Erst im Herbst aktiv: Scarlett Johansson als "Black Widow".

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James Bond, der alte Recke, war seiner Zeit voraus. Die Startverschiebung von No Time to Die in den November war die erste große Änderung im Kinokalender, die das Coronavirus bewirkt hat. Seit März häufen sich die Terminverschiebungen mit einer Frequenz, dass einem schwindlig werden kann. Die Filmindustrie, vor allem große US-Studios, plant von jeher um Jahre voraus. Insbesondere bei den sogenannten Tentpole-Produktionen, also jenen mit viel Aufwand beworbenen Blockbustern, die einem Studio die ganze Saison finanzieren helfen, ist es wichtig, den idealen Starttermin zu finden.

Gerade für dieses Segment ist die mit Mai startende Sommersaison besonders wichtig. Denn bis zu 40 Prozent der Einnahmen (rund vier Milliarden Dollar) werden in diesem Zeitraum erwirtschaftet. Auf die Aussicht, dass sich die Pandemie nicht zuletzt in den USA bis dahin kaum beruhigt haben wird, reagierten die US-Majors in den letzten Tagen mit neuerlichen Anpassungen. Vom US-Sommerkino ist seitdem wenig übrig. Optimistisch ist allenfalls der neue Starttermin der Realfilmvariante von Mulan von 24. Juli (ursprünglich März). Bei der Marvel-Comic-Adaption Black Widow mit Scarlett Johansson geht Disney schon auf Nummer sicher und wechselte von Mai auf 6. November. Wie weit das Termin-Domino in die Zukunft führt, kann man daran sehen, dass der neue Indiana-Jones-Film von 2021 gleich um ein Jahr verschoben wurde.

Risikorelease im August

Auch Universal, Warner und Sony haben bereits mehrere Blockbuster umgebucht, die Strategien sind unterschiedlich – man möchte sagen: experimentierfreudig. Fast and Furious 9 wandert auf 2021, Top Gun Maverick in den Dezember, Warner riskiert mit Wonder Woman 1984 noch einen August-Release. Christopher Nolans Spionagethriller Tenet mit John David Washington und Robert Pattinson, einer der geheimnisumwittertsten Filme des Jahres, hat immer noch seinen unwahrscheinlichen 17.-Juli-Termin, während Wes Andersons The French Dispatch bereits in den Oktober gewandert ist.

Trotz mancher Spekulation, ob der eine oder andere Film nur "on demand" veröffentlicht wird, gilt dies bei dieser Art von High-End-Filmen als äußert fraglich, weil es sich wirtschaftlich nicht rentieren würde. Bisher haben einzelne Studios nur den digitalen Start bereits im Kino (teil)verwerteter Filme wie des Animationsfilms Onward vorgezogen. Wenn die Verkürzung der Auswertungsfenster von der Corona-Krise übrig bliebe, würde dies den Kinos allerdings dennoch schaden. Sie profitieren schließlich nicht nur vom Effekt des Events und der Großleinwand, sondern auch von der Exklusivität des Gezeigten.

In eine ähnlich Kerbe schlug Cannes-Direktor Thierry Frémaux im Branchenblatt Variety, als er meinte, es werde keine Onlineausgabe des Filmfestivals geben. "Die Filme werden nicht verschoben, damit man sie auf einem digitalen Gerät schauen kann." Eine Lösung dafür, wie man bei Absage des für Juni/Juli anberaumten Großereignisses Filme in die Auslage stellt, hat er nicht. Eine "improvisierte Variante" zu Cannes oder Venedig, also ein "Pfusch", sei aber der falsche Weg. (Dominik Kamalzadeh, 9.4.2020)