Die alten Menschen werden aus der (konsumistisch verordneten) Partylaune gerissen.

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Noch bis vor wenigen Wochen schienen der Langlebigkeit von uns Menschen keine ernstzunehmenden Grenzen gesetzt. Das Bild des erfüllten Lebensabends war, unter lebhafter Zustimmung aller Beteiligten, in die Kolumne der Fake-News übersiedelt worden. Wer als Greis, als Greisin leidlich gesund lebte, schien berechtigt, in den Genuss eines beinah endlosen Hochmittags zu kommen. Es war, als ob die Alten nicht gewusst hätten, wohin mit ihren Energien: vormittags die Enkel hüten, nachmittags hinaus in die Natur! Wer dann noch über Gliederschmerzen klagte, vertraute umgehend auf die Rheumasalbe aus der TV-Werbung.

Nach ein paar Wochen der Pandemie stellen die Bilder aus den Intensivstationen umliegender Staaten das Klischee vom gesunden, unbesorgten Altern komplett auf den Kopf. Ärzte, die an der Erschöpfungsgrenze und jenseits von ihr agieren, müssen Corona-erkrankten Menschen jenseits der 80 den Zugang zur Intensivbehandlung verwehren.

Es sind die Vorerkrankten, Hochbetagten, denen das Virus besonders intensiv zusetzt. Und weil in Ländern wie Frankreich die Profitorientierung die Gesundheitssysteme nachhaltig zerrüttet hat, müssen den Alten, als den Schwächsten, die Intensivbetten im Zweifelsfalle vorenthalten werden. Intubiert wird nicht jede(r). Man fühlt sich mit wachsendem Entsetzen an Heiner Müllers Imperativ erinnert, mit dem dieser die Wirkungsweise des Kapitalismus zur Darstellung gebracht hat: "Für alle reicht es nicht!"

Skandal der Zeitlichkeit

Es hat kaum jemals an Vorkehrungen gefehlt, den Skandal der Zeitlichkeit von uns Menschen abzuwehren. Besonders schlaue Anwärter auf das ewige irdische Leben ließen sich sogar auf Unterhandlungen mit den Göttern ein. Als Tithonos, der Gespiele der Eos, Zeus das Versprechen auf Ewigkeit abnahm, vergaß er, den Vorzug ewiger Jugend in seinen Forderungskatalog aufzunehmen. Am Schluss blieb nur die keifende Stimme dieses Bedauernswerten übrig. So erzählt es Ovid.

Von Johann Wolfgang Goethe wird anekdotisch überliefert, er sei, im hohen Alter von 80 Jahren stehend, immer zuversichtlicher geworden, weil er vermutete, dass der Tod ausgerechnet von ihm, dem Olympier, ablassen werde. Der Sterblichkeit ein Schnippchen zu schlagen, um das Leben voll zu genießen: Die menschliche Todesverleugnung wurde häufig genug in den Rang einer Ingenieurwissenschaft erhoben.

In Stellvertretung eines Schöpfergottes, an den immer weniger glauben, genoss die Idee grundlegender, biomedizinischer Generalüberholung die Würde einer Königsdisziplin. Der Tod, diese metaphysische Kränkung, schien mit dem wachsenden Wissen vom Menschen der Tendenz nach aufhebbar geworden. Selbst kleine Geister gingen aus der Lektüre von Nietzsche-Schriften eigentümlich gestärkt hervor. Die Lehre vom "letzten Menschen" wurde zweckoptimistisch in die vom "nächsten Menschen" übersetzt.

Was an uns unrettbar scheint, mechanisch minderwertig und verschlissen, sollte in eine anspruchsvollere Daseinsart umgegossen werden. Menschen, so predigten "Posthumanisten" wie Volker Demuth, sollen sich selbst evoluieren (dürfen). Wo es in den Synapsen hapert und in den Gelenken knackt, dort müssen Maschinenanteile hinein. Wenn alle Stricke reißen, alle Adern platzen, können "Nanobots" als molekulare Werkzeuge an den richtigen Stellen an der Miniaturschraube drehen. So argumentierten wenigstens notorische Optimisten.

Neue biologische Uhr

Die biologische Uhr schien neu aufgezogen. Der Tod, dieser ewig bedrohliche Schatten über allen Tummelplätzen der Mitmenschlichkeit, wurde hinaus, bis an den Rand des Horizonts, gejagt. Hingegen galt die Technowissenschaft ("human enhancement") als der aussichtsreiche Generalschlüssel zur menschlichen "Selbsttransformation". Wer jetzt noch immer kein Cyborg geworden ist, verbringt in diesen Wochen und Monaten als alter Mensch eine unbehagliche, lebensbedrohliche Zeit. Unter der Hand müssen Mediziner über Betagte den Stab brechen.

Es wird notwendig sein, die Hoffnungen auf ein annähernd ewiges Leben deutlich zu dämpfen. Hingegen bedürfen unsere Eltern und Großeltern unserer besonderen, liebenden Solidarität. Dazu wird die Besserstellung von Pflegediensten gehören; vor allem aber ein realistischer Umgang mit der menschlichen Endlichkeit. Der "hyperanthropos" gehört auf die lange Bank der technowissenschaftlichen Institute geschoben. (Ronald Pohl, 2.4.2020)