2019 forderte Ta-Nehisi Coates im US-Abgeordnetenhaus Reparationszahlungen für Afroamerikaner.

Foto: Reuters/Aaron P. Bernstein

"Meine Aufgabe war es, die Geschichte der Sklaven zu erzählen. Der Geschichte ihrer Herren hat es nie an Erzählern gefehlt", stellt Ta-Nehisi Coates seinem Roman Der Wassertänzer voran. Auch Coates erzählt die Geschichten Ungehörter seit Jahren und an vielen Fronten. Seine Essays über Rassismus und die miese soziale Stellung afroamerikanischer Bürger machen ihn für viele zum wichtigsten Denker des schwarzen Amerika.

In Zwischen mir und der Welt beschrieb er seinem Sohn 2014, wie unterschiedlich Schwarze und Weiße noch heute behandelt werden. In Plädoyer für Reparationen forderte er von den USA Wiedergutmachungszahlungen an die Schwarzen. Denn Sklaverei und Rassentrennung würden noch immer nachwirken: Wohlstand, Bildung, Inhaftierungen. In puncto Rassenfrage ist Coates Pessimist.

Dafür erhielt er 2015 das "Geniepreis" gerufene MacArthur-Fellowship, und bevor Toni Morrison starb, erklärte sie ihn zum Erben James Baldwins. Dass Coates unter Präsident Barack Obama in Weißem Haus ein und aus ging, versteht sich von selbst.

Wurzel des Übels

Nun also ist sein erster Roman erschienen. Wobei "nun" in die Irre führt. Denn Coates (44) hat seit etwa 2008 daran recherchiert und gearbeitet. Es kamen ihm bloß Essays und Artikel dazwischen.

Coates geht in Der Wassertänzer zurück an die Wurzel des Übels und siedelt die Handlung kurz vor Ausbruch des Bürgerkriegs 1865 an. Mit der Tabakplantage Lock less in Virginia geht es bergab, die Böden sind ausgelaugt. Viele Herren ziehen gen Westen, andere verkaufen aus Not ihre Sklaven. Das zerreißt auch Hirams Familie.

Wir begleiten ihn auf über 500 Seiten vom Kindesalter bis zum Erwachsenen. Schon als Bub verfügt er über ein fotografisches Gedächtnis, einzig an seine Mutter kann er sich nicht erinnern. Sie wurde verkauft, als er neun war. Sein Vater dagegen ist der Herr von Lockless. Beide wissen um die Abstammung, und sie nährt in Hiram Zweifel am System von Verpflichteten und Oberen. Warum steht seinem Halbbruder zu, was ihm ob seiner Haut verwehrt ist?

Starres System

Als der Vater Hirams Intelligenz erkennt, holt er ihn ins Herrenhaus, er erhält Unterricht. Kurz scheint das Unwahrscheinliche möglich, die Ordnung eines auf Geburt basierenden Systems durchlässig. Aber das trügt. In Hiram wachsen Enttäuschung und Freiheitsdrang. Mit 19 Jahren plant er die Flucht. Es soll eine geheime und dabei hilfreiche Gruppe geben, den "Underground".

Diesem Netzwerk von Fluchthelfern ist der afroamerikanische Autor Colson Whitehead 2016 mit einer fantastischen Idee begegnet. In Underground Railroad verwandelte er den Fluchtweg in den Norden in eine unteriridische Eisenbahn. Bei Coates ist der Underground wie historisch belegt bloß ein gut organisiertes Netz. Fantastisches geschieht aber auch hier: Hiram hat die Fähigkeit, sich zu teleportieren, im Buch Konduktion genannt. Der "Conductor"als Referenz war in der Terminologie des Undergrounds jemand, der Freiheitsuchende sicher führte. Hiram wird solch ein Retter.

Aktivistische Tradition

Man denkt dabei nicht zu Unrecht an Superhelden – Coates hat für Marvel zuletzt Comics der Serie Black Panther geschrieben. Man könnte bemäkeln, ob ein bloßes Sklavenschicksal nicht genug Recht habe, erzählt zu werden. Magie ist für Coates aber Teil der afrikanischen Kultur und verhilft seinen Figuren als Katalysator zum Empowerment. Schon sein Vater war Aktivist der Black Panther, Ta-Nehisi wurde Journalist (The Atlantic), schrieb zu Ungleichheit und White Supremacy.

Der Roman ist weniger gewagt als Coates‘ Essays. Sehr klassisch erzählt, lässt das Bemühen um ambivalente Figuren auch dem verantwortungsbewussten Plantagenbesitzer Gutes. Das verharmlost nicht, sondern lässt Komplexität zu. Coates entwirft die Sitten und Unsitten der Zeit zwischen aus dem Blick verdrängten Gängen fürs schwarze Personal und kultiviert tuenden Salons sehr plastisch. Man lernt über die Praktiken der Menschenfänger und schwarzen Freiheitskämpfer. Brutalität hält sich in Grenzen, dafür gibt es sogar kitschige Liebe. (Michael Wurmitzer, 1.4.2020)