Der Dorfbewohner Arifin Anak Mingok steht hinter einer Straßensperre im Dorf Busut Baru in Hulu Langat, Bundesstaat Selangor, Malaysia.

Foto: REUTERS/SAMSUL ANAK SENIN

Kuala Lumpur – Nachdem die Einwohner von Jemeri den Eingang zu ihrem Dorf mit Baumstämmen blockiert hatten, floh die Hälfte von ihnen aus Angst in den umliegenden Wald, als sich das Coronavirus in Malaysia ausbreitete und sich die erste indigene Person der "Orang Asli" infizierte.

"Wir gehen zurück in den Wald, um uns zu isolieren und Nahrung für uns zu finden", sagt der Dorfbewohner und Aktivist Bedul Chemai aus Jemeri im malaysischen Bundesstaat Pahang am Telefon zur Nachrichtenagentur Reuters. "Wir wissen, wie man Nahrung aus den Wäldern bekommt, und es gibt einige Dinge, die wir dort pflanzen können." Die Orang Asli, das bedeutet so viel wie "ursprüngliche Menschen", gehören zu den ärmsten und am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen in Malaysia, wo die meisten Infektionen in Südostasien gemeldet wurden.

Angst und Hunger

Die erste Infektion eines Orang Asli wurde letzte Woche festgestellt. Ein dreijähriger Bub aus einem Dorf außerhalb der Cameron Highlands, einem beliebten Touristenort, wurde positiv auf das Virus getestet, sagte der Generaldirektor der Abteilung für Orang-Asli-Entwicklung, Juli Edo. Das Dorf wurde daraufhin gesperrt, zusammen mit einem anderen, in dem der Verdacht auf eine Infektion besteht. Es sei unklar, wie der Bub infiziert worden sei, sagte Juli.

Die Orang Asli sind die Nachkommen der frühesten bekannten Bewohner der malaysischen Halbinsel und zählen etwa 200.000 Angehörige. Als Malaysia diesen Monat strenge Bewegungsbeschränkungen erzwang, um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, mit dem sich mehr als 3.000 Menschen vor Ort infiziert hatten und 50 infolge von Covid-19 gestorben waren, sagten die Orang Asli, sie seien besonders schwer getroffen worden. Viele haben Schwierigkeiten, Lebensmittel zu finden, nachdem ihr geringes Einkommen aus dem täglichen Verkauf von Gemüse, Obst und Gummi gekürzt wurde, während einige Angst haben, in die Städte zu gehen, um Lebensmittel zu kaufen, weil sie befürchten, das Virus zu bekommen.

Angst vor Krankheiten

Die Orang Asli sind aufgrund von Faktoren wie Armut und Unterernährung anfällig für Krankheiten. Die Armutsquote liegt mit über 30 Prozent weit über dem malaysischen Durchschnitt von 0,4 Prozent. In einem indigenen Dorf im Nordosten der malaysischen Halbinsel starben im vergangenen Jahr 15 Menschen an Masern, dutzende erkrankten. Shaq Koyok, ein Aktivist des Temuan-Stammes, sagte, Menschen aus seinem Dorf, etwa 60 Kilometer von der Hauptstadt Kuala Lumpur entfernt, hätten sich selbst isoliert. "Auch ich kann nicht ins Dorf gehen", sagte Shaq, der in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur lebt.

Indigene Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt, in Australien, Kanada und Brasilien, haben sich abgeschottet, um die Gemeinschaften zu schützen, da sich das Coronavirus, das mehr als eine Million Menschen infiziert und weltweit rund 52.000 Menschen (Stand 3. April 2020) getötet hat, weiter ausbreitet. Über Jahrzehnte hinweg mussten die Orang Asli hinnehmen, dass Firmen in ihr angestammtes Land eindrangen und die Wälder rodeten, um unter anderem Palmölplantagen zu errichten. "In einigen dieser Dörfer können sie nicht einmal in die Wälder gehen, um Nahrung zu suchen", sagte Ili Nadiah Dzulfakar von Klima Action Malaysia, Teil eines Kollektivs, das Geld für Orang-Asli-Gemeinden sammelt.

Eine Gruppe, die Spenden für die Orang Asli sammelt, teilte mit, dass sie so viele Anfragen erhalten hätte, dass sie ihr ursprüngliches Spendenziel verdreifachte. Die Bemühungen der Regierung, rund 50.000 Orang-Asli-Familien mit Lebensmitteln zu versorgen, seien fehlgeschlagen. "Ein Dorfältester hat mir gesagt, dass sie entweder durch das Virus oder durch Hunger sterben werden", sagte Ili Nadiah. (Reuters, red, 5.4.2020)