Jeremy Corbyn, das war einmal. Ab sofort führt der Jurist Keir Starmer die Labour-Partei an (Archivbild vom 23. September 2019).

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Mit einem Appell an Selbstdisziplin und Entschlossenheit hat Königin Elizabeth II die Briten am Sonntagabend auf den Kampf gegen das Coronavirus eingeschworen. Die Insel erwartet in der Karwoche Tausende von Toten, der Höhepunkt der Pandemie dürfte dem bisherigen Verlauf zufolge erst Mitte April eintreten. Eindringlich warnte auch Gesundheitsminister Matthew Hancock die Bevölkerung davor, die Ausgangsbeschränkungen zu missachten. Notfalls müssten die Regelungen verschärft werden – eine Drohung, die der neue Oppositionsführer Keir Starmer ausdrücklich unterstützte. Seine Labour Party werde in der Krise "eine konstruktive Rolle" spielen, der Regierung von Premierminister Boris Johnson aber keineswegs kritische Fragen ersparen.

Die Monarchin wendet sich jenseits der alljährlichen Weihnachtsansprache höchst selten an ihre Untertanen. In ihren mittlerweile mehr als 68 Thronjahren ist die am Sonntagabend ausgestrahlte Ansprache erst die fünfte Gelegenheit. "Hoffentlich werden jene, die nach uns kommen, den Briten dieser Generation bescheinigen, sie seien ebenso stark gewesen wie ihre Vorfahren", sagte die 93-Jährige, die im Zweiten Weltkrieg als Automechanikerin Kriegsdienst geleistet hatte, laut Manuskript. Den Anweisungen der Regierung entsprechend haben sich die Queen und Prinz Philip (98) auf Schloss Windsor isoliert.

In Selbstisolation verharrte auch am Sonntag noch Premier Johnson in der Downing Street. Der infizierte 55-Jährige habe wie schon seit mehr als einer Woche erhöhte Temperatur, teilte Hancock mit. Am Samstag hatte sich Johnsons schwangere Verlobte Carrie Symonds per Twitter an die Öffentlichkeit gewandt: Sie müsse seit einer Woche mit Corona-ähnlichen Symptomen das Bett hüten. Ein Test sei nicht nötig gewesen, "es geht mir wieder besser". Das erste gemeinsame Kind des Paares wird im Juni erwartet.

"Nicht Unmögliches fordern"

Der neue Labour-Vorsitzende Starmer (57) hatte gleich nach seiner Wahl am Samstag mit dem Premier telefoniert. Dabei nahm er Johnsons Einladung an, in dieser Woche an Fachgesprächen mit den Wissenschaftsexperten der Regierung teilzunehmen. Die in London ebenfalls diskutierte Möglichkeit einer nationalen Koalition beantwortete Starmer in der BBC ausweichend. Die konservative Regierung habe in der Corona -Krise zu langsam agiert, Fehler begangen. Er werde mit konstruktiver Kritik zur Lösung der anstehenden Probleme beitragen, beteuerte der frühere Leiter der englischen Staatsanwaltschaft. "Wir betreiben keine Opposition um der Opposition willen, ich werde nicht Unmögliches fordern."

Im Mittelpunkt der britischen Debatte steht weiterhin die vergleichsweise niedrige Zahl an Tests auf Covid-19. Der Premier hatte bereits im März eine massive Erhöhung angekündigt: "Auf diese Weise können wir das Virus besiegen." Bis Monatsende, bekräftigte Hancock am Sonntag, würden täglich 100.000 Tests durchgeführt werden. Am Samstag lag der Wert bei 11.000. Angaben des nationalen Gesundheitssystems NHS zufolge stehen landesweit rund eine halbe Million Ärzte und Pflegepersonal im Kontakt mit Covid-19-Patienten. Bisher wurden etwa 10.000 Krankenpfleger und Ärzte getestet.

Neue Pandemie-Zentren

Angaben vom Wochenende zufolge verschieben sich zunehmend die regionalen Schwerpunkte der Pandemie. Am Samstag meldete das sogenannte Mittelland um die Millionenstadt Birmingham erstmals mehr Verstorbene (212) als die Hauptstadt London (127). Am Samstag erlagen insgesamt 708 Briten ihrer Covid-19-Erkrankung, am Sonntag kamen weitere 621 hinzu, wodurch die Gesamtzahl auf 4934 Tote stieg. Immerhin stellte die erstmalige Verringerung der Verstorbenen einen winzigen Lichtblick dar. Auch ging die Zahl der Einweisungen leicht zurück.

Zu den Verstorbenen gehören mindestens acht NHS-Bedienstete, darunter vier Ärzte sowie zwei Krankenschwestern, beide im Alter von Mitte 30 und Mütter von drei kleinen Kindern. Die entsprechenden Berufsverbände erneuerten ihre Kritik am herrschenden Mangel von angemessener Schutzkleidung und Gesichtsmasken für das Personal im direkten Patientenkontakt. Einer Befragung von mehr als 2500 Ärzten zufolge verfügt beinahe ein Viertel (22,3 Prozent) nicht über ausreichend PPE-Masken. 18 Prozent hatten sich krankgemeldet. "Ich weiß von Stationen, wo die Hälfte des Personals nicht zum Dienst kommen kann", berichtete Professor Alison Pittard vom Berufsverband der Intensivmediziner und Anästhesisten der Sunday Times. (Sebastian Borger aus London, 5.4.2020)