In Madrid wird diese Woche beim Masters-Tennisturnier serviert, retourniert und volliert. Natürlich nur virtuell. Es werden 150.000 Euro Preisgeld ausgeschüttet. Dominic Thiem kann übrigens wegen Problemen mit der Internetverbindung nicht teilnehmen. In der Formel 1 werden Rennen von prominenten Fahrern wie dem Red-Bull-Piloten Max Verstappen auf dem Computer simuliert, beim "Quaran-Team"-Turnier duellieren sich mehr als hundert Fußballmannschaften aus aller Welt, darunter Manchester City oder Salzburg, auf virtuellem Rasen. Und Millionen von Computerkids eifern ihnen nach.

Rafael Nadal (links und vorn) kann es auch virtuell – den Kanadier Denis Shapovalov schlug der Mallorquiner auf der Konsole mit 4:3.
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Ferngesellschaft

Angesichts der Corona-Pandemie rückt E-Sport mehr denn je ins Rampenlicht. Ist das der Sport der Zukunft vor der Wende zu einer digitalen, kontaktarmen Ferngesellschaft? "Nein, E-Sport kann körperliche Bewegung nicht ersetzen", sagt der Sportpsychologe Georg Hafner dem STANDARD. "Gerade in Zeiten von Homeoffice und dadurch oftmals verstärktem Bewegungsmangel darf auf den eigenen Körper nicht vergessen werden. Das heißt aber nicht, dass E-Sport per se schlecht ist."

Hans Jagnow, der Präsident des deutschen E-Sport-Verbandes ESBD, sagt, dass E-Sport neue soziale Räume im Kampf gegen Isolation schaffe und Ablenkung beim Zuhausebleiben biete. "Es braucht eine gesunde Balance mit anderen Aktivitäten. Den ganzen Tag auf Social-Media-Kanälen zu verbringen, ist genauso schädlich wie stundenlang Computer zu spielen", sagt Psychologe Hafner.

Klar

Die Meinung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu E-Sport ist klar. In einem Rechtsgutachten aus dem vergangenen Jahr wurde E-Sport nicht als Sport anerkannt. E-Sport sei ohne digitale Kommunikationsgeräte nicht durchführbar. Zudem sei die körperliche Aktivität nicht maßgebend, Training im körperlichen Bereich keine wesentliche Bedingung.

"Gesünder ist der Genuss als die Sucht." Sportpsychologe Georg Hafner rät dazu, mal zwei oder drei Tage Pause zu machen.
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Psychologe Hafner denkt an die Formel 1. In den Kurven wirke das Fünffache des eigenen Körpergewichts auf die Fahrer. "Wer schon einmal Gokart gefahren ist, kennt die Fliehkräfte, die auf die Halsmuskulatur wirken. Ein Formel-1-Rennen auf dem Computer fordert andere Muskelbereiche, die Konzentrationsfähigkeit wird beansprucht, kognitive Bereiche im Gehirn verbessert. Was aber nicht zum Trugschluss verleiten darf, dass man stundenlang vor dem Computer sitzen soll, um die Konzentration zu trainieren."

"Das kann nicht im Sinne des Sports sein."

Das Österreichische Olympische Comité (ÖOC) schließt sich der Meinung des DOSB an, würde E-Sport "nie als olympische Disziplin in Erwägung ziehen". ÖOC-Präsident Karl Stoss habe großen Respekt vor den Fähigkeiten der E-Sportler. "Aber das hat im herkömmlichen Sinne nichts mit Sport zu tun." Shooter-Spiele, in denen es um Gewalt geht, lehnt er ab. "Das trägt nicht zur Völkerverständigung bei. Man sucht sich bewusst Feinde aus und versucht, die zu vernichten. Das kann nicht im Sinne des Sports sein."

Corona-Krise, das bedeutet neben weniger sozialen Kontakten und geschlossenen Schulen auch gesperrte Sportplätze, wodurch das Bewegungsangebot weiter eingeschränkt wird. Kinder von den Computern wegzuholen wird dieser Tage noch schwieriger. Hafner: "Kreativität kann helfen. Man könnte neue Bewegungsmuster mit Kindern lernen wie etwa Jonglieren. Aber auch ein ausgedehnter Spaziergang ist schon ein Anfang." Und in dieser herausfordernden Zeit dürften Eltern auch einmal ein Auge zudrücken, wenn ihre Kinder zu lange vor dem Computer sitzen.

Computerspielen, das heißt auch oft stundenlang vor der Kiste sitzen.
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Genuss und Sucht

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es mittlerweile eine offizielle Empfehlung fürs Computerspielen. Das ist insofern erstaunlich, als die WHO erst vor knapp einem Jahr Online-Spielsucht offiziell als Krankheit ausgeschrieben hat. "Wir ermutigen alle to #PlayApartTogether", twittert WHO-Botschafter Ray Chambers. Ist das eine gute Nachricht für Millionen von Computerkids? Hafner: "Man kann in fast allen Lebensbereichen von etwas abhängig werden. Man muss das Computerspielen nicht verfluchen. Gesünder als die Sucht ist natürlich der Genuss. Das heißt, man hält es auch einmal zwei oder drei Tage ohne Spielen aus, man braucht es nicht täglich." (Florian Vetter, 29.4.2020)