Wer hätte sich seinerzeit mehr vor dem anderen in Acht nehmen müssen?
Foto: AP Photo/Francois Mori

Wien – Bilder von wilden Kämpfen zwischen Höhlenbären und speerschwingenden Höhlenmenschen gehören zu den Klassikern unter den Illustrationen prähistorischer Sachbücher. Der Aggressor dieses epischen Zweikampfs – so es einen solchen tatsächlich öfters gegeben hat – wäre aber wohl in der Regel der Mensch gewesen.

Untersuchungen von Höhlenbärfossilien haben nämlich gezeigt, dass sich die bis zu dreieinhalb Meter langen und eine Tonne schweren Eiszeitriesen fast ausschließlich vegetarisch ernährt haben dürften. Damit ist auszuschließen, dass sie auf Menschenjagd gingen – eher war es umgekehrt. Aber auch als Konkurrenten um warme Schlafplätze in Höhlen könnten die beiden Spezies aneinandergekracht sein.

Eingeschränkte Flexibilität

Die einseitige Ernährungsweise des Höhlenbären (Ursus spelaeus) gilt heute auch als plausibler Grund für das Aussterben der Art vor etwa 30.000 bis 24.000 Jahren. Als die damalige Kaltzeit einem besonderen Tiefpunkt entgegensteuerte, fanden die Bären einfach nicht mehr genug Pflanzen, um sich über den Winter zu bringen.

Und möglicherweise konnten sie gar nicht anders, als bei ihrer unflexiblen Ernährungsweise zu bleiben: Das legt eine neue Studie nahe, die im Fachjournal "Science Advances" erschienen ist. Ein internationales Team um Alejandro Perez-Ramos von der Universität Malaga untersuchte nämlich die Schädel von Höhlenbären, um festzustellen, welche Limits den Tieren durch ihre Anatomie auferlegt waren. Dem Team gehörte auch Gernot Rabeder vom Institut für Paläontologie der Universität Wien an.

Beim Höhlenbären (links) verteilten sich die mechanischen Kräfte beim Beißen ungünstiger über den Schädel als etwa beim heutigen Malaienbären (rechts).
Illustration: Alejandro Pérez-Ramos

Die Höhlenbären waren nicht nur insgesamt groß, sie hatten auch auffallend große Nebenhöhlen. Laut den Forschern ist ein solches Merkmal günstig für die Regulierung des Metabolismus – den Höhlenbären wäre es damit leichter gefallen, während der bitterkalten und langen Winter ihres Zeitalters ausgedehnte Winterruhe zu halten. Allerdings müssen große Nebenhöhlen auch irgendwie im Schädel untergebracht werden. Auf diese Erfordernis führen die Forscher die breite und stark gewölbte Schädelform des Höhlenbären zurück.

Die Schädelform hat aber Konsequenzen auf die Beißkraft. Darum zogen die Forscher computertomografische Daten der Schädel von ausgestorbenen wie auch heute lebenden Bärenarten heran und ließen sie durch Simulationen laufen. So konnten sie die mechanische Kraftverteilung im und am Schädel sowie dessen Festigkeit analysieren. Es zeigte sich, dass die Schädel der Höhlenbären die beim Kauen wirkenden Kräfte schlechter ableiten konnten als andere Bären. Lediglich der Amerikanische Schwarzbär, der ebenfalls hauptsächlich vegetarisch lebt, hat vergleichbar schlechte Werte.

Stilles Ende

Zudem zeigte sich, dass die Höhlenbären aufgrund ihrer Schädelform nicht alle Zähne ausreichend einsetzen konnten. Mit dem vorderen Teil des Kiefers konnten sie nur wenig Beißkraft ausüben – also da, wo Fang- und Schneidezähne und nicht zuletzt die bei Raubtieren zu Reißzähnen ausgebildeten Vorbackenzähne sitzen. Sie waren damit notgedrungen auf das Zerkleinern von pflanzlicher Nahrung mit den hinteren Backenzähnen spezialisiert.

Das Resümee der Studie: Um sich an das kalte Klima anzupassen, hatten die Höhlenbären mit ihren vergrößerten Nebenhöhlen ein Merkmal entwickelt, das ihnen dabei half, Hungerzeiten besser auszusitzen. Als es noch kälter wurde, erwies sich diese Anpassung aber als Sackgasse.

Die Forscher zeichnen ein melancholisches Bild vom Ende dieser ikonischen Spezies: Die Höhlenbären fraßen vor der Winterruhe, so viel sie finden konnten, doch wurden die Pflanzen immer weniger. Reichten die gespeicherten Ressourcen nicht aus, starben die Tiere schließlich im Schlaf. (jdo, 2. 4. 2020)