In Jena nimmt man es mitunter auch mit Humor.

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Diese Frau trägt in einer Jenaer Straßenbahn Maske – wie es der Vorschrift entspricht.

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"Wimfftomvessen" grummelt es von einem Sitz in der Straßenbahnlinie 1 in Jena. "Was sagst du?", wird der Mann von seiner Frau sehr laut gefragt. "Wir dürfen die Tomaten nicht vergessen", wiederholt der nun deutlich vernehmbar unter seiner erbsengrünen Maske hervor. "Ja, ja," ruft sie, und ihr himmelblauer Mundschutz wackelt ein bisschen. Dann schweigen beide wieder, wie die anderen auch in der Straßenbahn, die vorbei an blühenden Bäumen von Lobeda-West ins Jenaer Zentrum fährt.

Es macht nicht so viel Spaß, ein Gespräch mit Maske zu führen, erst recht, wenn deren Stoff eher dick ist. Jena, mit 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Thüringens, ist die erste in Deutschland, die eine Mundschutzpflicht erlassen hat. Das bedeutet: Wer zum Einkaufen, in Ämter oder Gebäude mit Publikumsverkehr geht, muss Mund und Nase bedecken. Gleiches gilt auch für öffentliche Verkehrsmittel – so wie es in Österreich ab Montag ebenfalls vorgesehen ist.

Kuscheln erlaubt

Es sieht ein wenig bizarr aus, wenn man von außen in eine Straßenbahn hineinblickt. Hinter den Fenstern sitzen aufgereiht die Passagiere, ausnahmslos alle sind verhüllt. Masken tragen nicht alle, es sind auch Schals oder Tücher erlaubt, Hauptsache, Nase und Mund sind nicht zu sehen. "Natürlich nervt es", sagt Lydia, die mit ihrer Tochter Vivien unterwegs ist und weiße Punkte auf weinrotem Stoff vor dem Mund hat. "Es ist heiß unter der Maske, und man versteht sich nicht wirklich gut." Ihre Tochter im Teenageralter – die Maske schwarz – lehnt sich an die Schulter der Mutter. "Wir dürfen ja kuscheln", sagt sie, "wir wohnen in einem Haushalt." Nachsatz: "Daheim tragen wir in der Familie natürlich keine Masken." Die beiden lachen laut, prompt rutscht der Mutter die Maske von der Nase. Aber auch wenn sie genervt sind, maskenlos in der Bim zu fahren käme für sie nicht infrage: "Wenn es irgendwas nützt, dann tragen wir natürlich dazu bei", sagt Lydia.

"Ausgerechnet ein Liberaler"

Außerdem: Wer gegen die Auflage verstößt und erwischt wird, muss 50 Euro bezahlen. "Es geht einfach darum, beim Husten, Niesen oder Sprechen die kleinen Tröpfchen, die in der Luft verteilt werden, wegzubremsen", sagt der Oberbürgermeister von Jena, Thomas Nitzsche. Er gehört der FDP an, und seine Maßnahmen sorgen für viel Gesprächsstoff nach dem Motto: ausgerechnet ein "Liberaler", ausgerechnet ein Vertreter jener Partei, die die Freiheits- und Bürgerrechte immer so hochhält.

In Jena aber steht das größte Klinikum Thüringens, es hat 5.000 Mitarbeiter und 1.000 Betten. Also entschied Nitzsche nach Beratungen mit dem Uniklinikum und dem Gesundheitsamt rigoros, die Stadt Jena hatte auch früher als andere Kommunen Lokale und Fitnesscenter geschlossen. "Könnte ja sein", dass in Jena bald alle "Ganzkörperanzüge" tragen müssen, ätzte Thüringens grüne Umweltministerin Anja Siegesmund, die in Jena wohnt, auf Twitter.

Martin, ein 24-jähriger Student, findet das nicht gut. Er sitzt mit Sonnenbrille und einem Tuch mit Totenkopf über dem Mund in der Straßenbahn und sagt: "Das ist doch kein großes Thema. Tuch beim Einsteigen rauf, Tuch beim Aussteigen runter, ich weiß nicht, warum sich da überhaupt manche Leute aufregen." Er fühlt sich nicht eingeschränkt oder gegängelt. Im Gegenteil: "Gerade in öffentlichen Verkehrsmitteln möchte man manchen Leuten ohnehin nicht zu nahe kommen, Stoff als Barriere ist voll okay." Andererseits: So viel ist im Moment nicht los, die meisten bleiben ja zu Hause.

Rot und selbstgenäht

Unterwegs in herrlichem Sonnenschein sind Dirk und Renate. Beiden Senioren tragen auch am Marktplatz Masken. Rot sind sie, Renate hat sie selbst genäht. "Sehr feiner Stoff, innen mit Flies", wie sie betont. Dass sie im Freien keinen Mundschutz bräuchten, wissen die beiden. "Wir sind gerade mit dem Bus gekommen, jetzt gehen wir Lebensmittel kaufen, dann zur Post. Da lass ich das Ding gleich oben, mir ist das egal", meint Dirk. Renate findet einen Aspekt gar nicht schlecht: "Wenn man im Bus so schaut, dann sieht man, wie kreativ und verschieden die Leute sind."

Dazu trägt auch die "Initiative Innenstadt Jena" bei. Gewerbetreibende haben sich zusammengeschlossen und nähen Masken, diese werden ehrenamtlich Helfenden, Hebammen sowie Mitarbeitenden im Gesundheits- und Pflegebereich, die keinen staatlichen Zugang zu geeigneter Schutzausrüstung haben, zugutekommen. Denn es gibt auch in Jena nicht genug Masken. Die vielen, die die Initiative schon verschenkt hat, "haben ein hohes Fashion-Potenzial", sagt Citymanager Hannes Wolf. Aber vielmehr gehe es darum: "Wir wollen Solidarität zeigen."

Figurschonend

Und in der Straßenbahn, die gerade ins "Paradies", so heißt die Haltestelle, einfährt, erklärt eine junge Frau mit Augenzwinkern, warum sie der Maske sogar was Positives abgewinnen kann: "In der Bahn nasche ich gern, ich habe immer Schokolade in der Handtasche. Aber das ist mir jetzt mit der Maske zu mühsam, also fallen ein paar Kalorien weg." (Birgit Baumann aus Jena, 7.4.2020)