Der Chatbot stellt Fragen, gleichzeitig wandern in der Liste der möglichen Diagnosen Erkrankungen je nach Wahrscheinlichkeit nach oben und unten.
DER STANDARD

Hab ich's oder hab ich's nicht? Diese Frage stellen sich derzeit viele, die an Erkältungssymptomen leiden und den Verdacht haben, sich mit Sars-CoV-2 angesteckt zu haben. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit tatsächlich ist, an Covid-19 erkrankt zu sein, zeigt der Chatbot des Start-ups Symptoma. Wer es genau wissen will, startet den Test auf symptoma.at und beantwortet 20 Fragen, etwa: Haben Sie Fieber? Haben Sie Husten? Leiden Sie an Atemnot?

"Symptoma hat eine Treffergenauigkeit von 96,32 Prozent beim Test von Covid-19-Patienten erreicht", sagt Unternehmensgründer Jama Nateqi. Die zugehörige Studie hat das Start-up mit Sitz in Attersee Oberösterreich beim Fachmagazin Nature eingereicht und vorveröffentlicht.

Statistisch gesehen

Neben Covid-19 berücksichtigt das Programm weitere 20.000 Erkrankungen und reiht die Ergebnisse danach, wie häufig sie in der Bevölkerung zum aktuellen Zeitpunkt vorkommen. Ein Beispiel: Fieber ist ein Symptom bei sehr vielen Erkrankungen. Wer also nur daran leidet, ist statistisch gesehen wohl eher an einem grippalen Infekt, einer Gastroenteritis oder Bronchitis erkrankt – in dieser Reihenfolge. Covid-19 steht weit unten in der Liste der möglichen Krankheitsbilder. Noch, denn jede zusätzliche Frage grenzt das Ergebnis weiter ein.

Wer an einem oder mehreren Covid-Symptomen leidet und Kontakt zu einer infizierten Person hatte oder in einem Risikogebiet war, bekommt als Ergebnis ein "hohes Risiko" und dazu einen Report mit einer Identifikationsnummer, einer Übersicht der bekanntgegebenen Patientendaten und der Symptome. Dann wird empfohlen, die Gesundheitshotline anzurufen, sich an die lokalen Behörden oder den Hausarzt zu wenden.

Neue Erkentnisse

Neben den Fragen, die der Chatbot den Nutzern stellt, können diese auch selbst Symptome eintippen. Und nicht nur das. Wird etwa "Italien" eingegeben, springt Covid-19 in der Ursachen-Liste ebenfalls rasch nach oben, wer "Tiramisu" schreibt, wird nach Bauchschmerzen gefragt, wer "Bohnen" eintippt, nach Blähungen. Die Freitexteingabe bringt auch einen Erkenntnisgewinn für die Forschung. Denn während bei den Hotlines nur bereits bekannte Symptome abgefragt werden, sammelt Symptoma auch jene, die vielleicht neu sind: "Möglicherweise hätte man so schon früher gewusst, dass der Verlust des Geruchs- und Geschmacksinns bei Covid-19 verbreitet ist", so Nateqi.

Die künstliche Intelligenz hinter dem Chatbot, der neben Covid-19 auch die Wahrscheinlichkeit anderer gängiger Erkrankungen einschätzen soll, wird mit Millionen medizinischen Publikationen "trainiert", wie Nateqi es nennt. 63 Partner weltweit geben die Daten ein und verknüpfen sie miteinander, so entstehen milliardenfach Verbindungen, die die künstliche Intelligenz auf eine Diagnose schließen lassen.

Symptoma ist derzeit in 36 Sprachen verfügbar. Das erklärte Ziel, so Gründer Nateqi: Eine Milliarde Menschen soll weltweit mit dem Test auf Covid-19 gescreent werden – und zwar schneller als das Virus sich verbreitet. Denn: "Nicht jeder Mensch kann einen PCR-Test bekommen, das ist logistisch und finanziell nicht möglich. Außerdem hat das auch gar keinen medizinischen Nutzen. Wer jung und an Covid-19 erkrankt ist, sollte vorrangig keinen weiteren anstecken und daheim bleiben", sagt Nateqi. Der Chatbot kann diesen Menschen ganz ohne Ansteckungsrisiko, anonym und von daheim aus darüber Auskunft geben, ob sie erkrankt sind.

Hotlines entlasten

Damit könnte der Selbsttest auch die Corona-Hotlines entlasten, die immer wieder überfordert sind. Durch die Ergebnisse des Tests wird es möglich, die richtigen Patienten und zwar jene, die eine hohes Risiko haben, für PCR-Tests zu priorisieren. Konkret könnte das so funktionieren: Anrufer nennen die ID ihres Symptoma-Reports und die Hotline-Mitarbeiter sehen auf einen Blick die Fallgeschichte und das errechnete Risiko vor sich.

In Zukunft, wenn die aktuellen Maßnahmen gelockert werden, könnte mit Symptoma zudem überprüft werden, wo sich lokale Erkrankungshotspots befinden, für die möglicherweise weiter strengere Einschränkungen gelten müssen, so Nateqi. Das gilt im Übrigen für jede Krankheit: "Symptoma hilft, schwerwiegende Krankheiten, seltene Krankheiten aber auch die nächste Pandemie früh zu erkennen, so Nateqi. Denn wer den Test macht, wird auch nach seiner Postleitzahl gefragt. Forscher können so Daten in Echtzeit bekommen. Neben dem Wohnbezirk will der Chatbot abgesehen von den Symptomen noch das Alter wissen – eingegrenzt auf einem Zeitraum von zehn Jahren. E-Mail- oder IP-Adressen werden nicht gesammelt.

Und was ist mit allen, die asymptomatische Krankheitsverläufe habe oder kaum Symptome wahrnehmen? "Sie bringt der Chatbot erst auf die Idee und sensibilisiert sie dafür, dass sie Corona haben könnten. Denn er fragt nach weiteren typischen Symptomen, die die Betroffenen vielleicht noch gar nicht als Erkrankungssymptom wahrgenommen haben", so Nateqi.

Falsche Diagnose

Symptoma funktioniert neben Covid-19 auch für alle anderen Erkrankungen und soll eine Unterstützung für Ärzte und Patienten sein. Denn jede siebte Diagnose ist falsch oder wird zu spät gestellt. "Ärzte müssten mehr als 20.000 Ursachen berücksichtigen, das ist menschlich kaum schaffbar", sagt Nateqi und nennt Symptoma einen "digitalen Gesundheitsassistenten". Weltweit arbeiten für das Unternehmen 60 Mitarbeiter, 20 davon in Österreich. 14 Jahre Forschung und Entwicklung stecken bisher in dem Chatbot.

Die Vielfalt der verfügbaren Sprachen sei dabei ein großer Vorteil. Denn oft gibt es in der medizinischen Forschung Sprachbarrieren. Symptoma übersetzt alle wissenschaftlichen Informationen standardisiert in jeweils alle anderen verfügbaren Sprachen, so können Forschungsdaten besser gesammelt werden und Ärzte und Patienten via Symptoma kommunizieren, obwohl sie nicht dieselbe Sprache sprechen.

Letztendlich will Symptoma dabei helfen, Krankheiten besser und schneller zu diagnostizieren. "Zehn Prozent der Bevölkerung leiden an einer seltenen Erkrankung, aber drei Viertel wissen nichts davon. Die Diagnose dauert oft sieben bis zehn Jahre", sagt Nateqi.

Und was ist mit der Empfehlung, Symptome lieber nicht im Internet einzutippen, weil das Patienten nur verängstigt? "Die Menschen recherchieren ohnehin online und finden dann meist jene Infos, die am reißerischsten sind", so Nateqi. Symptoma hingegen gibt realistische Einschätzungen: Wer Bauchschmerzen als einziges Symptom eingibt, bekommt als Diagnose, dass er möglicherweise zu viel gegessen hat – was in den meisten Fällen auch der Grund ist. (Bernadette Redl, 5.4.2020)