Menschen zum Verzicht bringen, um das Klima zu schützen? Das wird laut dem Philosophen John Broome nicht klappen. Wenn die bisherige Klimapolitik eines gezeigt habe, dann sei dies, dass die Menschen nicht auf Wohlstand verzichten wollen.

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John Broome hätte im März im Rahmen des Philosophie-Projekts "Forms of Normativity" an der Universität Wien vortragen sollen, DER STANDARD hätte ihn treffen sollen. Das vereinbarte Interview wurde wegen der Corona-Krise schließlich per Skype geführt. Der Philosoph schaut immer wieder aus seinem Fenster auf die "schöne britische Landschaft", während er darüber spricht, wie man das Klima retten könnte.

STANDARD: Gegen die Corona-Pandemie werden ganze Staaten heruntergefahren. Warum zögern wir im Kampf gegen den Klimawandel mit drastischen Maßnahmen?

Broome: Für das Klima ist es natürlich großartig, wenn die weltweite Produktion heruntergefahren wird. Wenn der Klimadiskurs der vergangenen Jahre aber eines gezeigt hat, dann ist das: Die Menschen wollen nicht auf Wohlstand verzichten, um künftigen Generationen eine intakte Welt zu hinterlassen. Die internationale Gemeinschaft versucht seit 30 Jahren, Menschen zu Verzicht zu bewegen. Aber es gelingt nicht. Wir sollten akzeptieren, dass die Opferbereitschaft einfach nicht bei allen gegeben ist.

STANDARD: Warum akzeptieren die Menschen die Einschränkungen im Kampf gegen die Pandemie?

Broome: Weil sie kurzfristig sind. Zumindest noch. Denn wenn die Maßnahmen gelockert werden, kommt das Virus wieder. Langfristig braucht es eine Impfung oder die Durchseuchung der Bevölkerung, um möglichst viele Menschen zu immunisieren. Das würde aber wohl zu viele Leben kosten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen die Einschränkungen über einen längeren Zeitraum hinweg akzeptieren würden. Das macht mir Sorgen.

John Broome fordert, dass künftige Generationen die Schulden tragen, mit denen heutige Generationen den Klimawandel bekämpfen. Davon würden alle profitieren, so der Philosoph.
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STANDARD: Beim Klima fordert Fridays for Future genau das: Verzicht. Sind die jungen Aktivisten zum Scheitern verurteilt?

Broome: Die Forderung ist legitim und wichtig. Ich bin sehr dafür, wenn junge Menschen mit radikalen Protestaktionen auf die Klimakrise aufmerksam machen. Sie sind die Vertreter der künftigen Generationen, deren Lebensgrundlage wir zerstören. Und sie können großen Druck auf Entscheidungsträger ausüben.

STANDARD: Aber wenn wir nicht verzichten, steuern wir sehenden Auges in die Katastrophe?

Broome: Nein. Denn es ist ein Irrglaube, dass sich der Klimawandel nur bekämpfen lässt, wenn wir Opfer bringen und auf Wohlstand verzichten. Wir müssen einfach zur Kenntnis nehmen, dass viele Menschen nicht auf Wohlstand verzichten wollen – und deshalb Klimapolitik machen, die allen zugutekommt oder wenigstens niemandem schadet. Es gibt Möglichkeiten. Zum Beispiel, indem man Emissionen besteuert und Steuerzahler etwa beim Einkommen entlastet.

STANDARD: Aber eine CO2-Steuer bedeutet auch Verzicht. Zum Beispiel auf Flugreisen, die teurer werden.

Broome: Das stimmt. Deshalb wird der Staat auch zusätzlich Geld in die Hand nehmen müssen und investieren. Die Corona-Krise zeigt, dass auch Länder, die lange einen ausgeglichenen Haushalt gepredigt haben, im Ernstfall Schulden aufnehmen. Sie sollten das auch tun, um die Klimawende zu finanzieren. Vor allem in Zeiten niedriger Zinsen.

STANDARD: Und späteren Generationen Schulden hinterlassen?

Broome: Es geht um die Verteilung von Wohlstand über die Generationen hinweg. Genauso, wie wir gewissen Wohlstand in die Zukunft schieben, indem wir beispielsweise sparen oder investieren, können wir Geld, das künftige Generationen erwirtschaften, bereits heute ausgeben. Alle beteiligten profitieren: die Leute, die nicht für das Klima auf ihren gewohnten Wohlstand verzichten wollen, und die künftigen Generationen, die in einer bewohnbaren Welt aufwachsen.

Auch in Afrika ist Fridays for Future aktiv. DER STANDARD hat die Aktivistin Vanessa Nakate Anfang des Jahres in Uganda getroffen. Philosoph Broome fordert eine Weltklimabank zur Unterstützung armer Länder im Kampf gegen die Erderwärmung.
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STANDARD: Nicht jeder kann Schulden machen. Ärmere Länder kommen schwieriger an Kredite, spielen aber in der Klimawende genauso eine Rolle.

Broome: Es braucht deshalb eine Weltklimabank. Analog zur Weltbank würde eine globale Klimabank Ländern Kredite gewähren, um die Emissionen zu reduzieren.

STANDARD: Ihr Vorschlag ändert aber nichts daran, dass die Klimakrise ein Trittbrettfahrer-Problem ist. Wieso soll sich ein einzelnes Land anstrengen, wenn eh alle anderen ihre Emissionen reduzieren?

Broome: Stimmt. Aber manche politischen Akteure sind durchaus groß genug, um Schritte zu setzen. Und es müssen auch nicht alle freiwillig mitmachen. Nehmen Sie Australien: Dort ist es offizielles Regierungsprogramm, Trittbrett zu fahren. Die Emissionen Australiens seien im globalen Vergleich so gering, dass es nicht darauf ankomme, ob man sie reduziert oder nicht, so die Position der Regierung. Wenn etwa Europa Strafzölle für Güter, deren Herstellung besonders viel CO2 freisetzt, einführt, tut das den Australiern aber weh. Und womöglich schwenken sie auf eine andere Linie um.

Buschfeuer zerstörten in Australien Anfang des Jahres massenhaft Wald – und töteten die dortige Tierwelt.
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STANDARD: Sie sprechen von CO2-Steuern und Zöllen. Das sind Preissignale. Braucht es auch gezielte Investitionen?

Broome: Sicher. Preissignale richten es in der Theorie. In der Praxis dauert es viel zu lange, bis sich die Wirtschaft anpasst. Es braucht gezielte Investitionen. Zum Beispiel ist es klar, dass irgendwann elektrische Autos auf den Straßen unterwegs sein werden. Also besser sofort in E-Mobilität investieren als darauf warten, bis die Preissignale wirken.

STANDARD: Regierungen nehmen gerade massenhaft Geld in die Hand, um die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Sollten sie klimaschädliche Branchen retten?

Broome: Sie sollten alles tun, um den Menschen in dieser schrecklichen Krise zu helfen. Sollten Regierungen die Wirtschaft in eine grüne Richtung lenken? Vielleicht wäre das gut. Jeder kann sehen, dass die Corona-Krise eine schreckliche Krise ist. Aber die Klimakrise ist viel schlimmer als die Corona-Krise und kostet langfristig viel mehr Menschen das Leben. Aber der Klimawandel ist langsam und unauffällig. Deshalb scheinen ihn die Menschen zu tolerieren. (Aloysius Widmann, 8.4.2020)