der völlige Niedergang der Wirtschaft noch aufzuhalten ist, minimiert sich täglich. Wenn heute mit der Post zwei Pakete kommen, werden wir die zuerst 48 Stunden lang in der Garage stehen lassen. Angeblich ist die Gefahr der Viren nach 24 Stunden im Trockenen ziemlich vorbei. Stimmt das? Ich finde diese permanente Unsicherheit wegen Desinformation oder unsicheren Erfahrungswerten sehr bedenklich. 

Ich lebe hier in meinem selbstgeschaffenen und gut geschützten Elfenbeinturm bestens. Allerdings bin ich mir der absoluten Wahrheit des folgenden Spruches vollkommen bewusst: 'Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück. Schlägst Du Dich auf ihre Seite, schlägt sie Dich zurück.' (A. Heller). Aufgrund der Gewissheit, dass dies alles mit einem Schlag wieder zerstört werden kann, akzeptiere ich jeden Tag als ein wunderbares Geschenk, bin dankbar, dass ich gesund bin und auf der richtigen Seite der Weltkugel geboren wurde und in Österreich die Chance hatte, mein Leben halbwegs ordentlich auf die Beine zu stellen. Ich mache mir Sorgen, dass meinen Verwandten und Freunden etwas passieren könnte, jedoch habe ich selber überhaupt keine Angst vor dem Tod.“

Wohnanlage auf Skidaway Island.
H.

Aufruf

Liebe Leserinnen und Leser in den USA! Wie geht es Ihnen? Welche Erfahrungen machen Sie in Zeiten des Coronavirus? Wie gehen Sie und Ihre Familie mit der Krise um? Flugverbindungen in die österreichische Heimat gibt es nicht mehr - wie erleben Sie diese emotional schwierige Situation? Ich freue mich, von Ihnen im Forum zu lesen. Oder schicken Sie mir Ihre Erfahrungsberichte oder Fotos an stellaschuhmacher@hotmail.com. Bleiben Sie gesund! (Stella Schuhmacher, 3.4.2020)

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