Knapp 7.000 Menschen haben sich in Schweden bis Montagmittag mit dem Coronavirus infiziert, mehr als 420 sind bisher daran gestorben – so die erste Bilanz des Sonderwegs, den die rot-grüne Minderheitsregierung in Stockholm in Sachen Pandemiebekämpfung geht. Glaubt man den 2.000 Wissenschaftern, die sich vergangene Woche in einem offenen Brief an Ministerpräsident Stefan Löfven gewandt haben, führt er das ehemalige Vorzeigeland im hohen Norden Europas in eine Sackgasse.

Der Protest der in Schweden traditionell hochgeschätzten Experten kommt einem Weckruf gleich. Am Montag kündigte die Regierung an, ihre Strategie gegen das Virus zwar nicht vollends zu ändern, sie aber doch zu verschärfen. Am Freitag stellte Löfven sein Volk auf große Opfer ein, man werde "tausende Tote" zu beklagen haben, warnte er.

Heute Vormittag um 9 Uhr auf der Drottninggatan in Stockholm.
Foto: Jonathan NACKSTRAND / AFP

Fitnesscenter: Kein Problem

Im Gegensatz zum großen Rest Europas gehen die Uhren in dem skandinavischen EU-Land bisher nämlich anders. Im Groben setzen Löfven und Chefepidemiologe Anders Tegnell, wie hier berichtet, auf die Isolation der Risikogruppen und das ansonsten weitgehende Beibehalten des öffentlichen Lebens. Zwar sind Hochschulen längst auch zwischen Malmö und Luleå dicht, wer dort aber etwa im Fitnesscenter trainieren oder im Restaurant essen will, der oder dem setzt die Regierung keinen Riegel vor. Nur Altersheime, wo im europäischen Vergleich in Schweden besonders viele Seniorinnen und Senioren wohnen, wurden schon vor zwei Wochen unter Lockdown gestellt: Besuche dort sind verboten. Volksschulen und die Unterstufe der Gymnasien hingegen bleiben offen – jedenfalls vorerst.

Vor allem alte Menschen sind in Schweden – wie auch überall sonst – von Covid-19 betroffen.
Foto: Jonathan NACKSTRAND / AFP)

Immer mehr Tote

Denn angesichts der steigenden Totenzahlen (auf eine Million Einwohner kamen Ende vergangener Woche etwa 35 Tote, was einer fast dreimal so hohen Mortalität wie etwa im Nachbarland Norwegen entspricht) und des chronisch unterfinanzierten Gesundheitsbereichs (Schweden hat seit Jahren viel zu wenige Intensivbetten) wird der Protest gegen die laxen Vorkehrungen immer lauter. Am Montag suchte die Regierung um Sonderrechte im Kampf gegen Corona an, etwa um die Möglichkeit, Flughäfen und Bahnhöfe ohne das Placet des Parlaments schließen zu können.

Am 26. März bot sich in Stockholm dieses Bild: geöffnete Bars samt Happy Hour.
Foto: REUTERS/Colm Fulton/File Photo

"Wir haben gesehen, wie schnell sich die Situation in Schweden und Europa ändern kann, und brauchen deshalb mehr Möglichkeiten, um schnell darauf reagieren zu können", begründete Sozial- und Gesundheitsministerin Lena Hallengren den Schritt der Regierung. Das Parlament solle die gesetzten Schritte aber danach "so schnell wie möglich" begutachten können. Zudem sollen die neuen Rechte der Regierung höchstens für drei Monate eingeräumt werden.

"Wahnsinniges Experiment"

Dem Wissenschafter Marcus Carlsson von der Universität Lund gehen die bisher gesetzten Schritte nicht weit genug. In einem Video, das seither weltweit geteilt wurde, wirft er Löfven und seiner Regierung vor, Schweden einem "wahnsinnigen Experiment" zu unterziehen und die Bevölkerung "wie Schafe einer Katastrophe entgegensteuern" zu lassen. Bis zu 400.000 Menschen könnten in Schweden an Covid-19 sterben, wenn die Regierung nicht schleunigst gegensteuere.

Marcus Carlsson

Es scheint, als zeitige der Druck langsam Wirkung. (flon, 6.4.2020)