Im Gastkommentar fordert der Schulsprecher Mati Randow eine Matura ohne Prüfung mit Durchschnittsnoten der letzten Jahre.

Die Chance, rechtzeitig Klarheit zu schaffen, wurde verpasst. Durch Heinz Faßmanns schwammige Kommunikation ist jede Schule zur Brennpunktschule geworden. Der Versuch des flächendeckenden E-Learnings ist gescheitert, 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler sind für ihre Lehrerinnen und Lehrer nicht erreichbar. Es gibt keine klar formulierten Leitlinien zum Unterricht zu Hause, die Lehrpläne lassen angeblich genug Spielraum. Jetzt soll der Lernumfang auch noch von der schulautonomen Entscheidung der Direktorinnen und Direktoren abhängen.

Wie es mit der Schule weitergeht, ist, wie so vieles in der Corona-Krise, noch offen. Details zur Zentralmatura will der Bildungsminister nach Ostern verkünden.
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Nun könnte der Bildungsminister zumindest Schadensbegrenzung betreiben, indem er uns Schülerinnen und Schülern eine Perspektive bietet. Stattdessen spielt er mit dem Feuer und philosophiert von Schulöffnungen im Mai. Dann, wenn laut Gesundheitsminister in Österreich der Höhepunkt der Corona-Infektionen erreicht sein wird, sollen wieder zehntausende Schülerinnen und Schüler in enge Klassenräume strömen. Wie war das noch mal mit "Social Distancing?" Unsere Generation, eine der größten Virenschleudern überhaupt, hätte wieder direkten Kontakt zu Lehrerinnen und Lehrern, von denen sehr viele zur Risikogruppe gehören. Wir hätten täglich nichts anderes als riesige, generationenübergreifende Corona-Partys.

Keine echte Vertretung

Die 1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler Österreichs haben längst erkannt, dass Schulöffnungen vor September gesundheitlich fatal wären. Auch die Idee von Schulstreiks spricht sich unter Schülerinnen und Schülern schon herum. Öffentlich werden wir jedoch völlig falsch repräsentiert, eine echte Vertretung haben wir nicht. Unsere Bundesschulsprecherin Jennifer Uzodike von der Schülerunion (SU), de facto eine ÖVP-Organisation, spricht davon, dass keine Matura keine Lösung wäre. In den Medien übermittelt sie ihre Aussagen so, als würde die Schülerinnen und Schülerschaft hinter ihr stehen. Das ist jedoch nicht der Fall.

Das Wahlsystem der Bundesschülerinnen und Bundesschülervertretung (BSV) sieht folgendermaßen aus: In jedem Bundesland wählen alle Schülerinnen und Schüler der Oberstufe eine Schulsprecherin oder einen Schulsprecher. Diese wählen dann für ihren Schulbereich (AHS, BMHS, BS) eine Landesschülerinnen- und Schülervertretung (LSV). Die Spitzen der LSVs bilden schließlich die BSV, welche die Bundesschulsprecherin wählt. Gerade einmal 29 Personen sind hier wahlberechtigt, was knapp 0,0026 Prozent aller Schülerinnen und Schüler entspricht. Die Bundesschulsprecherin ist also schon grundsätzlich demokratisch nur äußerst schwach legitimiert. Statt aber mit uns Schülerinnen und Schülern ihre Strategie abzusprechen, uns zu hören und echt zu vertreten, tanzt sie nach der Pfeife der ÖVP. Dabei sind die Gründe, warum wir dieses Jahr gegen die Matura sind, sehr vielfältig.

Vielfältige Gründe

Alla (17), GRG Ettenreichgasse, lebt zusammen mit sieben anderen Menschen auf 56 Quadratmetern. Normalerweise geht sie zum Lernen in die Bibliothek oder in ein Café. Das geht jetzt nicht mehr. Sie fühlt sich hilflos und auf sich gestellt.

Idan (17), GRG Rahlgasse, sieht sich durch die schlechte Kommunikation des Ministeriums mental stark unter Druck gesetzt. Dass Maturantinnen und Maturanten erst vier Wochen vor dem angedachten Maturatermin überhaupt erfahren, ob es Prüfungen geben wird, hält er für nicht zumutbar.

Hanna (19), Musisches BG Salzburg, ist entsetzt, dass in dieser globalen Notlage 40.000 Schülerinnen und Schüler ihre Abschlussprüfung absolvieren sollen. Die Zentralmatura ist in ihren Augen auch sonst nicht fair, dieses Jahr hätte sie mit Chancengleichheit absolut nichts mehr zu tun.

Samuel (19), HTL Spengergasse, sieht sich selbst zwar in einer vergleichsweise privilegierten Situation, umso mehr aber auch in sozialer Verantwortung für andere. Für ihn wäre eine Matura dieses Jahr sozial gerecht nicht umsetzbar.

Endlich Klarheit

Was wir alle brauchen, ist Klartext vom Bildungsminister. Leider ist momentan aber die Wahrscheinlichkeit, dass Faßmann von seinem Bewertungsfetischismus abrückt, verschwindend gering. Vor wenigen Tagen erst wurde er vom Parlament mit Kompetenzen ausgestattet, die ein Abrücken von seinem Kurs nicht nahelegen. Doch die schulfreie Zeit vor September abzubrechen wäre fahrlässig und "sicher" nicht durchzuführen.

Deshalb ist die Ankündigung einer Matura ohne Prüfungen mit Durchschnittsnoten der vergangenen Jahre dringend nötig. So hat es schon die SPÖ-Schülerinnen- und Schülerorganisation "Aktion kritischer Schüler_innen" (AKS) gefordert. Einen Vorschlag dafür, wie mit dem restlichen Semester in allen anderen Jahrgängen verfahren werden soll, gibt es auch bereits. Der Wiener Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky fordert, das Schuljahr vorzeitig für beendet zu erklären und die Schulnachricht auch als Jahreszeugnis auszustellen. Wichtig wäre sozialpolitisch auch, alle Schülerinnen und Schüler zum Aufsteigen in die nächsthöhere Schulstufe zu berechtigen.

Klar ist – auf die Aussagen und Ankündigungen des Bildungsministers können wir nur erwidern: Sicher nicht! (Mati Randow, 6.4.2020)